Politische Kulturen im Vergleich: USA, Deutschland, Schweiz

1. USA. Newsletter von Barack Obama, gestern angekommen:

Subject: Did you see Michelle?

Friend —

I am so lucky to be married to the woman who delivered that speech last night.

Michelle was electrifying, inspiring, and absolutely magnificent. I get a lot of credit for the speech I gave at the 2004 convention — but I think she may have me beat.

You have to see it to believe it.

And make sure to forward this email to your friends and family — they’ll want to see it, too.

Watch Michelle Speak

http://my.barackobama.com/michelle

You really don’t want to miss this.

And I’m not just saying that because she’s my wife — I truly believe it was the best speech of the campaign so far.

Barack

Natürlich hat das nicht er selbst geschrieben, natürlich ist es für unseren Geschmack etwas pathetisch zu lesen, aber es ist in Verbindung mit dem tatsächlich beeindruckenden Auftritt seiner Frau trotz allem ziemlich glaubwürdig. Ich habe übrigens den personalisierten Link auf das Video rausgenommen – die Newslettermanager können natürlich zählen, wie viele Leute geklickt haben.

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2. Deutschland: Hubertus Heil twittert, und die deutschen Online-Medien fallen über ihn her

Weiss nicht, ob es ihm jemand erklärt hat, aber auch er macht das ziemlich authentisch, so wie Twitter halt gedacht ist. Er schreibt, wo er ist, was er macht, was die anderen machen, was er von der Convention denkt. Persönliches gemischt mit sachlichem.

Der Mann ist Jahrgang 1972, also gibt es keinen Grund, wieso er nicht das Wort «Kracher» in seinem Wortschatz führen sollte. Aber nein, für Spiegel Online heisst das: «Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.» Mal abgesehen von der saudummen Überspitzung (ich wüsste nicht, mit welchem Jargon man Teenager zum Erbleichen bringen könnte): Dass «super» für spezifische Jugendsprache gehalten wurde, dürfte wohl deutlich länger zurückreichen als 1972.

Aber genug davon, mehr darüber gibt es bei Thomas Knüwer, Nico Lumma und Frank Helmschrott.

Carsten Volkery übrigens, der Autos, sieht auf Fotos aus, als sei er auch so um die 35 herum.

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3. Schweiz: Der Medienminister hat Blogs verstanden

Übermorgen kommt Bundesrat Moritz Leuenberger (Mitglied der Schweizer Landesregierung, zugleich Fachminister für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) zu unserem BlogCamp (BarCamp für Blogger). Er bloggt seit eineinhalb Jahren selbst, wobei er die Einträge selbst schreibt. Diese beiden Tatsachen sind schon mal bemerkenswert genug.

Blick-am-Abend-Journalist und Blogger Thomas Benkö hat ihn gleich dazu interviewt. Schönster Satz:

Es ist auf jeden Fall eine Verkennung der künftigen Bedeutung des Blogs, wenn immer nur die lächerlichen Beispiele genannt werden, obwohl es diese auch gibt, wie übrigens auch bei Zeitungen und Radiosendern.

So ist es. Nur haben es viele Journalisten noch nicht gemerkt und reiten weiter auf den lächerlichen und denen, die sie für lächerlich halten, herum.

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Alle drei Beispiele sind von gestern. Da mir Deutschland auch nach 18 Jahren Schweiz immer noch am nächsten ist, kann ich nur den Kopf schütteln über dieses dämliche, innovationsfeindliche Revierdenken.

11 Gedanken zu „Politische Kulturen im Vergleich: USA, Deutschland, Schweiz“

  1. Ist es wirklich eine Errungenschaft, dass man inzwischen das Private eines Politikers serviert bekommt? So richtig interessiert mich eigentlich nicht der Diätplan weder von Ehemaligen noch Aktuellen.
    Ich geniesse, trotz gleichen Jahrgangs wie Heil, dann doch die Knäckebrotmanier schweizer Politiker.

  2. Ist es wirklich eine Errungenschaft, dass man inzwischen das Private eines Politikers serviert bekommt? So richtig interessiert mich eigentlich nicht der Diätplan, weder von Ehemaligen noch Aktuellen.
    Ich geniesse, trotz gleichen Jahrgangs wie Heil, dann doch die Knäckebrotmanier schweizer Politiker.

  3. Die Diskussion, ob es nun jemanden interessieren sollte, oder nicht, was Heils spontane Gedanken in Denver sind, kann man endlos führen.

    In den Massenmedien ist diese Diskussion einigermassen berechtigt. Im Web nicht, finde ich. Denn es muss ja niemand subscriben. Tatsache ist nämlich hier: 621 Leute lesen es.

  4. @ Peter Hogenkamp
    Stimmt, meine persönliche Meinung dazu ist wahrlich nur für mich relevant.
    Aber ich halte es auch für eine nicht sehr begrüssenswerte Interessensverschiebung, weg von den Sachthemen, hin zur Personalisierung – Emotionen statt konkrete Sachpunkte.

  5. Die Twitter-Meldungen von Herrn Heil haben tatsächlich geringen Informationswert und sind nicht unbedingt professionell. Trotzdem darf man anerkennen, dass die SPD sich an Twitter überhaupt herangwagt und beginnt es zu nutzen. Soll Herr Heil erst twittern üben müssen, bevor er anfängt? Soll er dpa-reife Meldungen twittern und welche Kriterien der Professionalität soll er erfüllen? Ich finde es eigentlich ganz angenehm, dass er so unbedarft an die Sache herangeht, denn diese Ego-Gewichse dass sich viele auf Twitter erlauben, in stillem Glauben an die Krönung mit dem Grimme oder besser noch dem Bachmannpreis, bedürfte vielleicht auch mal eine Kritik auf Spiegel Online oder einem geeigneteren Medium.

  6. Mara: Ich denke, dass die Leute einfach auch das private Nebenbei interessiert. Und ich würde nicht mal sagen, dass es ganz unwichtig ist. Wer von der Schweizer Bundesräten z.B. ÖV fährt und wer Heli fliegt, ist privat und politisch zugleich.

    Tessa: Mit der ersten Hälfte sehr einverstanden. Zur zweiten Hälfte kann ich wegen Befangenheit nichts sagen, bin ja vielleicht selbst ein Ego-Wichser.

  7. @ Peter Hogenkamp

    Also der Anspruch, einE PolitikerIn muss ein besserer Mensch sein? Darf ich nicht für ÖV sein und trotzdem Auto fahren? Diese Widersprüche sind bei „normalen“ Menschen gang und gäbe. Wenn man das private in die Politik mit einbezieht ergibt sich, aus meiner Sicht, ein viel zu hoher Anspruch.
    Man kann gute Politik auch machen, wenn man kein guter Mensch ist. Aber das ist wohl im Moment keine sehr beliebte Meinung..:-)

    @Tessa
    Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese betonte Unprofessionalität des Herrn Heil nicht gerade seine Professionaligät zeigt. Es wurde ja immer wieder kritisiert, er wäre zu sehr Roboter. Jetzt darf er sich fehlbar und ja, jungehaft unbedarft zeigen.

  8. Obama braucht halt dringend die Stimmen der weiblichen Hillary-Fans.

    Manche deutsche Politiker sind übrigens äusserst technikfreundlich. Frau Merkel war meines Wissens die erste podcastende Regierungschefin weltweit und Herr Schäuble hat sogar seinen eigenen Trojaner.

  9. Meine Interpretation dieser drei sehr hübschen Beispiele:

    Amerika („In God we trust“)
    Der Kandidat muss sich als eine von Gott ausersehene Führungsfigur inszenieren: das heisst er muss eine saubere religiöse Buchhaltung präsentieren: Erfolg im Beruf, liebende Gattin, Kindersegen, moralisch Einwandfreie Kinder. Nur der so sich darstellende Kandidat darf darauf hoffen die Gefolgschaft der Amerikaner zu Erringen für ein Amt, das eine „totale Leistung“ von ihm verlangt. Das veröffentlichte Mail, zeigt dass der ganze Mensch Obama, mit jeder Faser seines Fleisches (zu dem im biblischen Sinne auch die Gattin gerechnet werden muss) zur Verfügung steht.

    2. Deutschland (Geniekult und Bürokratismus: keine religiöse Buchhaltung wegen dem 30jährigen Krieg; dafür Nationalismus der zweimal in die Katastrophe führte)
    Der „Spiegel“ ist eigentlich eine bürokratische Anstalt mit klaren Hierarchien, dies entspricht dem deutschen Bedürfnis für den preussisch-hegelschen Vernunftstaat, der sich nicht um religiöse Aspekte kümmern darf. Aber: Kult des Genies: Goethe, Faust, Luther, Wagner, Nietzsche, Joseph Beyus, Schlingensief. Der twitternde Sozi sieht sich als deutsches Original-Genie, der „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“ seine Eindrücke vertwittert. Er ist der „Werther des Web 2.0“ der die verbeamteten Schreiber des Spiegels in Frage stellt, die sich mit der üblichen Häme verbeamteter Seelen wehren.

    3. Schweiz („Im Namen des Allmächtigen“)
    christliche Grundierung der Willensnation mit zwei gleich starken Konfessionen (Patt-Situation) Man muss pragmatisch miteinander rechnen. Das Web 2.0 bietet eine ideale Grundlage zur Bündelung vernünftiger Argumente und zur Diskussion „ohne Ansehen der Person“ auf ein grosses Ziel hin (Verhinderung der Klimakatastrophe). Der Medienminister nutzt das Mittel souverän im Sinne einer virtuellen Landsgemeinde, er bündelt die Argumentationen der vielen zu einem Buch.

    Das scheinen mir die 3 verschiedenen Dramaturgien zu sein der drei „Nationen“. Man möge mich wieder einen klischierenden historio-mythen schimpfen.

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