E-Books nur «vorübergehend»?

Ein Zürcher Buchhändler sieht «im gegenwärtigen Erfolg des E-Books eine vorübergehende Begeisterung», weil viele junge Leute in seine Buchhandlung kommen. Das halte ich für realitätsfremd.

Dass schon wieder eine Zürcher Buchhandlung schliesst (der «Travel Book Shop», siehe Artikel «Das Buch ist keine Ware, sondern ein Wert» in der NZZ von heute, Seite 11 – Update: jetzt auch hier online) ist zweifellos traurig. Ehrlich, ich finde das sogar bei Läden traurig, ich denen ich fast nie etwas gekauft habe.

Dass allerdings jetzt viele Buchhändler meinen, die Wiedereinführung des Preisbindung würde sie retten, halte ich für eine vergebliche Hoffnung. Die Preisbindung wird vielleicht den Kleinen gegen die Grossen helfen, aber sie wird den Strukturwandel allenfalls etwas hinauszögern. Eine kleine Buchhandlung muss nach wie vor ihre Nische finden. Ich kaufe nach wie vor recht viele Bücher (von denen ich dann leider deutlich weniger viele ganz durchlese), und der Preis spielt für mich nur eine sekundäre Rolle. Ich würde auch nie bei Ex Libris online bestellen, wenn dort ein Buch CHF 5.- billiger wäre, wenn ich gerade in einem anderen Laden stehe und es dort direkt mitnehmen kann.

Aber das nur nebenbei. Eigentlich hatte mich in dem genannten NZZ-Artikel von heute etwas ganz anderes einmal mehr den Kopf schütteln lassen.

Ricco Bilger von der Buchhandlung Sec 52 an der Josefstrasse sieht das aber etwas anders. Eine kompetent geführte Buchhandlung mit einem gut sortierten Spezialsegment habe durchaus Chancen. (…) Vielleicht zeichnet sich für das Buch aber doch ein Silberstreif am Horizont ab. Obwohl die Branche letztes Jahr um über 7 Prozent rückläufig war, verzeichnete Ricco Bilger in den vergangenen drei Monaten sehr starke Umsätze. Er sei mit seinen 56 Jahren oft der älteste im Laden. Eine junge Generation zwischen 18 und 25, die mit den neuen Medien aufgewachsen sei, entdecke das Buch, sagt er. Mit seinem gut sortierten Allgemeinprogramm mit Liebhabereien und Nischenbereichen hat Bilger gegenüber dem Internet in der Tat einiges voraus. (…)

Das glaube ich ihm sofort, und das kann auch gut noch 20 Jahre so bleiben. Ich bin überzeugt, dass es Bücher noch sehr, sehr lange geben wird.

Bilger glaubt denn auch an das Buch und sieht im gegenwärtigen Erfolg des E-Books eine vorübergehende Begeisterung.

Das wiederum halte ich für etwas realitätsfremd. Ich glaube unbesehen, dass gerade die sogenannten «Digital Natives» es auch geniessen, mal ein Buch zu lesen. Aber ein paar junge Leute in einem hippen Buchladen im Kreis 5 sollen wirklich ein Beleg für die Renaissance des Buchs sein?

Eigentlich ist es müssig, ein weiteres Mal das vielzitierte Beispiel Vinyl vs. CDs zu bringen, weil es so offensichtlich ist. Ja, es gibt noch Schallplatten. Aber mit 600’000 Pressungen im Vergleich zu 71 Millionen im Jahr 1984 (Zahlen für Deutschland bei Wikipedia) fristen sie nun mal ein Nischendasein.

(Und nun werden CDs auch schon wieder abgelöst durch Downloads. Neulich habe ich im ICE eine Frau mit einem Diskman gesehen, das sah zwischen all den Laptops, Smartphones und iPads fast so anachronistisch aus wie ein Walkman. Es wird spannend zu sehen, ob es auch eine Vintage-CD-Bewegung geben wird. Ich denke schon: Die Leute sammeln ja allen Scheiss, wieso nicht auch CDs.)

Zurück zum Buch: Wie gesagt, das gedruckte Buch dürfte noch eine lange Lebensdauer vor sich haben, eine längere übrigens auch als die gedruckte Tageszeitung, glaube ich (zeitlose Inhalte, Distribution weniger teuer, Haptikargument noch wichtiger), aber dass es eine dramatische Verschiebung zum E-Book geben wird, die ja längst läuft, scheint mir völlig ausser Frage.

Insofern: Toi, toi, toi für alle Buchhandlungen. Ich will nicht, dass Ihr geht, und ich habe mein Verhalten schon insofern angepasst, dass ich gedruckte Bücher möglichst im lokalen Handel kaufe und nicht mehr bei Amazon. Aber ich werde trotzdem deutlich mehr E-Books kaufen.

24 Gedanken zu „E-Books nur «vorübergehend»?“

  1. In den letzten Sommerferien in Spanien war da eine gute Truppe dieser 25 Jährigen dabei. Die einzigen „Bücher“ die es da in Buchform gab waren Kite- sowie Spanischlernbücher. Jemand hatte noch ein Kindle dabei. Die Jungs haben sich regelrecht um dieses Gerät respektiv um Lesezeit gestritten. Hatte halt für jeden ein gutes Buch/Geschichte auf dem Gerät drauf.

  2. Da hat Herr Bilger vielleicht sogar recht. Das E-Book, so wie es sich heute darstellt, könnte noch vor dem gedruckten Buch wieder verschwinden. Das digitale Buch muss verlinkbar sein, damit es von den Vorteilen des Netzes richtig profitieren kann. Es wird auf jeden Fall spannend, die nächsten Jahre. Und ich hoffe, dass wir der Buchpreisbindung am 11. März klar und deutlich eine Absage erteilen. Solche Gesetze verhindern vor allem Innovationen in einer Branche, die diese dringend nötig hätte.

  3. @Olaf: Kann ich mir gut vorstelle. Ich kenne zahlreiche solche Geschichten aus allen Lebensbereichen. Es ist halt immer dasselbe — aber jedes Mal müssen wir diese öden Diskussionen führen.

    @Andreas: Guter Punkt, wobei ich anhand des Satzes «Bilger glaubt denn auch an das Buch und sieht im gegenwärtigen Erfolg des E-Books eine vorübergehende Begeisterung» denke, dass Herr Bilger etwas anderes meint als Du. Aber dass proprietäre E-Books nicht der Weisheit letzter Schluss sein können, damit bin ich hundertprozentig einverstanden.

  4. @Matthias
    Das ist zwar schon viel besser als nichts, aber nicht das, was mir vorschwebt. Kindle Bücher sind gut und recht, aber sie sind Content-Silos im DRM Korsett.

    Bücher sollten digital publiziert werden, wie jede andere Website auch. Als verlink- und damit verteilbare (sharable), sowie kommentierbare, HTML Seiten. Natürlich je nach Device und Anwendungsfall in verschiedenen Formaten darstellbar.

  5. Ich hoffe da schon eher auf die kleinen Verlage als die kleinen Buchhandlungen (die ich auch nicht missen möchte).
    Wer bringt etwas, das seit Jaaaaaahren ein Bedürfnis ist, das eBook zum gedruckten dazu?
    Haffmanns.

  6. @Andreas Mit dem DRM-Korsett hast du natürlich recht. Da werden wir jetzt den ganzen Ärger noch einmal über uns ergehen lassen müssen, den wir schon bei der digitalen Musik haben über uns ergehen lassen müssen.
    Aber ein Paradigmenwechsel geht nicht ohne Schmerzen ab. Das müssen wir über uns ergehen lassen, damit es unsere Kinder einmal besser haben als wir. ;-)

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