«Community 36» im Ferncheck: Kurz, nachts und mit Fertigständen

community36_2009-05-15_0624Hier also meine Schnelleinschätzung aufgrund dessen, was ich auf der Website gesehen, in der Pressemitteilung gelesen und in den zwei bisher veröffentlichten Artikeln (inside-it, Computerworld) gelesen habe.

Vorgeschichte: Die Orbit heisst erst seit diesem Jahr so, bis letztes Jahr hiess sie Orbit-iEX (letzteres für «InternetExpo»), und da der Consumer-IT-Teil (aus der alten Orbit in Basel, die 2006 mit der Internet Expo fusioniert wurde) schon lange websublimiert wurde, war es eigentlich noch die B2B-Internet-Fachmesse. Und als solche seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Ich selbst war mit Zeix als Aussteller und als Konferenz-Referent seit 2002 ohne Unterbrechnung dabei; dieses Jahr hatten wir erstmals keinen Stand. Ich denke auch nicht, dass wir mit dem alten Konzept nächstes Jahr zurückgekommen wären.

Relaunch
Grundsätzlich ist es sicher richtig, dass man etwas machen musste, und zwar etwas richtig Neues. Eine Reduktion um einen Tag oder ähnliche Kosmetik hätte in der Tat wenig gebracht. Daher muss man dem Team immerhin zu gute halten, dass es, wohl etwas spät, aber immerhin, alles über Bord wirft und mit der grossen Kelle nochmal ganz neu anrührt.

Das Fertigstandkonzept finde ich super. Vielleicht waren die Orbit-Macher an der CeBIT und haben Sascha Lobos «Webciety» gesehen. Ich glaube ja immer noch an Messen als Treffpunkt, und ich könnte mir wirklich vorstellen, dass so die Zukunft der Messe aussieht: Hinkommen mit dem Laptop, die Präsentation auf den Messestand spielen und loslegen – und nicht mehr 100’000 plus x Wochen Vorlauf für Standbau etc. ausgeben.

Event-Charakter
Das Event dauert neu von Donnerstag um 10 Uhr morgens bis Freitag um 22 Uhr, inklusive der Nacht. Schwer zu beurteilen, wie das mit der Nacht dazwischen mit der Schweizer Internetszene funktioniert, viele von deren Exponenten sind auch nicht mehr die jüngsten, ich inklusive. Ein Mitternachtsapéro ist kaum etwas, wofür sich dort hunderte Leute einfinden werden. Es ist wohl erlaubt zu sagen, dass wir de facto von einer Reduktion auf zwei Tage sprechen. So wird es auch ungeniert kommuniziert: «Sie sparen zwei Arbeitstage.»

Das finde ich etwas dünn. Ich musste an das Berliner Event «9to5» denken, von Holm Friebe und Jörn Morisse organisiert und mit Vorträgen die ganze Nacht. So könnte man etwas aus der Nacht machen: tagsüber Business für die Erwachsenen, nachts ein Barcamp-artiges Event für die Jungen. Natürlich, die Details stehen noch nicht. Aber ohne Konzept sehe ich die Nacht als verschenkt an.

Name (und «Ganzjahrescharakter»)
Oje. «Community» ist ein Wort, das ich schon seit Jahren nicht mehr verwende, weil es alles und nicht heissen kann. (Ist Twitter eine Community? Ist Facebook eine? Oder ist jede Facebook-Gruppe eine?)

Noch schlimmer finde ich «36». Auf der Website unter Agenda heisst es:

«Community 36 ist aber mehr als ein alljährlicher Marktplatz. Sie bietet ganzjährig geschäftliche Veranstaltungen, interessante Konferenzen, Networking Plattformen sowie gesellschaftliche Anlässe wie eigene Lounges an begehrten Sport- und Kulturanlässen.»

Hm. Dieser Teil scheint noch nicht zu Ende überlegt. Klassenfahrten zur IFA, zur CES — und zur IFAS Romandie, Fachmesse für Arzt- und Spitalbedarf? Dort werden jedes Mal 15 Leute teilnehmen, zum Main Event sollen aber wieder 15’000 kommen. Das ist für mich noch kein Ganzjahreskonzept.

Vor allem aber: Ist es nicht etwas unlogisch, wenn man sagt, man will mehr als ein einmal pro Jahr stattfindendes Event sein, aber sich mit dem Titel «36» nicht nur darüber benennt, sondern sogar die Länge der Veranstaltung schon auf die Stunde genau festlegt?

Insgesamt wundert es nicht, wenn CEO Urs Ingold zitiert wird: «Daher mussten wir uns bei der Namensfindung auf einen Begriff einigen, der nichts auslässt, vieles möglich macht und gleichzeitig neutral bleibt.» Der Name scheint der kleinste gemeinsame Nenner gewesen zu sein. Ich finde ihn weniger als durchschnittlich. Genauso wie das Logo und vor allem den Header der neuen Website. Sowas liebloses wie diese schlecht lesbaren Grossbuchstaben, und sowas hässliches wie diese Holzbretter, aus denen unten das «Beta»-Zeichen genagelt ist, habe ich lange nicht gesehen. Die Weiss-auf-Grün durchruckelnde Laufschrift mit dem Groove von 1996 passt da ins Bild.

community36_header_2009-05-15

Kommunikation
Leider iEX-typisch nur klassisch. Ich war wie gesagt nicht vor Ort und wollte mich gestern online informieren. Ohne Twitter wäre ich verloren gewesen und hätte gar nichts erfahren. Auf der Orbit-Website steht zuoberst ein völlig irrelevantes Messe-TV-Video von gestern Nachmittag. (Ganz unten auf der Homepage steht sogar noch «Orbit-iEX wird Orbit», das hätte ich mal schamhaft nach hinten verschoben.)

Es fällt mir seit Jahren immer wieder auf, dass die Orbit-Macher zwar eine Internet-Messe organisieren, aber im Kopf eher Offliner geblieben sind. Die Website wird nur als Online-Messekatalog angesehen. Messeleiter Giancarlo Palmisani hat vor einigen Wochen den Twitter-Account @Gianggi angelegt, aber während der ganzen Messe nicht einmal getwittert. (Klar, er wird sagen, er hatte keine Zeit, aber…)

Es scheint ihnen noch nicht klar zu sein, dass ein nicht geringer Teil der Meinungsbildung der Schweizer Internet-Elite inzwischen online stattfindet, und zwar derzeit auf Twitter, nächstes Jahr vielleicht schon wieder woanders. Dort war gestern nicht viel Positives zu lesen. Christoph Hugenschmidt twitterte live und reicherte alles gleich mit nicht sehr schmeichelhaften Kommentaren an («Kein Gerücht. Orbit ist tot. Der Rest ist ein Event(chen)»). Später war er der einzige, der am Abend noch einen Artikel verfasste, in dem man sich einen kurzen Überblick verschaffen konnte. Sein Fazit war, dass nur etwas über das Format, aber viel zu wenig über den Inhalt hörte: «Kein Wort darüber, wie „Community36“ auch nur Zipfelchen an gesellschaftlicher Relevanz zurückgewinnen soll».

Giancarlo Palmisani sagt im Interview mit der Computerworld: «Natürlich war auch das Erreichen einer gewissen Medienwirksamkeit unser Ziel bei der Erfindung des 36-Stunden-Events „Community 36“.» Damit meint er: einen Artikel in der NZZ. Natürlich ist das auch wichtig, aber wenn man auf «Community» setzt, muss man vor allem die Leute gewinnen, die sich sowieso gern in Communities engagieren, und die lesen die NZZ gar nicht (mehr).

Konferenz
Noch ist wenig zu sehen über die Konferenz. Sie heisst neu Academy. Und wird vom selben Team gemacht. Ob die Vorträge weiter etwas kosten, ist nicht zu sehen.

Als Teilnehmer an diversen Barcamps haben die Frontalunterricht-Vorträge, wir ich gerade wieder drei gemacht habe, für ziemlich anachronistisch – und den Preis von 130 Franken pro Vortrag erst recht. Da überzeugt mich ein All-inclusive-Konzept wie an der SuisseEMEX (Offenlegung: sind mein Kunde) oder der Swiss-Online-Marketing und eigentlich fast überall sonst auch inzwischen mehr.

Einen wichtigen Punkt steuerte René Mosimann alias skissmade bei, als er zum Ende des Tages twitterte: «Experte – Laie, Anbieter – Interessent, Referent – Konsumenten. Wo bleiben zeitgemässe Kommunikationsformen? #Orbit #unkonferenz #openspace». Genauso ist es. Community und Frontalunterricht sind Gegensätze, das wissen die Macher aber noch nicht.

Fazit
Man muss ihnen Credit dafür geben, dass sie in die Offensive gegangen sind und die Änderung schon an der Messe bekannt gegegeben haben (die Einladung kam schon am 24. April, der Entscheid stand also schon lange vor der Messe und wurde durch die Ausstellerzahl ausgelöst; die Besucher spielten also gar keine Rolle mehr). Durch diesen Schachzug werden die «Orbit-Niedergang-setzt-sich-fort»-Artikel, die heute Abend wieder gekommen wären, obsolet. Immerhin.

Ein grosses Testimonial, ein prominenter Rückkehrer als Aussteller (z.B. namics), den man schon vorab eingebunden hätte, hätte dem Launch-Event wohl gut getan. Ich nehme mal an, das haben sie versucht, und es hat nicht geklappt. Macht nichts, die könnte man nachreichen.

Trotzdem hätte man den Community-Gedanken stärker rüberbringen müssen, wenn man es schon so nennt. Wo ist die Skizze der Online-Community? Wo ist der Experte dafür? Nein, ich buhle nicht um einen Auftrag, es gibt doch genug Leute in der Schweiz, die Erfahrung mit Communities haben. Einer davon muss dringend ins Team, er muss dafür sorgen, dass ganzjährig etwas läuft (die «Academy» könnte dabei eine Rolle spielen, aber dafür müssten Exhibit und Vogel mehr miteinander reden), und er muss die sowieso Community-affinen Leute einbinden und ans Event bringen.

Denn wenn man sich das Team des neuen Events anschaut, fällt auf: Das neue Team ist komplett das alte. Wer soll hier die Ideen bringen, die verhindern, das das neue Ding einfach wie das alte wird, nur jetzt kurz, nachts und mit Fertigständen?

8 Gedanken zu „«Community 36» im Ferncheck: Kurz, nachts und mit Fertigständen“

  1. die website ist tatsächlich grottenhässlich. unfassbar, dass eine grosse internetmesse mit sowas an den start geht. und wer sich heute den begriff „community“ auf die fahne schreibt und nicht mal ein blog und einen twitterkanal anbietet, ist irgendwie im falschen (alten) film.

  2. Sie haben es immerhin geschafft, eine gefühlte Dekade nach YouTube so ein tolles Orbit-TV mit TeleTop-Charme zu machen. Dann klappt das in 5 Jahren sicher auch mit dem ganzen anderen, neumodischem Community-Krams.

  3. wir (online pc) hatten auch gestern abend bereits eine meldung zu community 36 etc. drauf… doch es war etwas mühsam, denn verschickt wurde keine medienmitteilung und irgendwann im lauf des abends kam dann eine meldung auf der orbit-site.

    du findest das fertigstandkonzept super und es gibt sicher einige firmen, welche dir zustimmen. ich habe mit vertretern von grossen it-firmen gesprochen und die wollen lieber einen auftritt mit ihrem eigenen stand. aber die meisten von denen waren eh nicht mehr an der orbit…

    anyway, ich bin gespannt, wie sich die ganze geschichte entwickelt. gewisse firmen werden abspringen, andere kann man so vielleicht anlocken.

  4. frage mich gerade, ob das mit diesen ständen à 9000 chf für 9m2 nicht auch die falschen firmen anzieht. vor allem auch mit diesem jungdynamischen 36stundenkonzept. ich behaupte mal kühn: die meisten jungen firmen, die wirklich was schlaues in der pipeline haben, haben nicht 9000 bucks für eine standmiete in dieser höhe. oder liege ich da völlig falsch?

  5. danke peter für die übersichtliche zusammenfassung. was auch dir auf diesen vielen zeilen nicht gelingt, ist das klären der idee – kein konzept ist auch ein konzept, scheint mir. vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man ein (überholtes) geschäftsmodell schützen muss und deshalb nur von aussen her ein paar etiketten draufklebt, wie community. im internetbereich gibts spannendere messebeispiele – müssen wir alle nach deutschland reisen?

  6. Ouch. Die Website bereitet mir Augenschmerzen.

    Ein unnötiges Redesign. Mit einem Namenswechsel und den Schlagworten „Community“ und „Beta“ (mittlerweile lame…) ist es nicht getan.

    Wenn die Wirtschaft in der Schweiz nicht wieder rasch anzieht – und davon gehe ich momentan nicht aus – sehe ich eine Absage oder eine Minimesse voraus.

  7. Danke Peter. Also alles was du live verpasst hast, ist Philip Fankhauser, der Show act der Party. Die Rede von ähm, ich glaub es war Urs Ingold, hab ich leider verpasst, die Leute haben einfach weiter geredet und ihm keine Aufmerksamkeit gezollt. Das Konzept hab ich nicht verstanden, denn es sind nur Massnahmen vorgestellt worden. Die neuen Stände sind nicht gerade hübsch und günstig. Die Meetingpoints, sog. Muschel (aufblasbar) erinnern mich an ein Rotlicht-Irgendwas. Der Name an eine Ü-30er Party. Na mal sehen, was sie draus machen.

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