Ich versage live im Radio, habe aber einen Tipp für alle Deutschen

volkerannetaWer SWR3 hört, kennt Volker Janitz und Anneta Politi, die im Wechsel mit Wirbitzky/Zeus die Morningshow machen (und inzwischen besser sind als die beiden anderen – irgendwie weniger bemüht). Wer im süddeutschen Sendegebiet lebt, sieht sie auch manchmal überlebensgross an Bushaltestellen plakatiert.

Heute hatten sie das schöne Rätsel „Guggenmusik erkennen“, eine sehr gute Idee, und ich hab aus dem Auto mal angerufen und mitgespielt, weil ich das damals oft zuhaus gespielt habe, als ich in St. Gallen in der Schmiedgasse über dem Restaurant Zum goldenen Leuen, genannt „National“ wohnte, einem Epizentrum der St. Galler Fasnacht. Auf dem angrenzenden Platz war es manchmal so laut, dass man in meiner Wohnung im zweiten Stock sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Weil man eh an nichts anderes denken konnte, habe ich immer versucht, die Originale zu erraten, was wirklich schwierig ist, denn die Musiker geben sich auch überhaupt keine Mühe, den Ton zu treffen – Hauptsache Krach und viel Pauken und Trompeten.

Wikipedia schreibt etwas beschönigend dazu:

Es handelt sich um eine stark rhythmisch unterlegte, auf ihre eigene, sehr spezifische Art ?falsch? gespielte Blasmusik. Meistens wird sehr gekonnt knapp neben der Melodie hergespielt, das heißt man erkennt die Melodie durchaus, aber sie klingt ziemlich schräg. Dabei wird sie von einer ebenfalls sehr guten Rhythmussektion dominiert und vorangetrieben. So entsteht eine wilde, mitreißende Musik, gut tanzbar und hervorragend geeignet für spontane Platz- und Straßenkonzerte während der ?wilden Tage?.

Mitreissende Musik, na ja. Janitz hat es auch so wohlwollend interpretiert und meinte, es werde „absichtlich knapp neben der Melodie gespielt“ (wörtlich gleich wie in der Wikipedia, immer verdächtig… :-). Ich dachte eher immer, da seien einfach jeweils 30 Leute am Werk, von denen maximal fünf wirklich ein Instrument spielen können und die anderen lernen einfach in zwei Übungswochenenden vor der Fasnacht, halbwegs im Takt möglichst laut auf die Pauke zu trommeln. (Ein besonders schauriges Beispiel hier als MP3. Verräterisch, dass die Website betont: „Die Aufnahmen sind wirklich live!“. Wer sonst noch mitraten will: hier und hier und hier drei im Format „RealAudio“)

Dass das mit Fünfsekundenausschnitten sehr schwer wird, dachte ich mir schon vorher – dabei waren die beiden nett zu mir und haben die Melodie mitgesummt, die bei den Guggen manchmal eben tief unter den Pauken vergraben ist. Als erstes kam Gloria Gaynor, „I will survive“, fünftausendmal gehört, aber überhaupt rauszuhören, fand ich. Das zweite hab ich erkannt, „I was made for loving you“ von Kiss. Das dritte hab ich dann wieder in der Guggenversion nicht erkannt, dafür bei der ersten Zehntelsekunde im Orginal, „Hold the Line“ von Toto. Hab peinlicherweise noch gesagt, es wäre von Foreigner, sowas kann nur live im Radio passieren. Überhaupt stelle ich fest, es ist was völlig anderes ist, ob man das Rätsel noch „offline“ lösen kann und dann erst anrufen, oder ob man schon „drauf“ ist, wenn man das Rätsel hört. Bei Christian Thees‘ „Lyrics Challenge“ am Sonntagmorgen habe ich auf der höchsten Schwierigkeitsstufe (die erste Zeile eines englischsprachigen Hits wird auf Deutsch übersetzt vorgelesen) eine Trefferquote von 80% – keine Ahnung, ob ich das auch schaffen würde, wenn ich jeweils am Telefon wäre. Daher: Respekt vor jedem, der bei „Wer wird Millionär“ bei 125’000 Euro noch einen klaren Gedanken fassen kann. Oder dass jemand im Fernsehen puzzlen kann, wenn es um 1.5 Millionen Euro geht.

Aber ich schweife ab. Hier mein eigentliches Anliegen. Vor kurzem sagte die Schweizer Nachwuchsstarjournalistin Michèle Roten im Fernsehen, während ihrer Zeit in Berlin habe sie sich sehr wohl gefühlt; das einzige, was ihr wirklich auf die Nerven ging, sei die Tatsache, dass die Deutschen, sobald man sagt, man komme aus der Schweiz, zwanghaft Schweizerdeutsch nachmachen müssten: „Ah, us drr Schwyz?“ Das kann ich sehr gut nachvollziehen, das finde sogar ich als Zugereister inzwischen anstrengend.

So auch Volker Janitz: Er kannte St. Gallen, weil seine Schwester dort ein Austauschjahr gemacht hat (mit Googeln nach janitz st. gallen findet man sofort den Lebenslauf – machmal frage sogar ich als Datenschutzlaxheit in Person mich, wohin das alles noch führen soll) und er sie öfter besucht hat.

Und daher fragte er gleich zweimal (einmal am Anfang, einmal am Ende) mit ebendiesem pseudoschweizer Einschlag, ob es denn „das Spychhherbähnli“ noch gebe. Tja, was soll man da sagen, live im Radio? Ein spontane Brandrede gegen von Deutschen imitiertes Schweizerdeutsch halten? Kommt nicht in Frage. Oder wenigstens sagen, da seien er oder seine Schwester wohl einem Irrtum aufgesessen, denn zwar gebe es die Trogenerbahn, die auch durch Speicher fährt, dass die aber keiner jemals „Spycherbähnli“ nennt? (Hätte ich jedenfalls noch nie gehört.) Hab gesagt, „ja ja, die gibt es noch“, aber gehofft, dass um fünf nach sechs noch kein St. Galler zuhört, die Augen verdreht und denkt: „Oh Mann, diese Deutschen kapieren aber auch gar nichts“ (und sich gleich den Blick kauft).

Die Abermillionen von Deutschen, die hier in der Schweiz leben, machen dieses Nachäffen übrigens nie, oder sie hören drei Tage nach der Einreise schnell damit auf, wenn sie merken, dass sie nicht ansatzweise in der Lage sind, wirkliches Schweizerdeutsch zu reden, weil es dabei eben nicht darum geht, einzelne Wörter lustig zu betonen, sondern es eine komplett eigenständige Spracheist.

Also, daher der ganz freundliche Aufruf an alle in Deutschland lebenden Deutschen: Im Gespräch mit Schweizern sollte imitiertes Schweizerdeutsch tabu sein, insbesondere die Wörter und Phrasen:

  • – „Schwyz“, „Schwyzer“ und Kombinationen davon
  • – „Fränkli“
  • – „Wer hat’s erfunden?“
  • – kehlige Krächzlaute beim „ch“

Alle Informationen für Fortgeschrittene bei Jens Wiese, insbesondere hier.

Und Janitz und Politi: Nichts für ungut, ich mag Euch. Mit der „Dilettantenklatsche“ eigene Fehler aufzuarbeiten sollte Pflicht bei allen Medien werden.

Update: Jetzt kommt gerade die nächste Runde Guggenmusikraten (weil der kleine Elch, den ich nicht gewonnen habe, noch im Jackpot ist; ich hab vor zehn Jahren schon mal einen grossen bei „Elmi“ gewonnen). Mal sehen, ob es der nächste hinbekommt.

Update vom Update: Frank oder so aus Düsseldorf hat’s geschafft, alle drei erkannt. Stresfrei im Büro vorm PC hätte ich allerdings Katrina and the Waves: „Walking on Sunshine“ auch gewusst, Die Ärzte; „Männer sind Schweine“ auch, aber das erste, Johnny Cash: „Ring of Fire“, niemals. Hut ab!

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