Die S-Kurve in meinem Zitat im Paywall-Artikel im «Journalist»

Der «journalist» schreibt einen langen Paywall-Artikel. turi2 schreibt das falsche Zitat raus. Ich schreibe immer dasselbe.

(Update vom 10. Mai: Der erwähnte Artikel von Svenja Siegert ist jetzt auch online verfügbar, unter dem Titel: «PAYWALLS – ODER: DIE MÄR VOM DIGITALEN DEICH.»)

Das vom Deutschen Journalisten-Verband in Bonn herausgegebene Medienmagazin «journalist» hat in der diese Woche erschienenen aktuellen Ausgabe unter dem schwer verständlichen Titel «Wenn das Wasser kommt» einen langen Artikel zum Stand der Dinge bezüglich Paywalls von Verlagen veröffentlicht.

Die Redakteurin Svenja Siegert war hervorragend vorbereitet auf unser Gespräch am 3. April und hat eine 18’000 Zeichen lange Fleissarbeit abgeliefert, in der die Paywall-Bemühungen von Titeln wie den «Esslinger Nachrichten» oder dem «Darmstädter Echo» nicht fehlen. Sie hat auch nicht nur alle Zitate autorisieren lassen, sondern meine Präzisierungen sogar übernommen. (Das klingt selbstverständlich, aber ich habe es oft genug anders erlebt; viele Journalisten versuchen, den «Spin», den sie einer Aussage gegeben haben, nicht verloren gehen zu lassen, auch wenn man es anders gemeint hat.)

Hatte mich gestern bei der Lektüre kurz gefragt, wieso sie extra nach Zürich fliegt, um mit mir zu reden, mich dann aber nicht nach einem Foto fragt, sondern von sich aus einen relativ schrecklichen Schnappschuss von mir auf dem Podium bei den Münchner Medientagen im letzten Herbst nimmt, während die anderen vier mit Foto zitierten Leute mit ihren ganz normalen PR-Stockphotos abgebildet sind. Es ist mir dann noch eingefallen. Das Foto geht vermutlich zusammen mit der Tatsache, dass sie mehrfach auf mein Gewicht anspielt (einmal sogar ganz originell: «Peter Hogenkamp ist eigentlich viel zu groß für den acht Quadratmeter kleinen Besprechungsraum im Verlagssitz der Neuen Zürcher Zeitung»), dass sie anmerkt, ich spreche «schnell und laut» (das ist eigentlich ein typisch Schweizer Einwurf…) und dass ich «mit einem schwarzen Edding auf das Flipchart quietsche». Ich glaube, das hat etwas mit Positionierung zu tun, mit dem Ansatz: «Ich zeige keinen unnötigen Respekt vor einem „Manager“». Als Quereinsteiger, der nach wie vor leicht fremdelt mit der erst zwei Jahre alten Rolle «Verlagsestablishment», sind mir solche Spielchen immer noch etwas fremd. Andererseits: Wenn Markus Wiegand in der aktuellen Ausgabe des «Schweizer Journalist» Blick-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley mit drei simplen Fragen aus dem Schweizer Einbürgerungstest (z.B. mit der Fangfrage «Wie viele Ständeräte hat der Kanton Aargau?») auf die Palme bringt, finde ich’s auch lustig. Also: geschenkt. Der Artikel ist wie gesagt gut.

Und da beginnt das Problem, denn ich finde es inzwischen sehr unbefriedigend, wenn ich solche für mich, meine Mitarbeiter, meine «Peers» und meine «Community» relevanten Inhalte, in die ich zudem selbst etwa zwei Stunden investiert habe, nur als Print-Artikel verfügbar habe. Ich will diesen Artikel «sharen», und zwar am liebsten mit einem Tweet, der mich 30 Sekunden Zeitaufwand kostet (statt mit einem Blogpost am frühen Samstagmorgen, der zwei Stunden braucht).

Natürlich, auf der Website des «journalist» kann man das E-Paper kaufen, aber hallo!, es kostet nicht nur 12 Euro, was eine Menge ist, wenn man sich nicht für die Titelstory «Diagnose: Workaholic» (mit einer in eine Zeitung eingewickelten Weinflasche als Visualisierung, die schiefen Metaphern scheinen ein Identitätsmerkmal des Titels zu sein) interessiert, sondern nur für den einen Paywall-Artikel, sondern man muss auch eine Registrationsmaske mit 20 (!) Feldern ausfüllen. Wer für einen E-Commerce-Vortrag ein Beispiel für einen sicheren Conversion-Killer sucht: Bingo.

Während ich über die Verlagsstrategie des deutschen «journalist» nichts weiss, habe ich mit Chefredaktor Markus Wiegand und Herausgeber Johann Oberauer mal über eine mögliche Online-Strategie des oben erwähnten «Schweizer Journalist» gesprochen. Als zahlender Abonnent bin ich jeden Monat aufs neue frustriert, dass die Newsletter-Ankündigungen mit der Inhaltsangabe eine Woche früher kommen, als das Heft in der Post ist. Zudem kamen wir darauf, weil Wiegand extrem zurückhaltend ist, PDF-Versionen von Artikeln herauszugeben, denn er schätzt, dass jedes PDF durch Weiterleitung «sofort 300 mal kopiert wird, quer durch die Verlagshäuser». Nun, das mag sein, aber mit dem Xerox WorkCentre (Modell typähnlich), das direkt vor meiner Bürotür steht, ist es auch nur eine Sache von zwei Minuten, aus dem gedruckten Artikel ein PDF zu erstellen. Zugegeben, niederschwellig ist anders, aber bei uns intern auf Yammer kursieren diverse Scans von Fachartikeln, die nicht online verfügbar sind (denn niemand scannt freiwillig, wenn er auch einen Link posten kann), da kamen die 300 «Kopien» auch schnell zusammen.

Ich könnte auch nicht aus dem Stegreif sagen, was die Lösung für die Branchenmagazine ist. It’s complicated, wie immer. Das «Metered Paywall»-Modell, das wir bei der NZZ verfolgen wollen, ist ein Consumer-Modell, das nach heutigem Stand der Erkenntnis nur ab einer gewissen Reichweite funktioniert. Es entbehrt dennoch nicht einer gewissen Ironie, dass die Medienmagazine, die sehr abgeklärt und gern mit dem Unterton «Haben die es immer noch nicht kapiert!?» über die Paid-Content-Anstrengungen der Verlage schreiben, ganz offensichtlich noch keine eigene Zukunftsvision entwickelt haben.

Zurück zum «Sharing». Der Link, sagt man nicht umsonst, ist der entscheidende Hebel der ganzen Internetökonomie. Wo er fehlt, herrscht Frustration. Wenn turi2 ein Zitat wie gestern meins mit der Quellenangabe «Journalist 5/2012, S. 53» erwähnt, dann muss man sich schon sehr, sehr für das Thema interessieren, damit man wirklich stante pede anfängt zu googlen und dann das E-Paper trotz der oben beschriebenen Hürden kauft.

Ich kann mich entsinnen, wie Ronnie Grob und ich im Jahr 2006 die tägliche Linksammlung «6 vor 9» konzipiert haben (mehrere Jahre bei «medienlese.com», seitdem beim Bildblog»), dass wir diskutiert haben, ob wir auch Zitate aus Medien nehmen, die nicht online (EDIT: offline war natürlich Unsinn, danke für den Hinweis, Marc) verfügbar sind, die man also nicht anklicken kann. Ich war dafür, im Sinne einer täglichen Presseschau, die auch spannende Presse-Artikel für Nicht-Abonnenten herausgreift. Ronnie war dagegen und argumentierte: «Wenn man nicht direkt klicken kann, nützt es einem nichts.» Ronnie hatte recht. Ich habe in fünf Jahren turi2-Lektüre noch nie ein Offline-Produkt gekauft, weil ich es im Newsletter zitiert sah. (Eine Ausnahme mag der «Spiegel» sein, den ich womöglich mal daraufhin heruntergeladen habe, aber den lese ich eh mehr oder weniger regelmässig, und der Download via iPad ist sehr einfach.) Daher ist aus meiner Sicht ein Zitat, das nicht mit einem Link einhergeht, praktisch nichts wert. Und ich nehme an, dass die turis das auch bei der Zusammenstellung berücksichtigen. Ein Zitat muss deutlich schmissiger sein, um es auch ohne Link in die Sammlung zu schaffen.

Apropos Zitat: Ich finde durchaus, dass der Artikel es verdient, «verlinkt» zu werden, ich finde aber nicht, dass mein Zitat, das sie für das nachmittägliche «heute2» herausgezogen haben, das interessanteste ist. Der Abschnitt «Zitate» ist ja Heimat der Zuspitzungen, und es langweilt mich langsam enorm, dass immer die ollen Auflagenprognosen, die die uralte Debatte «Wie lange wird es noch Zeitungen geben?» befeuern, dafür rausgezerrt werden.

Zudem ist es mit der turi-Zusammenfassung «NZZ-Online-Chef Peter Hogenkamp sieht einen rapiden Auflagenfall kommen» völlig unzulässig vereinfacht. Hier der Originaltext von Svenja Siegert:

Peter Hogenkamp ist ein Mann der Kurven. Mit einem schwarzen Edding quietscht er zwei davon auf das Flipchart im Besprechungsraum. Die erste Kurve: die Innovationsentwicklung des Tablets. Eine S-Kurve. Die zweite Kurve: die Auflagenentwicklung von Tageszeitungen. Das Spiegelbild einer S-Kurve. „Die Zeitungsauflage mag die letzten zehn Jahre eher sanft gesunken sein. Aber in dem Moment, wo es bei den Tablets wirklich steil nach oben geht, könnte es bei der Zeitungsauflage ebenso steil bergab gehen. Viele rechnen den Schwund nur linear weiter. Das könnte ins Auge gehen.“

«Könnte ins Auge gehen» ist nun mal etwas deutlich anderes als «sieht einen rapiden Auflagenfall kommen». Aber die Wahrheit ist nach wie vor ganz simpel: Wir wissen es alle nicht. Ich auch nicht. Also müssen wir in Szenarien denken.

Für in jedem Fall gefährlich halte ich die zahlreichen Prognosen, die das Ende der gedruckten Zeitung für 2018, 2034 oder 2043 vorhersagen, denn das impliziert: «Beruhigt Euch, Leute, der Medienwandel wird nicht so heiss gegessen, wie er gekocht wird.» Diesen Aspekt finde ich insbesondere fahrlässig, weil aus Verlagssicht nicht relevant ist, wann die letzte Zeitung gedruckt wird, sondern wie lange das heutige Geschäftsmodell der Tageszeitungen (grosse Redaktion, breites Themenspektrum, Zeitungsdruck, Frühzustellung, Abo-Modell etc.) noch Gewinne einfährt. Wer denkt, man könnte in jedem Fall noch bis 203x mit dem Modell weiterfahren, handelt fahrlässig, und deswegen ist diese immer wieder aufbrandende Diskussion mit ihren Argumenten («Haptik!», siehe viertletzter Absatz) strategisch weitgehend irrelevant.

Wer mehr Zeit investieren will als nur für Einzeiler-Zitate, dem empfehle ich zur «S-Kurve» immer noch den netzwertig-Artikel von Andreas Göldi: Innovationspsychologie: Warum der Umgang mit Disruptionen so schwierig ist. Am Ende des ersten Abschnitts schreibt er:

Noch ein weiterer Faktor erschwert die Einschätzung solche Entwicklungen: Oft überlagern sich mehrere zeitversetzt ablaufende Wellen. Während beispielsweise in den meisten Industrieländern die Gesamtzahl der Web-User nur noch langsam ansteigt, wächst die Nutzung von Social Media weiterhin stark, und das mobile Internet hat seinen “Tipping Point” erst gerade überschritten.

Wohlgemerkt, das war 2009. Seitdem ist das iPad als Game Changer hinzugekommen, Smartphones sind inzwischen bei einem Marktanteil von rund 50% angekommen. Einige der sich überlagernden Wellen in der Medienbranche sind die stationäre Internet-Nutzung (NZZ Online), die mobile News-Nutzung auf dem Smartphone (Apps plus mobile-optimiertes Browser-Layout), die Lektüre des E-Papers (Replica) auf dem iPad, der Übergang von der Nutzung weniger Newsquellen (Tagesschau und eine Tageszeitung) zu diversen Quellen, der durch die «Kuratierung» via Social Media beschleunigt wird.

Das alles geht einher mit einer starken Individualisierung. Wenn man die Mediennutzung eines Individuums messen und seine Position auf allen Kurven exakt lokalisieren könnte, würde sich vermutlich herausstellen, dass kaum zwei Personen überall dasselbe Nutzungsverhalten aufweisen. Ich zum Beispiel bin ein News-Junkie im stationären Web wie auch auf dem iPhone, surfe dort lieber im Browser als in News-Apps, nutze RSS-Feeds fast gar nicht (obwohl ich aufgrund meiner Blogger-Biografie eigentlich müsste), lese auf dem iPad erstaunlich selten etc. Und natürlich bewegen wir uns auch noch alle ständig auf den Kurven nach oben; in diesen bewegten Zeiten kann jedes neue Device, jede neue App, jedes neue Feature (mit dem neuen Samsung Galaxy S3 kann man beim Videogucken gleichzeitig ein Browserfenster öffnen und googlen, erzählte mir Digitalredaktor Henning Steier gestern – werde ich vermutlich oft machen!) unser Nutzungsverhalten graduell beeinflussen. Insofern ist auch meine korrekt wiedergegebene Aussage «in dem Moment, wo es bei den Tablets wirklich steil nach oben geht» eine Vereinfachung der Realität; eigentlich geht eine um unsere aggregierte Position auf den Adaptionskurven diverser neuer Technologien.

Wer in Andreas‘ Artikel nur den ersten Abschnitt gelesen hat, sollte unbedingt noch den dritten und vierten Abschnitt über «Status-Inseln» lesen und sich dabei Gremien wie Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte vorstellen. Für die NZZ kann ich es sagen: In unseren Leitungsgremien — wie zum Glück auch bei der gesamten Leserschaft — ist das E-Paper auf dem iPad ein grosser Erfolg. Mit der «Digitalisierung» hat das aber eigentlich nur wenig zu tun, es wird nur die Originalzeitung («Replica») digital ausgeliefert. Wer nun behauptet, und ich kenne einige, die das tun: «Ich werde die NZZ immer nur als E-Paper lesen wollen», der sollte diese steile These mal angesichts seiner persönlichen Mediennutzungshistorie der letzten 15 Jahre reflektieren. (Und nebenbei, Sätze, die mit «Ich werde immer…» oder «ich werde nie…» anfangen, sollte man sowieso in Zeiten von Archivdatenbanken und Google Cache tunlichst vermeiden.)

Nochmal zur S-Kurve und zur berühmt-berüchtigten Lebensdauer der Zeitung: Der Auflagenschwund der letzten zehn Jahre war bekanntlich einigermassen linear, drei, vier Prozent pro Jahr, was in einem Jahrzehnt die meisten Zeitungen rund ein Viertel ihrer Auflage gekostet hat. Wer das fortschreibt, kommt auf die oben erwähnten vermeintlich beruhigenden Schätzungen. Wer sich jedoch die aggregierten S-Kurven unserer zunehmend digitalen Mediennutzung vorstellt, der wird zumindest die Möglichkeit nicht ausschliessen, dass die Zeitungsauflagen den Weg eines spiegelbildlichen S nehmen könnten, bei dem wir uns die ersten 15 Jahre noch auf dem flachen Stück befunden haben. Und ja, selbstverständlich käme bei so einem S-Verlauf auch unten wieder ein flaches Stück, denn selbstverständlich gibt es Menschen, die bis an ihr Lebensende eine Tageszeitung auf Papier lesen wollen, das heisst: Vielleicht wird es sogar wirklich «immer» Zeitungen auf Papier geben.

Die «Werbewoche» macht es genau richtig, wenn Sie in ihrer Version der obligaten Zukunft-der-Zeitung-Meldung schreibt: «Liebhaberpublikationen ausgenommen». Denn dass Liebhabereien wie Vinylschallplatten (von 70 Millionen auf 600’000 pro Jahr in Deutschland) nicht dasselbe sind wie ein Massenmarkt, wissen andere Branchen bereits bestens.

Ich weiss, ich wiederhole mich, nicht nur in diesem Blogpost, sondern einiges davon habe ich schon vor eineinhalb Jahren geschrieben: «Können wir für die strategische Planung des Hauses NZZ das Szenario «ohne gedruckte Zeitung» mit absoluter Sicherheit ausschliessen? Meiner Meinung nach können wir das nicht.» Aber die Gebetsmühle gehört nun mal zur wichtigen Grundausstattung in meinem Job, und ich werde sie gern weiter drehen.

Laudatio für Beat Schmid, Ehrenpreisträger Best of Swiss Web 2012

Gestern Abend wurde der «Best of Swiss Web»-Ehrenpreis an Prof. em. Beat Schmid verliehen, meinen ehemaligen Chef. Ich durfte ein Drittel der Laudatio halten.

Nachtrag vom 6. Oktober 2012: Die sind lustig der Organisation von «Best of Swiss Web»: Stellen das Video von meiner Laudatio eine Woche nach der Veranstaltung auf YouTube, sagen mir aber vorsichtshalber nichts davon. Gerade zufällig entdeckt, dümpelte bei 100 Views dahin. Der Text unten basierte auf meinem Manuskript; da gibt es nun halt gewisse Abweichungen, die ich aber nicht mehr abgleiche. Es gilt das gesprochene Wort – ausser dort, wo ich versehentlich etwas provokant wurde, dort gilt der gemässigtere Text.

Gestern Abend war die Preisverleihung der «Best of Swiss Web»-Awards, einem seit zwölf Jahren durchgeführten Branchenpreis der Schweizer Webszene. Ich war bis vor zwei Jahren Jury-Präsident der Kategorie Usability und durfte gestern zurückkehren, um eine Laudatio auf Professor Beat Schmid zu halten, bei dem ich vor gut 15 Jahren studiert und gearbeitet habe. Beat Schmid ist eine Art «Hidden Champion» der Schweizer Internetbranche: Wenige wissen, dass er sehr früh wichtige Impulse für die Entwicklung gegeben hat, und wie viele inzwischen namhafte Firmen wie Namics und Crealogix aus seinem Lehrstuhl hervor gingen. Entsprechend würdigten ihn drei Laudatoren: Prof. Andrea Back (meine Doktormutter) über sein Wirken an der HSG und am Institut für Wirtschaftsinformatik, Bruno Richle, Gründer von Crealogix, über sein Wirken als Verwaltungsrat, schliesslich ich aus Sicht eines damaligen Studierenden.

Hier mein Text:

Lieber Herr Schmid
Meine Damen und Herren

Viele Leute neigen dazu, ihre Studienzeit im Nachhinein zu verklären. Ich nicht.

Einer meiner schlimmsten Momente an der HSG war für mich im Jahr 1993, als meine Kollegen am Institut für Wirtschaftsinformatik, die «Forschung» betrieben, eine IP-Adresse bekamen (die HSG war damals noch auf IPX/SPX) — aber ich nicht, weil ich für die Lehre zuständig war.

Kurz danach stand der erste Webserver der Ostschweiz, der am Lehrstuhl Schmid aufgesetzt wurde (die Streber von der ETH waren natürlich schneller, nicht zu reden von denen am CERN) quasi in der Abstellkammer neben mir — und ich konnte nicht drauf.

Meine Büronachbarn, die Kollegen vom «CC TeleCounter», Richard Dratva sitzt dort vorn, die damals das Online-Banking der Zukunft erfanden — das zwar heute etwas anders aussieht als damals in Visual Basic mit Drag and Drop von Einzahlungsscheinen und Bleistiften skizziert, aber das immerhin eingetreten ist — sie konnten endlich zuschauen, wie sich die Schwarz-Weiss-Websites von amerikanischen Universitäten in nur wenigen Minuten in «Mosaic» auf dem eigenen PC aufbauten.

Einige Monate später gab es dann zwar TCP/IP für die ganze HSG. Aber wenn ich mir auch nur die Entwicklung von Namics und Crealogix anschaue, die aus diesem Team hervorgingen, stelle ich fest, dass ich den Initial-Rückstand von 1993 offenbar bis heute nicht aufgeholt habe.

Was habe ich also in der Zeit gemacht, in der die anderen surften? Was jeder gute Assi macht: PowerPoint.

Einige Slides davon habe ich mitgebracht, nämlich die legendäre Präsentation, mit der Herr Schmid damals durch die Lande reiste und das Internet erklärte. Ich bin überzeugt, dass die Zahl der Schweizer Führungskräfte, die zum ersten Mal von Beat Schmid vom Internet hörten, in die Tausende geht.

Slides mitgebracht — das tönt, als sei ich gut organisiert. In Wirklichkeit habe ich natürlich Andreas Göldi nach Boston geschrieben, der hat das PPT95-File, das man mit heutiger Software gar nicht mehr öffnen kann, durch irgendeinen Online-Konverter gejagt und es mir zehn Minuten später gemailt. Er lässt Sie übrigens schön grüssen.

Was ich hier zeige, sind wirklich nur die Slides, die ich selbst gemalt habe, denn die komplizierteren, auf denen die elektronischen Märkte erklärt werden, habe ich ehrlich gesagt bis heute nicht genau verstanden.

Wirklich, so sah das damals aus, dieses bunte war modern!

Auf dem nächsten Slide sehen wir, dass wir es mit ortslosen, interaktiven und multimediale Informationsobjekten zu tun bekommen würden – die wir heute jeden Tag besuchen und zum Beispiel Websites nennen.

Ich finde es bis heute gut zu wissen, dass das Internet etwas silbrig glänzt aussenrum.

Schön fand ich noch die Grafik der Anzahl Internet-Hosts, die im Jahrzehnt von 1985 bis 1995 schon ein beeindruckendes Wachstum von 0 auf 7 Millionen hinter sich hatte. Wer es vergleichen möchte: Vor genau einem Jahr gingen bekanntlich die Adressen für den Adressraum IPv4 aus, mit dem man 4.3 Milliarden Hosts adressieren konnte.

Meine Lieblingsgrafik bis zum heutigen Tage bleibt aber die letzte Folie, die ich eigentlich gern gross in meinem Büro aufhängen würde: die Substitution von Pferden durch Autos.


(JPG grossPDF)

Denn auch 1995 musste man Managern schon mit Metaphern, die sie verstehen konnten, die Zukunft erklären. 1995 war das die Substitution von Pferden durch Autos zu Beginn des Jahrhunderts.

Ich weiss noch genau, wie Herr Schmid damals in den Vorträgen immer sagte: «Um die ersten Autos zu bedienen, musste man noch ein halber Ingenieur sein, weshalb die Droschkenkutscher sagten: ‚Das wird sich nie durchsetzen!’»

Nun, man könnte heute die Pferde und Autos in der Grafik durch eine Menge aktuelle Dinge ersetzen — sagen wir zum Beispiel durch Zeitungen und iPads — und einigen müsste eigentlich einiges klarer werden. Erstaunlicherweise ist das aber nicht so, sondern ich verbringe in meinem Job recht viel Zeit damit, mit Leuten zu debattieren, die diese Entwicklung in Frage stellen.

Ich frage mich, wie damals die Argumentation lief. Vielleicht sagten einige: «Die Haptik ist bei so einem Pferd einfach viel besser», oder: «Zu einem schönen Tag gehört für mich einfach dazu, dass ich morgens zur Arbeit reite.»

Und tatsächlich, es gibt ja auch immer noch Pferde und Fuhrwerke und Kutscher, und ich unternehme sogar regelmässig Kutschfahrten: im Schnitt etwa alle zwei Jahre, in den Ferien, wenn meine Söhne mich dazu zwingen.

Lieber Herr Schmid, ich könnte noch diverse Beispiele bringen, etwa von Brillen, mit denen wir ab ca. 1997 «in die Daten gehen», aber ich darf hier nicht länger.

Was ich Ihnen an dieser Stelle sagen möchte: Das Rüstzeug, um diese Transitionen vielleicht etwas früher und etwas klarer zu erkennen als andere, haben wir damals von Ihnen im Studiumgang «Informationsmanagement» bekommen.

Herzlichen Dank dafür!

Anruf aus Indien: «Dein Windows ist verseucht, wir helfen Dir!»

Eine Anruferin aus einem Call Center aus Indien beschwört mich, meinen Windows-Computer einzuschalten, um gemeinsam einen Virus zu entfernen.

Habe gerade einen Scam-Anruf aus Indien bekommen. Mit einer US-Telefonnummer (972-453-9824, Area Code gehört zu Dallas, aber ist sicher faked, man findet auch im Netz diverse «Beschwerden» über die Nummer) und heftigem indischen Akzent rief um 8 Uhr morgens eine Frau an und sagte: «I’m calling from Microsoft. We have received reports from your internet service provider of virus problems with your Windows computer. Can you tell me who owns the computer?» – Ich wollte die Geschichte hören, log also: «That would be me.» Sie so: «May I ask you to switch on your computer? You have serious problems, and I can put you through to somebody from technical service who can help clean your Windows.»

Ich hätte gern gehört, wie es weiter geht, und hab kurz überlegt, ob ich wirklich den Windows-Computer einschalte, der hier rumsteht (nicht meiner, ich hab noch irgendwo einen alten DELL-Laptop in der Ecke liegen, den ich aber seit 2007 nicht eingeschaltet habe), aber dann war mir doch schon die Vorstellung zu anstrengend, während des Bootens fünf Minuten, oder wie lange das heutzutage dauert, mit der Frau am Telefon – und Sohn2 im Hintergrund – zu verbringen, und ich sagte: «You know what, this whole story sounds pretty funny to me.» Die Frau wurde ärgerlich: «You think this is funny? What makes you think is is funny? This is very serious!» – «And besides, I have a Mac», sagte ich. «You have Macintosh?» – «Yes.» – Klick, aufgelegt.

Da soll noch jemand sagen, einen Mac zu haben hilft nichts.

Hab die Geschichte natürlich sofort gegoogelt (nach „windows scam india“) und diverses Englischsprachige gefunden, u.a. diverse Artikel und Blogposts beim Guardian, wie den hier: «Virus phone scam being run from call centres in India».

Dort steht auch, wie es weitergegangen wäre:

The puzzled owner is then directed to their computer, and asked to open a program called „Windows Event Viewer“. Its contents are, to the average user, worrying: they look like a long list of errors, some labelled „critical“. „Yes, that’s it,“ says the caller. „Now let me guide you through the steps to fixing it.“

The computer owner is directed to a website and told to download a program that hands over remote control of the computer, and the caller „installs“ various „fixes“ for the problem. And then it’s time to pay a fee: £185 for a „subscription“ to the „preventative service“.

Natürlich ist die Geschichte so absurd, dass es mir rätselhaft wäre, wie jemand darauf reinfallen könnte. Woher sollte Microsoft meine Nummer haben? Wieso sollte mein ISP Swisscom merken, dass ich einen Virus habe, und wenn doch, wieso sollte er mich bei Microsoft melden, statt mich direkt anzugehen? Und wieso sollten die aus Indien anrufen, mit einem Akzent, den man fast nicht versteht?

Andererseits glauben die Leute ja auch, dass ihnen jemand aus Nigeria 50 Millionen vererben will. Ja nun.

Deutschsprachige Artikel oder Blogposts habe ich gar nicht gefunden. Aber natürlich gehe ich davon aus, dass ich nicht der erste in der Schweiz bin, der angerufen wird, und dass die Geschichte in wenigen Tagen bis Wochen, je nach Intensität der Bewirtschaftung der hiesigen Adressen, morgens im «20 Minuten» steht. Barbara Josef, kannst schon mal ein Statement vorbereiten.

Update: Ach, es war schon bei 20 Minuten, hab’s bei meiner ersten Suchrunde wegen «Indien» nicht gefunden: Wenn Jenny anruft, droht Gefahr.

Krisenkommunikation: NZZ Online lahmt

NZZ Online hat grössere Probleme. Wir informieren behelfsmässig hier und bitten um Verständnis.

Update von 14.58 Uhr: Wir verschieben die Krisenkommunikation hierher: nzzonline.tumblr.com/

(Ich poste das hier in meinem privaten Blog, weil nzz.ch nicht immer aktualisiert werden kann und/oder nicht immer erreichbar ist. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Massnahmen.)

Gestern Mittag wurde ein neuer Software-Release auf NZZ Online eingespielt. Seit ca. 23 Uhr am Abend haben wir Probleme, die vermutlich damit zusammen hängen.

Hintergrund: NZZ Online besteht technisch aus zwei separaten Modulen: den «Backend-Servern» mit dem Redaktionssystem und den «Frontend-Servern», die die Website ausliefern. Dieser Setup stellt sicher, dass die Website auch erreichbar, wenn das Backend einmal abstürzt.

Seit heute morgen ist es durch Probleme im Backend unserer Online-Redaktion teilweise nicht möglich, die Website zu aktualisieren. Gleichzeitig bringen die Probleme im Backend zeitweise auf die Frontend-Server zum Absturz, so dass NZZ Online immer mal wieder gar nicht erreichbar ist. Die meiste Zeit ist aber die Website scheinbar in Ordnung, kann «nur» nicht aktualisiert werden (was natürlich sehr schlimm ist für eine Nachrichten-Site).

Nachdem alle anderen Massnahmen fehlgeschlagen sind, prüfen wir derzeit ein Wiederherstellen des Zustands vor der Installation gestern Mittag («Rollback»). Dadurch wird auch der inhaltliche Stand vorübergehend der von gestern Mittag sein, was wir allerdings schnellstmöglich wieder korrigieren werden.

Wir halten Sie hier dort: http://nzzonline.tumblr.com/ auf dem Laufenden. Danke für das Verständnis.

(Stand von 14.30 Uhr)

Die Publicis verabschiedet sich von der NZZ mit einem «Best of Bleistift»

Nach 15 Jahren als Werbeagentur der NZZ verabschiedet sich die Publicis mit einem «Best of Bleistift».

15 Jahre lang war die Publicis die Agentur der NZZ und hat die berühmte Kampagne mit dem blauen Bleistift als Sujet kreiert (einige Motive findet man bei Google).

Seit Anfang 2012 ist die NZZ bei Jung von Matt / Limmat.

Heute verabschiedet sich die Publicis mit einem «Best of Bleistift» (PDF) und diesem Text: «Gute Werbekampagnen und guter Journalismus haben eines gemeinsam: Je länger und intensiver man daran arbeitet, desto präziser und glaubwürdiger werden sie. Über fünfzehn Jahre lang durfte Publicis die NZZ-Werbung zuspitzen. Liebe NZZ, die Zusammenarbeit war ein Vergnügen auf höchstem Niveau. Herzlichen Dank und alles Gute.»

Hat Klasse, finde ich.

Geht’s noch, SWISS?

SWISS zockt ab. Kinder zahlen gleich viel wie die Eltern, die Nebenkosten machen über 70% des Preises aus.

Seit langem mal wieder SWISS gebucht, jetzt, wo Air Berlin nicht mehr nach Hannover fliegt. Und hoffentlich das letzte Mal für lange Zeit, denn bei der Zusammenstellung der Preise fasst man sich an den Kopf.

Flugtarif CHF 84 (29.5% des Gesamtpreises), Rest CHF 200.90 (70,5%). Ein Zweijähriger und ein Sechsjähriger zahlen das gleiche wie die Eltern? Und das Bezahlen mit Kreditkarte (welche natürlichere Art gibt es für eine Online-Flugbuchung) kostet 11.- pro Person, also insgesamt CHF 44? Das ist doch alles nicht Euer Ernst!

Natürlich ist ein Wochenende mit den Kindern bei den Grosseltern nach wie vor «priceless», aber in Zahlen kostet es mich CHF 1’139.60. Hätte ich Zeit, würde ich mich als Wutbürger mit Schaum vor dem Mund am Flughafen postieren und irgendwas skandieren. So werde ich einfach demnächst lieber mit Air Berlin nach Düsseldorf fliegen und die längere Anreise zum Flughafen in Kauf nehmen.

Wollte eigentlich was Nettes über die neue, sehr schön gemachte iPhone-App schreiben, aber das kommt mir angesichts dessen jetzt leider nicht mehr über die Tasten.

Gesucht: «Driver X»

Welcher Blogger findet «Driver X», der Tom Hanks durch den deutschen Osten gefahren hat — mit sagenhaften 140 km/h?

Blogger aus Berlin oder aus dem deutschen Osten — das ist Deine Chance!

Unten ist ein grandioses oder albernes Video, je nach Geschmack, aus «Letterman». Einerseits fasst man sich an den Kopf, wie ignorant diese Amerikaner doch immer noch sind, und wie dumm auch, wenn sie nicht mal ein Schild erkennen, das die Durchfahrthöhe unter einer Brücke angibt. Andererseits könnte Harald Schmidt problemlos das gleiche machen mit fast jedem anderen Land, und wir würden es auch normal finden. Vor allem aber finde ich es wirklich komisch, dass Tom Hanks denkt, 140 km/h sei schnell.

Dein Auftrag, lieber Blogger: «Driver X» finden, der Tom Hanks von Berlin nach Dresden und Eisenhüttenstadt gefahren hat. Ihn auf Video interviewen und seine Aussagen (natürlich hofft man, er hat einen total starken Dialekt) gegenschneiden mit denen von Hanks. Vor allem, wie aufgeregt der war, als er 140 gefahren ist, und wie er sich immer erschreckt hat, wenn jemand trotzdem, also quasi mit Lichtgeschwindigkeit, überholt hat.

Wenn Video nicht möglich ist, geht auch ein Text, der den Gegensatz beschreibt. Fotos von Driver X sind aber Pflicht.

Wenn Du dann den Post live hast, musst Du natürlich Tom Hanks antwittern. Der wird es witzig finden und retweeten (mit 3.2 Mio. Followern), und – zack – Du hast 3% davon auf Deiner Website, das sind 100’000 Leute. turi2 wird darüber schreiben, der bringt nochmal 1000. Ende der Geschichte, die kommen alle nie wieder – aber hey, immerhin.

Mini-Website «Kleiner Hinweis» lanciert

Aus meinem Helfersyndrom heraus und weil mich die «(0)» in den Telefonnummern genervt hat, habe ich die Mini-Website «Kleiner Hinweis» lanciert.

Ich gebe es zu: Ich habe ein Helfersyndrom.

Ständig möchte ich Leuten Sachen erklären, die sie aus meiner Sicht besser machen könnten. Zum Beispiel «Wer brauchen nicht mit zu gebraucht…». Oder: «Schalt doch mal auf Deinem iPhone das Feature „Auf Netze hinweisen“ ab, es macht schon mich wahnsinnig, wenn ich mit ansehe, wie Du immer erst auf „Abbrechen“ klicken musst, wenn Du es in die Hand nimmst.» Sehr gern würde ich auch immer morgens mit einem grossen Schild «Rechts stehen, links gehen!» die Rolltreppe hochgehen. Und so weiter. Meine Ex-Firma Zeix ist aus dieser Idee heraus entstanden, die wir «User Education» genannt haben, nachdem ich das mal auf einer Visitenkarte einer Mitarbeiterin von eBay Deutschland gesehen hatte. Natürlich ist das ganze nicht selten auch egoistisch, weil nämlich ich gern links vorbeigehen würde, aber noch öfter ist es tatsächlich altruistisch.

Schon lange, konkret wohl, als wir bei Zeix e-fon eingeführt haben und ich meinen ersten VoIP-Client installiert habe, hat es mich gestresst, wenn die Leute ihre Telefonnummer so angeben, dass man sie nicht direkt anklicken kann — vor allem durch eine „(0)“ in der Mitte. Früher war das ein Nischenthema, von dem ich das Gefühl hatte, es betrifft nur mich (dann halte ich mich mit Missionieren) zurück, aber mit dem zunehmenden Erfolg der Smartphones ändert sich das. Es ist doch toll, wenn man ein nur mässig gepflegtes Adressbuch hat, schnell in seinen Mails jemanden suchen kann und anhand von dessen Signature mit einem Klick anrufen. Wenn er dagegen diese doofe Null in der Telefonnummer hat, muss man sie sich merken, zwischen den Apps wechseln und sie eintippen — auf der Autobahn eine nicht ungefährliche Sache.

Zugleich ist das ganze Thema natürlich nicht soo wichtig, dass ich nun deswegen lange 1:1-Mails schreiben würde, in denen ich das erkläre. Zwar bin ich Möchtegern-Weltverbesserer, aber ich will nicht als notorischer Missionar rüberkommen (die Phase habe ich hinter mir), und vor allem habe ich eigentlich sowieso gar keine Zeit für sowas.

Gut gefallen hat mir in diesem Kontext der schlanke Ansatz von five.sentenc.es, den ich schon unter ein paar Mails als Fusszeile verlinkt gesehen habe, u.a. bei Thomas Benkö und Martin Weigert. So mag ich’s: schlank, unaufdringlich, sharable.

Wollte das daher schon lange mal mit dem genanntem Beispiel «keine Null!» nachbauen. Und nachdem ich gestern Nacht von sohn2 geweckt wurde und wusste, dass ich eh nicht mehr schlafen kann, war der Moment gekommen. Habe um 5.10 Uhr die Domain kleinerhinweis.com registriert (hinweis.com hätte man kaufen können, bei buydomains.com für $38’488, hahaha!) und hatte mich zur «Timebox» selbst verpflichtet, dass die Website live gehen muss, bevor ich um 8 Uhr das Haus verlasse. Damit war für mich als Laien gesetzt, dass ich mir kein eigenes Layout ausdenken kann und es auch nicht mit einem CMS schaffe, sondern nur mit einer einzelnen HTML-Seite (hat ja fast etwas romantisches, mal wieder HMTL in einem Texteditor zu bearbeiten, im Admin-Interface von Cyon).

Jedenfalls, diese Website gibt jetzt, sie hat bisher nur eine Seite, und hier ist sie: kleinerhinweis.com/keine-null/

Weshalb ich diesen Post eigentlich schreibe: Anregungen für die nächsten kleinen Hinweise werden gern entgegen genommen. Gestern kam schon: «URLs nicht ins Subject pasten».

E-Books nur «vorübergehend»?

Ein Zürcher Buchhändler sieht «im gegenwärtigen Erfolg des E-Books eine vorübergehende Begeisterung», weil viele junge Leute in seine Buchhandlung kommen. Das halte ich für realitätsfremd.

Dass schon wieder eine Zürcher Buchhandlung schliesst (der «Travel Book Shop», siehe Artikel «Das Buch ist keine Ware, sondern ein Wert» in der NZZ von heute, Seite 11 – Update: jetzt auch hier online) ist zweifellos traurig. Ehrlich, ich finde das sogar bei Läden traurig, ich denen ich fast nie etwas gekauft habe.

Dass allerdings jetzt viele Buchhändler meinen, die Wiedereinführung des Preisbindung würde sie retten, halte ich für eine vergebliche Hoffnung. Die Preisbindung wird vielleicht den Kleinen gegen die Grossen helfen, aber sie wird den Strukturwandel allenfalls etwas hinauszögern. Eine kleine Buchhandlung muss nach wie vor ihre Nische finden. Ich kaufe nach wie vor recht viele Bücher (von denen ich dann leider deutlich weniger viele ganz durchlese), und der Preis spielt für mich nur eine sekundäre Rolle. Ich würde auch nie bei Ex Libris online bestellen, wenn dort ein Buch CHF 5.- billiger wäre, wenn ich gerade in einem anderen Laden stehe und es dort direkt mitnehmen kann.

Aber das nur nebenbei. Eigentlich hatte mich in dem genannten NZZ-Artikel von heute etwas ganz anderes einmal mehr den Kopf schütteln lassen.

Ricco Bilger von der Buchhandlung Sec 52 an der Josefstrasse sieht das aber etwas anders. Eine kompetent geführte Buchhandlung mit einem gut sortierten Spezialsegment habe durchaus Chancen. (…) Vielleicht zeichnet sich für das Buch aber doch ein Silberstreif am Horizont ab. Obwohl die Branche letztes Jahr um über 7 Prozent rückläufig war, verzeichnete Ricco Bilger in den vergangenen drei Monaten sehr starke Umsätze. Er sei mit seinen 56 Jahren oft der älteste im Laden. Eine junge Generation zwischen 18 und 25, die mit den neuen Medien aufgewachsen sei, entdecke das Buch, sagt er. Mit seinem gut sortierten Allgemeinprogramm mit Liebhabereien und Nischenbereichen hat Bilger gegenüber dem Internet in der Tat einiges voraus. (…)

Das glaube ich ihm sofort, und das kann auch gut noch 20 Jahre so bleiben. Ich bin überzeugt, dass es Bücher noch sehr, sehr lange geben wird.

Bilger glaubt denn auch an das Buch und sieht im gegenwärtigen Erfolg des E-Books eine vorübergehende Begeisterung.

Das wiederum halte ich für etwas realitätsfremd. Ich glaube unbesehen, dass gerade die sogenannten «Digital Natives» es auch geniessen, mal ein Buch zu lesen. Aber ein paar junge Leute in einem hippen Buchladen im Kreis 5 sollen wirklich ein Beleg für die Renaissance des Buchs sein?

Eigentlich ist es müssig, ein weiteres Mal das vielzitierte Beispiel Vinyl vs. CDs zu bringen, weil es so offensichtlich ist. Ja, es gibt noch Schallplatten. Aber mit 600’000 Pressungen im Vergleich zu 71 Millionen im Jahr 1984 (Zahlen für Deutschland bei Wikipedia) fristen sie nun mal ein Nischendasein.

(Und nun werden CDs auch schon wieder abgelöst durch Downloads. Neulich habe ich im ICE eine Frau mit einem Diskman gesehen, das sah zwischen all den Laptops, Smartphones und iPads fast so anachronistisch aus wie ein Walkman. Es wird spannend zu sehen, ob es auch eine Vintage-CD-Bewegung geben wird. Ich denke schon: Die Leute sammeln ja allen Scheiss, wieso nicht auch CDs.)

Zurück zum Buch: Wie gesagt, das gedruckte Buch dürfte noch eine lange Lebensdauer vor sich haben, eine längere übrigens auch als die gedruckte Tageszeitung, glaube ich (zeitlose Inhalte, Distribution weniger teuer, Haptikargument noch wichtiger), aber dass es eine dramatische Verschiebung zum E-Book geben wird, die ja längst läuft, scheint mir völlig ausser Frage.

Insofern: Toi, toi, toi für alle Buchhandlungen. Ich will nicht, dass Ihr geht, und ich habe mein Verhalten schon insofern angepasst, dass ich gedruckte Bücher möglichst im lokalen Handel kaufe und nicht mehr bei Amazon. Aber ich werde trotzdem deutlich mehr E-Books kaufen.

Crossair 3597 – 10 Jahre

Zehn Jahre Absturz. Ich wollte nicht wieder in die Medien. Ansonsten ist das meiste unverändert im Vergleich zum fünften «Jubiläum».

Diese Woche war der 24.11.2011, das «Jubiläum», zehn Jahre danach. Ich war natürlich dabei, der Unfall gehört ja zu meinem Leben, da gehört es sich auch, dass man an sowas teilnimmt, finde ich.

Also waren wir – organisiert von der Flughafenseelsorge – bei einer Gedenkfeier am Gedenkstein, danach beim ökumenischen Gedenkgottesdienst in Bassersdorf, mit abschliessendem Apéro. Das – privat organisierte – Abendessen, das wir jedes Jahr im Restaurant Kreuzstrasse machen, immer zusammen mit den damaligen Kommandanten von Polizei und Feuerwehr, haben wir zum Mittagessen vorgezogen.

Und ich wollte ebenso natürlich nicht wieder in die Medien. Ich hatte diverse Anfragen, von Zeitungen (auch den beiden aus unserem Haus), News-Sites, Fernsehen und Radio, und ich habe allen abgesagt.

Dass das richtig war, habe ich wieder gedacht, als ich ein zehn Jahre altes Video von «Schweiz aktuell» schaute, das Ronnie Grob auf Google+ verlinkt hat: Nach dem Horrorunfall zurück in den Alltag – Schweizer Fernsehen: SF Videoportal.

Alles erklärt sich ganz simpel aus diesem Bild:

Ausschnitt aus Interview bei «Schweiz aktuell»

«Peter Hogenkamp – Ueberlebender», das hat man irgendwann mal oft genug gesehen. Und ich möchte nicht, zumal ich jetzt selbst bei einem Medium arbeite, dass es heisst: Puh, der Hogenkamp drängt aber auch bei jeder Gelegenheit in die Medien. Gern zu Paywall & Co., eher ungern in der Opferrolle.

Meine Absturz-Nachbarin Jacqueline Badran macht das anders, weil sie findet, als Politikerin müsse sie es anders machen. (Ich weiss nicht, ob das stimmt, aber das muss ich auch nicht beurteilen.) Sie hat sich vom SRF zwischen Röschti und Dessert an der Kreuzstrasse noch schnell zum Gedenkstein schleppen lassen und einen recht rührseligen Beitrag produziert, siehe Crossair-Absturz vor 10 Jahren bei Bassersdorf. Wobei ihre Anteilnahme echt ist, das weiss ich.

Und so komme ich im NZZ-Artikel mit Jacqueline («Ich war sicher, dass ich sterbe») von Rebekka Haefeli halt dreimal als «Geschäftspartner» bzw. «ehemaliger Geschäftspartner» vor. Und finde, das ist gut so.

Den NZZ-Chefredaktor veranlasste es allerdings am Vorabend zu der launigen Bemerkung: «Sag bitte Deinen Twitterfreunden, dass wir durchaus wissen, dass dieser ‚Geschäftspartner‘ inzwischen Leiter Digitale Medien bei uns im Haus ist.» Was ich hiermit nachträglich mache, aber ich denke, es hat sich auch von selbst erklärt.

Sogar im Wikipedia-Artikel über den Absturz stehe ich nun als «ihr Geschäftspartner». Ist mir recht, wäre mir aber auch recht, wenn ich dort namentlich genannt würde; ich habe ja nichts zu verheimlichen.

Ansonsten hat sich in den letzten fünf Jahren nicht viel verändert, siehe Crossair 3597 – 5 Jahre. Doch: Jacquelines Blog hat jetzt deutlich mehr als einen Eintrag. Da sage noch einer, Politik bewirke ja eh nichts.