Routinehorror oder Optimierungsbonus?

Sitze im selben Zug auf demselben Platz wie gestern, und ab Wil mir schräg gegenüber auch derselbe Typ wie gestern. Wenig älter als ich, verheiratet, Anzugträger, einzige Auffälligkeit: mit Aktentasche und Rucksack unterwegs.

Wir hören beide iPod; er mit den mitgelieferten Ohrhörern, was ich als kleines Individualitätsplus verbuche. Das schlägt er allerdings locker, indem er ein anderes Hemd und eine andere Krawatte trägt als gestern, während bei mir wohl die beiden sichtbaren Kleidungsstücke wieder die gleichen sind.

Als er sitzt, nehme kurz die Stöpsel raus und sage: „Oje, jetzt wird’s aber bedenklich mit der Routine.“ Er: „Ach was, irgendwie muss man ja zur Arbeit kommen.“ Ich: „Ja ja, aber wir beide gleicher Zug, gleicher Platz; abends sitze ich auch oft auf dem gleichen Platz am anderen Ende, und manchmal merke ich sogar, dass es derselbe physische Zug ist wie morgens. Das ist doch schlimm.“ Er: „Nee nee, das ist einfach optimiert. So muss man weniger nachdenken.“

Ach, so ist das. Vielleicht habe ich einfach die falsche Einstellung zur Routine, und es ist gar nicht so wild?

Bis vor kurzem war noch jeden Morgen derselbe Mann im Zug, ein älterer Herr mit Hut, Rucksack, Mephisto-Schuhe und – etwas überraschend – Logitech-Kopfhörer, immer im Nacken getragen. Der stellte sich in der S-Bahn extra schon drei Minuten vor der Ankunft vor die Tür, damit er als erster draussen war, und hetzte dann nach dem Einfahren in St. Gallen fast im Laufschritt los zum noch leeren Zug, damit er jeden Morgen denselben Platz hatte. Auf dem Rückweg, im IC um 16.39 Uhr ab Zürich (einer vor meinem regulären Rückfahrzug) hab ich ihn auch mal gesehen, dort sass er oben auf dem allerersten Platz, und es fiel mir nicht schwer zu vermuten, dass er den jeden Tag besetzte, vermutlich mit der gleichen Renn-Routine von Bus oder Tram wie morgens. Altersmässig kommt es hin, dass er nicht mehr kommt, weil er jetzt pensioniert ist – ich frage mich, ob er zuhaus auch so ist und wie seine Frau damit umgeht.

Und sonst überlege ich weiter, wie schlimm Routine eigentlich wirklich ist, stelle mich aber schon mal darauf ein, dass ich bis zu meiner eigenen Rente zu keiner definitiven Antwort kommen werde.

10 Gedanken zu „Routinehorror oder Optimierungsbonus?“

  1. Du solltest mal etwas in der Psychologie forschen: Routinen (bzw. Traditionen) sind ein wichtiges Tool zur Reduzierung von Komplexität und damit essentiell zum Funktionen von Individuen, aber auch von ganzen Gesellschaften.

  2. Keine Angst vor Routine, Peter. Schliesslich tust Du ja auch den ganzen Tag einatmen, und ausatmen, und einatmen….. und bleibst dadurch am Leben. Um so tiefe Fragen wie in Deinem Beitrag stellen zu können…

  3. Patrick: Das glaube ich schon. Aber es gibt wohl Leute, die besser oder schlechter auf Routinen und Traditionen ansprechen. Ich hab ja auch ein paar liebgewonnene, aber ich finde, man muss sich ab und zu hinterfragen, ob man etwas eigentlich wirklich zur Routine erheben wollte.

    Jodok: Ja, das mit dem Atmen finde ich eben auch ziemlich öde, aber da habe ich auch noch keine gute Abwechslung gefunden. :-)

  4. Genau solche Sachen frag ich mich manchmal auch, wenn ich die Leute beobachte.

    Es fängt allerdings schon damit an, wenn man analysiert, ob man sich morgens nach der Dusche immer in der gleichen Reihenfolge abtrocknet. Zumindest geht mir das so. :-/

  5. Thomas: Ich trockne mich nie in der gleichen Reihenfolge ab. Ich mache nicht mal beim Duschen Waschen, Haarewaschen, Rasieren in fester Reihenfolge, sondern völlig willkürlich. Habe mich sogar schon gefragt, woran das liegt, aber noch nie sehr bewusst. Und vor allem: Ich habe das Gefühl, das habe ich früher mal anders gemacht, nämlich in fixer Reihenfolge, und dann ist mir die irgendwann verloren gegangen, und ich weiss nicht wieso. Das wäre ein sehr unerwarteter Alterungseffekt, finde ich.

  6. Guten Tag Herr Hogenkamp
    ich lese seit einiger Zeit Ihre Texte,mir gefällt ihr hintergründiger Humor. Auch ich fur 30 Jahre mit dem Zug Zur Arbeit und da schleicht sich schon eine Art Routine ein. DEr Mensch ist nun einmal ein gewohnheits Tier. Jetzt bin ich pensioniert und geniesse das Leben und ich kann Ihnen versichern, kein Spur mehr von Routine.Jeder Tag ist anders, ich Lebe jeden Moment meines Rentnerlebens mit Genuss.
    mit freundlichen Grüssen zentao

  7. Gerade lese ich, daß Ronnie(In Montana, in den Bergen) schreibt – Snooker wäre ein Zen-Sport. Das wäre dann ja wohl auch nichts für Dich?

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