Niedergang des Qualitätsjournalismus durch Livebloggen

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Jetzt hab ich mich so mit Coop und SVP verausgabt, dass ich keine Zeit mehr habe, einen Post im gewünschten Umfang fertigzuschreiben zur „Diskussion“ von Thomas „Bö.“ Benkö und Nicole Braun drüben bei heute . Schade, dass dort nicht wirklich eine Diskussion aufkommt, das Thema wäre es wert.

„Ja, genau, die Agenturen“, hatte ich schon geschrieben. Zu deren Arbeitsweise ist eigentlich schon alles gesagt seit Stefan Niggemeiers Chronologie einer Falschmeldung, vor allem aber mit Christiane Links Die Leserschaft zeigt sich bestürzt. Will man wirklich das Nachrichtenmonopol solchen Organisationen überlassen?

Und dann noch die Presseabteilungen der Firmen. Jeder der regelmässig Pressemitteilungen bekommt, weiss, dass man häufig zwei hintereinander bekommt, und in der zweiten stehen die Teilsätze „hat sich leider ein Fehler eingeschlichen“ und „danken für Ihr Verständnis“. Meist hat wohl ein Journalist aus dem vielköpfigen Empfängerkreis sich die Mühe gemacht, genau zu lesen und/oder nachzudenken und/oder nachzugoogeln, und dann zurückgefragt, woraufhin der Fehler, den das PR-Team vor dem Aussand selbst nicht bemerkt hatte, schnell offensichtlich wurde.

Nicole Braun, die vermutlich wie auch immer geartete emotionale Bande zu einer der genannten Berufsgruppen hat, wirkt daher etwas altmodisch, wenn sie es als Zumutung empfindet, dass heute nicht auf „die genauen Informationen der Agenturen und Pressemeldungen wartet“. Das ist wohl die Lehrbuchmeinung (sage ich als Ungelernter), was Agenturen und Presseabteilungen sein sollten.

Dabei würde ich nie behaupten, dass ein Blogger per se besser arbeite als ein Journalist oder ein PR-Mensch. Aber meist sind eben mehrere am Werk. Deswegen funktioniert das Nachrecherchieren ganz gut und genauso Liveblogging. Wenn der Bö Engadget und Gizmodo und neuerdings.com liest, ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle drei den gleichen Tippfehler machen, wie es Nicole Braun als wahrscheinliches Szenario aufzeigt, recht gering.

Schönster Satz in der Empörung von Nicole Braun:

Entschuldigung aber dann ist ja wohl die Bezeichnung Journalist etwas übertrieben, denn so sind das höchstens Übersetzer, wenn sie die Texte auf Deutsch adaptieren.

Das stimmt. „Journalist“ sollte sich nur nennen dürfen, wer sich maximal eine knallige Überschrift ausdenkt und darunter per Copy/paste aus Agenturmeldung und Pressemitteilung seinen Text zusammenstoppelt.


Das Foto hat natürlich nichts mit Nicole Braun zu tun, sondern ist von iStockphoto – als Beispiel für sorgfältige Bildredaktion, auch eine journalistische Qualität mit langer Tradition.

Update vom 28.10.07: Diese Nicole Braun legt Wert auf die Festellung, dass sie es nicht ist. Das kann sehr gut sein.

3 Gedanken zu „Niedergang des Qualitätsjournalismus durch Livebloggen“

  1. @hogi: aufgrund von bennys zauberbloghosting bei heute habe ich natürlich erst jetzt deinen manuellen trackback gesehen…

    ich wunderte mich bei diesem brief auch. ob wohl frau brauns sohn irgendwo auf einer pr-agentur ein praktikum absolviert?

    wenn die wüsste, wie sich gewisse journis zum teil auf sog. pressereisen gebahren, wäre die dame froh, wenn mehr liveblogging abschreiben würden.

    der tagi-journi, der auf der acer-reise nach marokko die ganze zeit ins cockpit wollte und den piloten nervte und der, der bei XY im hotelzimmer den fernseher mitlaufen liess, sind noch das mindeste…

    naja, und wenn frau braun wüsste, dass mailings von pr-firmen wie:
    – lewis
    – ovum
    – usw.

    bei mir gleich automatisch im spam landen, würde sie mir wahrscheinlich grad nochmals schreiben.

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