Podiumsdiskussion: XING super, Twitter zum Lachen?

Es fasziniert mich immer wieder, wie konservativ die Internet-Branche ist, oder wahlweise auch: wie wenig sie bei aller Dynamik über den derzeitigen Tellerrand hinausschauen kann. Aber der Reihe nach.

Gestern habe ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, bei der Firma Interxion zum Thema: „Wo Web 2.0 wohnt“. Letztlich war das ein Kundengewinnungs-/bindungsanlass für die Housing-Dienstleistungen der Firma, die geschickte verbale Verknüpfung mit dem „wohnt“ hatte sich der gestern moderierende Christoph Hugenschmidt von inside-it.ch ausgedacht (und mich vor ein paar Wochen überredet, dafür nicht zur re:publica nach Berlin zu fahren, was ich ehrlich gesagt seit drei Tagen bereue, aber ganz unabhängig von gestern Abend). Über 100 Gäste zeigten, dass das Thema Web 2.0 immer noch sehr gut zieht.

So weit, so gut. Auf dem Podium waren neben mir:

424f994d8Nicolas Berg, Schweizer Multiunternehmer und VC, diesmal anwesend in seiner Rolle als Country Manager von XING Schweiz,

4dff60b47Thomas Billeter, Gründer des WLAN-ISP tpn (in der Schweiz in jedem Starbucks; ich geh aber immer zu McDonald’s und surfe mit Konkurrent Monzoon ), Ex-McKinsey, wie gern betont wird, jetzt jedoch im offenen, kurzärmligen Hemd als Marketingchef des Joost-Konkurrenten Zattoo unterwegs (dessen Server bei Interxion stehen, wie später zu berichten sein wird),

e50c4e260Reto Hartinger , Organisator der Veranstaltungen Internet Briefing. Reto hat die Rolle des Advocatus Diaboli, d.h. er muss mich böse Sachen über Blogs fragen, dabei haben wir seinen aufgesetzt. :-),

Christoph Hugenschmidt meinte zu Beginn, er sei fast überrascht, dass ich nicht liveblogge. Ich sagte, das sei mir zu anstrengend, was auch stimmt, und unhöflich finde ich es auch etwas, wenn man auf dem Podium sitzt; ich verkniff mir allerdings zu sagen: „Was soll hier schon Neues rauskommen?“

Es wurden wieder die üblichen Umfragen mit dem Publikum gemacht: Wie viele sind bei XING angemeldet (so gut wie alle), wie viele bloggen (fünf oder sechs, Podium mitgezählt), wie viele sind bei Second Life (drei)? An der Stelle sieht man jedes Mal schon, wie heikel es ist, XING und den Rest in einem Atemzug als Web 2.0 zu bezeichnen. Das eine ist inzwischen bei den Leuten absolut etabliert, sowohl wegen der persönlichen Erfahrung (haben Konto, sehen Nutzen) als auch wegen der öffentlichen Story rundherum (erfolgreicher IPO).

Die paar interessanten Fakten konnte ich in der Tat schnell mit dem Handy mitschreiben:

Zattoos Ertragsmodell sind Werbeeinblendungen während der „Channel Switches“ (wenn neu gepuffert wird, dauert knapp zehn Sekunden). Von denen haben sie im Moment bereits 5 Millionen im Monat mit 250’000 Usern. Der erste zahlende Werbekunde soll noch diesen Monat aufgeschaltet werden.

Zu XING habe ich ja schon zweimal Lars Hinrichs gesehen, so dass ich das meiste schon wusste. Nur das zum Thema Infrastruktur: XING läuft im Moment auf rund 200 Servern, die alle in Deutschland stehen (Berg findet es ärgerlich, sagt er mir hinterher noch, dass für alles deutsche Mehrwertsteuer anfällt, obwohl ein grosser Teil der Leistung für das Ausland erbracht wird).

Gegen Ende der etwas spröden Interviews mit jedem in der Runde kam wieder das Thema auf, was denn nun Blogs für die Zukunft der Medien bedeuten. Meine aktuelle Antwort ist, dass die Leute erstmal aufhören sollen, alles am Format „Blog“ festzumachen. (Diese Gartner-Studie von neulich, dass die Anzahl Blogs nicht mehr wachsen werde, fand ich nicht weiter schlimm; nervig war nur, dass alle Mainstream-Medien „das Ende des Blog-Booms“ daraus gemacht haben, etwa dieses Fachblatt ).

Wer bisher nur vor dem Fernseher gehangen hat und nie ein grosses Verlangen hatte, sich schriftlich auszudrücken, der wird kaum morgen anfangen zu bloggen, nur weil das jetzt so einfach geht. Das wussten wir aber eigentlich schon länger. Aber der Trend wird weitergehen, dass die Leute generell viel mehr über sich online publizieren, und zwar nicht nur Texte in Blogs, Fotos in Flickr und Videos in Youtube (alles doch recht aufwändig, ein Video habe ich auch noch nie gemacht, ebendrum), sondern viel auch en passant. Plazes , das für mich nur die Funktion hat, dass es in meine Skype-Statuszeile reinschreibt, wo ich gerade bin, ist nur ein erstes Anzeichen. Das erzähle ich kurz und sage: „Und die Dynamisierung dieses Prinzips heisst Twitter.“

Ich schaue ins Publikum – nur verständnislose Gesichter. Ich schaute aufs Podium – keine Reaktion. Nur Nicolas Berg kennt es. (Dabei war just gestern ein guter Artikel vom in „heute“ (PDF , Seite 23), aber das habe ich natürlich erst auf der Rückfahrt gelesen.)

Ich erkläre also kurz, worum es geht: dass man mit kurzen Nachrichten seinen Freunden mitteilen kann, was man gerade macht, zum Beispiel: „Ich sehe gerade fern“ oder „Ich gehe heute Abend ans Grönemyer-Konzert“, und die können das entweder im Web lesen oder sich auf „follow“ setzen und werden dann auf dem laufenden gehalten, z.B. auf dem Handy, was praktisch ist, wenn man zum Beispiel lose verabredet ist. Vielleicht kann man es besser erklären, keine Ahnung, ich bin auch kein wirklicher Twitter-Aficionado.

Gelächter im Publikum. Auf dem Podium schreibt sich Christoph Hugenschmidt den Namen auf, immerhin. Und Thomas Billeter von Zattoo schlägt sich demonstrativ mit der Hand gegen die Stirn. „Wer macht bloss so einen Schwachsinn?“ steht allen ins Gesicht geschrieben.

Ein wenig wird nach diesem Höhepunkt noch weiterdiskutiert. Jemand von Sun beklagt sich, dass die Leute nur noch vor dem Bildschirm sitzen und zu wenig in der Natur sind. Ich wende ein, dass ich per Skype, IM etc. viel mehr soziale Kontakte gleichzeitig pflege als früher. (Blogwerk z.B. wäre nie gegründet worden ohne GoogleTalk-Sessions zwischen mir und Andreas Göldi; telefoniert hätten wir sicher nicht, das machen wir fast nie.) Jemand antwortet, ich führe wohl nie Zug: Dort sprechen die Leute mit ihrem Handy statt miteinander. Da kann ich als Berufspendler mit 15 Stunden Zug pro Woche natürlich prima kontern.

Wenige Minuten später ist die Diskussion dann planmässig zu Ende. Und ich habe einen weiteren Beleg dafür, was ich jedes Mal an solchen Veranstaltungen denke, auch schon am Web-2.0-Tag vom mcm im letzten Oktober (siehe hier, letzter Absatz) und auch wieder am St. Galler Internettag vor drei Wochen: Es ist faszierend, dass die Leute nun zehn Jahre relativ heftigen Wandels miterlebt haben, aber sich nicht für fünf Pfennig vorstellen können, dass diese Entwicklung noch weitergehen könnte. Oder dass es andere Leute gibt, die online andere Interessen realisieren könnten.

Tja. Irgendeinen Grund müssen diese Rudelbewegungen an den Börsen ja haben. Nur sollte sich, wer eine visionäre Idee hat (also nicht ich, Blogwerk ist ja ein Me-too), nicht am Feedback der sogenannten „Internet-Branche“ orientieren.

Nachher gab es eine sehr gute Bratwurst und eine Tour durch das Datencenter von Interxion. Davon mehr im nächsten Post.

2 Gedanken zu „Podiumsdiskussion: XING super, Twitter zum Lachen?“

  1. Thomas Billeter müsste man mal fragen, wieso all diese Public WLAN-Anbieter nicht am Massenmarkt interessiert sind, sondern sich als teure Nischenanbieter zu profilieren versuchen?!

  2. Ich hätt ja eigentlich auch am e-Drink übers Web 2.0 dummschwatzen wollen. Aber manchmal muss man Prioritäten setzen, und der vor-Ferien-Endspurt ist sicher ein gutes Argument.

    Danke für den Web 2.0 Bericht. Statt ‚wo das Web 2.0 wohnt‘ hättest Du auch schreiben können ‚wo Fredy wohnt‘ ;-) bitzli übertrieben, habe aber schon halbe Nächte schraubenderweise dort verbracht.

    Freue mich schon auf den Bericht der Datacenter-Tour!

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