Kerners künstliche Aufregung über Twitter

Eine Journalistenrunde macht sich bei Twitter über Kerner lustig – und stellt sich damit selbst journalistisch ins Abseits.

Johannes Baptist Kerner fand ich mal super. Das traut man sich heute fast nicht mehr zu sagen. Aber ich weiss noch genau, wie er das erste Mal «ran» moderiert hat, 1992 war das laut Wikipedia, wie er reinkam und sagte, er sei so nervös, er würde sich krampfhaft an seinen Notizen festhalten. Echt sympathisch war das damals, und Kerner und sein Chef Beckmann kamen neu, jung und unverkrampft rüber.

17 Jahre später ist nichts mehr davon übrig. Kerner stellt in seiner Sendung von gestern, zum Thema «Wahlprogramme und Wahlversprechen» nach, wie er sich bei Twitter sucht und ein Fake-Profil findet, und diskutiert das dann mit einigen teilweise verrenteten Journalisten vom ZDF. Die kurze «Diskussion» ist ein Armutszeugnis für den Berufsstand.

Seine inhaltliche Beschäftigung mit dem Medium dauert genau 20 Sekunden:

  • «Wir können ja mal gucken, was da so geschrieben wird» (schade, dass er nicht noch ein «ganz unvoreingenommen» reingefaked hat, das hätte die Schmierenkomödie noch etwas authentischer gemacht)
  • (tiefer Seufzer beim Scrollen)
  • «also, das ist ja alles nicht wichtig…»
  • vorgelesen: «’Die haben die Kurve ja doch noch ganz gut bekommen‘ – keine Ahnung, was das heissen soll» (daneben steht ein bit.ly-Link, den er natürlich nicht mitliest, und der auf «geh nicht hin!» verweist)
  • «mein Beileid an die und jene Familie» (hier anonymisiert er, ohne dass man wüsste, wieso, denn der Tweet lautet eigentlich: «Mein tiefstes Beileid an die Familie der alten Kollegin Ilona Christen»
  • «Glückwunsch an Boris und Lilly!, hahaha, ist aber auch schon ein paar Tage her» (in der Tat, das Profil ist seit sechs Wochen inaktiv)

Nach einer an dieser Stelle überraschenden Auslassung, wie wenig das alles mit Journalismus zu tun hat (was wohl auch nicht wirklich der Anspruch des Fake-Twitterers war), konstatiert Kerner: «Das ist also alles ein völliger Unsinn!» und klappt mit grosser Pose und einer Bemerkung über «diesen Affen» den Laptop zu, natürlich zum Applaus des Publikums.

Die Reaktionen der Studiogäste:

  • Steffen Seibert (Jahrgang 1960): «Ich sehe das genauso, wüsste nicht, was ich damit soll, aber (…) im Iran war Twitter eine wirklich wichtige Quelle.» Das ist das alte Journalisten-Argument: «Blogs sind super – in China.» (Musterjournalist Kerner wirft zum Thema Quelle aufgeregt ein: («… die zu checken sind!»)
  • Zwischendurch entblödet sich Kerner nicht, auch noch zuzugeben: «Ich will nochmal sagen, wir haben das nicht vorbereitet, gut, ausser vor der Sendung, die Kollegen, die haben das vor der Sendung gesehen, dass unter meinem Namen da irgendwas getwittert wird — das braucht kein Mensch!
  • Dieter Kronzucker (Jahrgang 1936): «Twittern, hast Du ja schon gesagt, Zwitschern: Das ist eigentlich ‚Geschwätz‘. Und wenn man das auf Deutsch Geschwätz nennen würde und nicht Twitter, dann würde man es nicht so ernst nehmen.» (Kerner verstärkend: «Dann würde keiner mitmachen!»)
  • Seibert: «Bei den Politikern ist es pure Ranschmeisse an ein vermutetes junges Publikum.» (macht eine diffuse Mischler-Geste, um das ‚vermutete junge Publikum‘ manuell etwas in Misskredit zu bringen) «Ich glaube, dass das vermutete junge Publikum eher darüber lächelt.»
  • Wolf von Lojewski (Jahrgang 1937): «Aber wer weiss, wie lange noch. (…) Ich habe früher auch vom Internet nichts gehalten, und habe das sogar auf Podiumsdiskussionen vertreten, weil das so unseriös ist und man die Quelle nicht kontrollieren kann, also all das, was wir hier jetzt reden… Und heute? Was wären wir ohne Internet? Das ist eine tolle Sache.
  • Kerner fängt die aufkeimende sinnhafte Diskussion mit einem dummen Witz ab.
  • Was für ein Selbstbild haben diese drei Leute eigentlich in dem Moment? Ein journalistisches? Dort sitzen eigentlich ehrenvoll ergraute Herren und lassen sich von einem, der schon lange nicht mehr den Anspruch hat, journalistisch zu arbeiten (deswegen darf er natürlich auch Werbung machen), live vormachen, wie es ist, wenn man unvorbereitet 30 Sekunden lang «recherchiert», um dann sofort zu konstatieren, was für ein Unsinn das alles ist.

    Zwei Sachen zugegeben:

    1. Twitter bedingt eine gewisse Lernkurve. Wenn man nicht weiss und auch nicht wissen will, wie es funktioniert, sondern nur die Timeline eines Users liest, kann es durchaus etwas erratisch wirken. Wie übrigens andere Kulturtechniken auch: Wenn man einen Brief liest, der eine Antwort auf einen anderen Brief ist, werden einem schnell einige Aussagen komisch vorkommen. Ja, sogar ein deutscher Tourist versteht nicht jede Schlagzeile in der NZZ von heute ohne Kontext: «Düstere Aussichten für Energy» – ist das ein Red-Bull-Imitat? (Nein.) Die Aussage «Twitter habe ich unterschätzt, das muss ich zugeben» habe ich inzwischen von mehreren intelligenten, d.h. zur Reflexion fähigen Menschen gehört.

    2. Es ist sicher doof, wenn sich ein Fake-Account als man selbst ausgibt, egal wo. Ich finde den Fake-Gorilla von @blogwerk noch ganz lustig, aber wohl auch nur, weil er nichts schreibt. Wenn jemand das als Peter Hogenkamp machen würde, würde es mich ärgern. Aber das ist halt der Preis der (selbst gesuchten) Prominenz. Und nebenbei, es würde eine Mail an Twitter kosten, und der Account wäre suspended, aber das scheint in der Kerner-Redaktion entweder niemand zu wissen, oder es interessiert keinen, denn darüber kann man sich schlechter echauffieren.

    Fazit: Kerner amselig polemisch, Seibert zu wenig differenziert, Kronzucker am Thema vorbei. Nur Lojewski mit Fähigkeit zur Reflexion, die eigentlich jedem Journalisten in die Wiege gelegt sein sollte. Danke!

    26 Gedanken zu „Kerners künstliche Aufregung über Twitter“

    1. >1. Twitter bedingt eine gewisse Lernkurve. Wenn man nicht weiss und auch nicht wissen will, wie es funktioniert, sondern nur die Timeline eines Users liest, kann es durchaus etwas erratisch wirken. Wie übrigens andere Kulturtechniken auch: Wenn man einen Brief liest, der eine Antwort auf einen anderen Brief ist, werden einem schnell einige Aussagen komisch vorkommen.

      Kann ich überhaupt nicht nachvollziehen die aussage!
      Bei soup.io geht das mit dem antorten @ replies und reposten auch alles.
      Und man ist nicht auf lächerliche 140 zeichen beschränkt!

      http://www.Soup.io kann man entweder wie ein blog benutzen,oder wie ne linksammlung,wie ein sammelbecken für alle anderen netzaktivitäten oder oder!

      Wo genau soll der vorteil von twitter sein`?
      Die 140 zeichen wohl kaum,denn das das nciht der vorteil ist zeigen halt dies egnazen bit.ly,kürzer.de und co sachen!

    2. Der Witz von Kerner („Papa, …“) ist nicht nur dumm, sondern vermutlich auch geklaut.

      Ich hab den vor Monaten das erste mal bei twitter.com/netzpolitik gelesen. (Und fand ihn damals – und heute noch – gar nich so dumm, weil er zum einen das Selbstverständnis der nachwachsenden Generation im Umgang mit dem Netz verdeutlicht, und zum anderen auf die allmählich immer bedeutender und selbstverständlicher werdende Trennung von Infrastruktur (Netz) und Zugangsmöglichkeiten (Computer, etc.) hinweist.)

    3. Das tut wirklich weh das Video zu sehen. Vor allem, weil man weiß, dass das dort Gezeigte nun für viele „die Wahrheit“ ist. „Kam ja im Fernsehen.“ Außerdem hat das Fernsehen ja leider eine viel größere Reichweite.

      Das macht das Ganze erst so schlimm. Nicht dass die da Unsinn reden. Sondern dass die Unsinn reden und viele das sehen und glauben, dass sie recht haben.

    4. Typische Herangehensweise an das Medium, unabhängig von Twitter. Zuerst fällt ihm das Logo auf. „Ich weiss nicht wie das rechtlich ist.“ Aber er hat recht. Er kann nicht überprüfen wer was geschrieben hat und ob es stimmt. Aber das liegt dann eher an seinen „journalistischen“ Fähigkeiten. Andere könnten das.
      Stell mir gerade vor wie er es schafft die ganzen Werbeverträge zu unterschreiben. „Schau mal. Da steht mein Name. Ist das rechtlich OK?“ „Ja JBK, unterschreib. Ich zeig dir wo.“

    5. Kerner ist kein Journalist, Kerner ist Entertainer. Dem ist es völlig egal, ob das Thema Twitter oder Titten heisst – gut ist, was Quote bringt. Und Quote macht man bei einem Rentnersender in Zeiten des Zeitungssterbens eben damit, neue Medien zu verteufeln.

      ZDF 2009: Fernsehen für ängstliche Ewiggestrige. Auch eine Errungenschaft.

    6. Ganz unrecht hat Seibert aber nicht, finde ich. Twitter ist – normalerweise (einige Ausnahmen nennt Seibert selbst) – keine journalistische Plattform. Das war es noch nie und sollte es auch nie sein. Dass man auf 140 Zeichen keinen qualitativ hochwertigen Journalismus betreiben kann, ist klar.

      Bei vielen Journalisten herrscht ein großes Missverständnis: Weil Twitter ein Massenmedium ist, muss man an dieses Medium auch journalistische Ansprüche stellen. Und das ist natürlich Quatsch.

      Aber um Twitter verstehen zu können, muss man das Internet verstanden haben. Zum Beispiel, dass das Internet von Links lebt und dass Twitter hochwertige journalistische Inhalte über genau solche Links verbreitet. Und dass das Internet in erster Linie ein Kommunikationsmedium ist. Diese Kommunikation hat sich aber im Laufe der Zeit immer mehr geöffnet und wird zum Teil nicht mehr nur unter vier Augen, sondern vor der ganzen Welt geführt. An eine SMS würde auch niemand journalistische Ansprüche stellen. Aber genau das ist Twitter: Eine SMS, die für jeden einsehbar ist.

      Ich persönlich bin gar kein so großer Freund von Twitter. In 140 Zeichen habe ich einfach nicht viel zu sagen. Wenn ich etwas loswerden möchte, dann will ich dafür den Raum haben, den ich dafür brauche. Deshalb meine ich auch, dass viele Leute Twitter einfach zu ernst nehmen. Twitter ist ganz niedlich und hin und wieder auch ganz nützlich, aber doch keine ernsthafte Gefahr für „großen“ Journalismus.

    7. Hogenkamps künstliche Aufregung über Kerners künstliche Aufregung.
      Fazit: Es interessiert keinen. Twitter ist in ein paar Jahren weg, Blogger ebenso, also was soll’s.

    8. Exakt so würde jeder Artikel bei mir über Kerner auch anfangen. Ich war ein echter Fan als er noch vor ran bei 94.3-rs2 in Berlin moderiert hat. Selbst sein Daily-Talk hat sich wunderbar abgehoben…Aber heute!

      Kerner ist der neue Heck hat Stefan Niggemeier dann mal gesagt und so ist das wohl auch.Leider!

    9. ich selbst kann mit twitter nicht viel anfangen, sehe derzeit für mich als blogger keinerlei nutzen darin, außer ich würde einen tweet hinterlassen, wenn ich einen neuen beitrag gepostet habe. aber meinen lesern dürfte das auch so auffallen.

      ich sehe aber durchaus, warum es für andere einen reiz hat. wenn man nicht gerade einen dialog daraus macht wie beim „hin-und-her-smsen“, der ansonsten niemanden interessiert, kann twittern sicher auch einen gewissen unterhaltuns- und informationswert haben.

      diese meinung erlaube ich mir als jemand, der bisher überwiegend nur artikel zu twitter gelesen, bisher aber selbst kaum auf der seite reingeschaut hat.
      als journalist sollte man sich daher erst recht noch tiefergehend mit einer materie beschäftigen, bevor man sie so vorschnell als unsinnig abtut. schließlich darf man von einem hauptberuflichen journalisten außer einer eigenen meinung auch noch ein bißchen professionalität im vergleich zu einem hobbyblogger wie mir erwarten. und dazu gehört eben auch recherche.

      auf ihren artikel wurde ich übrigens durch das heutige „6 vor 9“ im bildblog aufmerksam.

    10. Danke für diesen Beitrag! Als ich das am Dienstag verfolgt habe, dachte ich: Wenn das in keinem Blog thematisiert wird in den nächsten 48 Stunden, dann muss ich wohl oder übel selbst ein Medienblog eröffnen. Und davon gibt’s ja nun wahrlich genug eigentlich.

      Danke, dass ich meine Aufmerksamkeit nun anderen Dingen widmen kann, während meine Blogroll um eins erweitert wird ;)

    11. „Das ist ein völliger Unsinn. Dieser Kerner ist völlig gehaltlos für normaldenkende Menschen. Und ich hoffe alle, insbesondere die Mitlesenden haben nichts dagegen wenn ich mit diesem Medium Fernsehen entgültig abschließe.“ 0:56-1:06

      Vorsicht, in Köln-Mülheim wird wohl bald ein Fernseher auf dem Bürgersteig zerschellen…

    12. In letzter Zeit bekommt der gute JBK viel Gegendwind aus der Netzkommunitie, das wird ihm nicht gefallen, weshalb er vielleicht zu solchen Mitteln greift. Schade, dass es so kommen muss. Freunde macht er sich damit nicht – außer bei der CDU.

    13. Da scheint sich ein Twitter-Freund auf den Schlips getreten zu fühlen. Bei Twitter findet sich in der Masse tatsächlich nichts weiter als sinnloses Geschwätz, Kronzucker liegt da durchaus richtig. Und auch Seibert hat recht, wenn er sagt, dass das bei Politikern nichts weiter als Ranschmeißerei ist. Seiberts Einwand, dass Dienste wie Twitter in Ausnahmefällen durchaus nützlich sein können, lässt du geflissentlich unter den Tisch fallen.

      Mit deiner mehr oder weniger direkten Behauptung, da hätte eigentlich niemand gesessen, der „zur Reflexion fähig“ wäre, entblößt du dich letztlich nur selbst: Nämlich als jemand, der negative Reflexion nicht verknusen kann, jemand, der selbst nicht in der Lage ist, zu reflektieren. Da beleidigen ein paar alte Säcke dein Lieblingsspielzeug und du fängst an zu weinen, anstatt zugeben zu müssen, dass es keine Sau interessiert, wenn Anna, Berta oder Paule der Welt verkünden, ihnen wäre gerade ein Marmeladenbrot heruntergefallen. Oder was für ein widerliches Arschloch der Kandidat bei Raab wäre. Oder, oder, oder.

    14. Ich mag Kerner auch nicht und fand seine „Analyse“ auch nicht treffend, doch man sollte vielleicht beachten, dass diese Sendung nun mal eine Talkshow ist und keine Journalistische Reportage oder ähnliches. Wenn ich beim sappen mal bei Kerner gelandet bin, dann wurde da NIE irgendwas wirklich ernsthaft diskutiert. Was ich sagen will: So ist das Konzept der Sendung!

    15. Natürlich ist bei Twitter viel Geschwätz dabei – ist nicht anders bei dem, was so den lieben langen Tag unseren Mund verlässt.

      @Otto Normalverbraucher
      Seibert hat recht, wenn er sagt, dass das bei Politikern nichts weiter als Ranschmeißerei ist.

      Ach ja? Woher willst du das wissen? Bei uns Grünen wird Twitter durchaus während Parteitagen zur (öffentlichen) parteiinternen Diskussion genutzt – und natürlich auch mit anderen, die sich in die Debatte einmischen.

    16. Twitter ist „microblogging“ oder „chat in slow-motion“.

      Das kapieren hier viele der Kommentatoren wie es scheint so ganz und gar nicht, meinen aber darüber urteilen zu können ohne sich auch nur annähernd damit beschäftigt zu haben.

      Ist ja nahegerade erschreckend. „Twitter ist in ein paar Jahren weg“. Herrlicher Kommentar.

      Wie die Tageszeitungen, hm?

    17. Seit der Autobahngeschichte ist doch klar dass Kerner ein oberflächlicher populistischer Selbstdarsteller ist, der nicht davor zurückschreckt jemand öffentlich aufs übelste zu Mobben.
      Jemanden erst einzuladen in eine Sendung und (um ?) ihn dann rauszuwerfen disqualifiziert jemanden in meinen Augen menschlich.
      Jiournalistischen Anspruch hab ich bei ihm nie vermutet.

    18. Pingback: livechat sex
    19. Johannes Baptist Kerner fand ich mal super. Das traut man sich heute fast nicht mehr zu sagen. Aber ich weiss noch genau, wie er das erste Mal «ran» moderiert hat, 1992 war das laut Wikipedia, wie er reinkam und sagte, er sei so nervös, er würde sich krampfhaft an seinen Notizen festhalten. Echt sympathisch war das damals, und Kerner und sein Chef Beckmann kamen neu, jung und unverkrampft rüber.

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