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Der Unterschied zwischen IT und Informationsmanagement am Beispiel SBB

Bei der SBB wird demnächst wird der Leiter des Informatikbereichs Mitglied der Konzernleitung. Wichtig wäre zu wissen, wie der Mann seine Rolle interpretiert – als Serverchef oder als CIO?

Aus einem Artikel bei inside-it:

«CIOs sind bereits in vielen Grossunternehmen Mitglieder der Geschäftsleitung. Nun folgt auch die Schweizerische Bundesbahn diesem Trend und trägt der zunehmenden Bedeutung der Informatik Rechnung. Ab dem 1. Januar wird die jeweilige Leiterin oder der Leiter des Informatikbereichs – gegenwärtig wäre das Peter Kummer – Mitglied der Konzernleitung.»

(via @c36daily)

Abgesehen von der dümmlichen Überschrift «SBB adelt Informatik» – ausgerechnet bei einer IT-News-Site – ist das Problem, dass der «Leiter IT» in vielen Unternehmen etwas ganz anderes macht als ein «Chief Information Officer» machen sollte.

Der «Leiter IT» hiess früher «Leiter EDV», und viele sind auch schon so lange im Amt, dass sie jetzt schon den dritten Titel haben, aber immer noch das gleiche machen: Sie sorgen dafür, dass die Server stabil laufen, dass die Total Cost of Ownership im Rahmen bleibt (bzw. nach Möglichkeit laufend gesenkt wird) und dass die User nicht mehr über den schlechten Support meckern als überall anders auch. Ein CIO sollte das aber allenfalls nebenbei machen.

Das habe ich an der HSG im Studiengang «Informationsmanagement» bei Hubert Österle gelernt: «Informationsmanagement ist das Management der Ressource Information im Unternehmen». Damals habe ich gar nicht so recht gewusst, was das ist – heute schon.

Es gibt ganz offenbar Unternehmen, bei denen die Kern-IT passabel läuft, die Ressource Information aber eher stiefmütterlich gemanagt wird, und vor allem auch sehr wenig Awareness beim Management vorhanden ist, dass es hier grosse Potenziale gäbe. Der CIO muss auch oberster technologischer Trendscout sein und laufend neue Möglichkeiten von technischer Infrastruktur (zur Zeit in aller Munde: alles mit «Cloud»), Kollaboration (zur Zeit alles mit «Social») und ähnliches evaluieren und auch zügig einzuführen oder zumindest zu testen bereit sein. Das sind Ziele, die den oben genannten teilweise konträr entgegen stehen.

Insofern ist die Nachricht, dass die SBB den obersten Informatiker in die Geschäftsleitung hebt (wieso eigentlich erst per 1. Januar?), noch nicht wirklich aussagekräftig. Wichtig wäre zu wissen, wie die Person ihre Rolle interpretiert.

(Ich habe keine Ahnung, wie das bei der SBB läuft. In vielen Bereichen wie der Website, den Apps, den elektronischen Tickets etc. sind sie ja sehr innovativ, aber das läuft, wenn ich recht informiert bin, nicht bei der IT, sondern bei Patrick Comboeuf, und der ist beim Personenverkehr. Hoffen wir, dass dem nicht in Zukunft das neue Organigramm in die Quere kommt.)

«22 Jahre im Land mit den kleinen Nummernschildern» – Artikel im Alumni-Magazin über Deutsche in der Schweiz

Für das HSG-Ehemaligenmagazin «alma», das ich vor 14 Jahren selbst lanciert habe, habe ich einen Artikel geschrieben, den ich hier gern zweitverwerten möchte. Dank an alma-Chefredaktor Roger Tinner, der immer an mich denkt, wenn ihm niemand anders einfällt.

Für das HSG-Ehemaligenmagazin «alma», das ich vor 14 Jahren während meiner Zeit als Alumni-Geschäftsführer selbst lanciert habe, habe ich einen Artikel geschrieben, den ich hier gern zweitverwerten möchte. Dank an alma-Chefredaktor Roger Tinner, der immer an mich denkt, wenn ihm niemand anders einfällt.

Den Artikel kann man auf drei Arten lesen: Im folgenden im Volltext, hier als PDF und hier die ganze alma zum Durchblättern. Ich habe mir erlaubt, im Volltext wieder die Absätze so zu setzen wie in meinem Manuskript (im Originallayout sind einige etwas brutal weggefallen, weil man freundlicherweise nicht am Text kürzen wollte).

 

22 Jahre im Land mit den kleinen Nummernschildern

Er gehört zu jenen Deutschen, die nach dem Studium an der HSG hier geblieben sind: Dr. Peter Hogenkamp, ehemaliger Präsident der Studentenschaft, erster Geschäftsführer von HSG Alumni und heute Leiter Digitale Medien und Mitglied der Geschäftsleitung bei der NZZ-Mediengruppe. «Als Deutscher kommt man nie wirklich an», lautet sein Fazit nach 22 Jahren in der Schweiz.

von Peter Hogenkamp

Den ersten Sündenfall aus Ignoranz beging ich schon lange vorher: Als ich 1989 den (im Nachhinein grauenhaften) Artikel «Bosse von morgen» in der Zeitgeist-Postille «Wiener» las, wusste ich nicht mal, wo dieses «St. Gallen» liegt. Könnte Bayern sein oder auch Österreich – aus 700 km Entfernung hatte ich nur eine grobe Vorstellung vom «Süden». In der Schweiz war ich einen Tagesausflug lang gewesen, 1978 mit meinen Eltern und meinem Bruder, und hatte mir nur eins gemerkt: Dass sie an den Autos vorn viel zu kleine und hinten viel zu quadratische Nummernschilder haben.

Ich schaute im Atlas nach (Prä-Internet, die Älteren erinnern sich), bestellte die Unterlagen für die Aufnahmeprüfung, und am 29. Oktober 1990 zog ich tatsächlich nach St. Gallen, kurz vor meinem 22. Geburtstag. Im Oktober 2012, fast übermorgen, 22 Jahre später, werde ich genauso lange in der Schweiz gelebt haben wie in Deutschland.

Neulich fragte mich eine Freundin, auch HSG-Absolventin, aber Thurgauerin, in einem Mailwechsel unvermittelt: «Wie ist eigentlich diese Rickli-Debatte für Dich?» Ich schrieb nur ein Wort zurück: «schrecklich». Und obwohl zu dem Thema eigentlich alles gesagt ist, nur noch nicht von allen, reiche ich hier eine etwas ausführlichere, sehr persönliche Antwort nach.

Für die nicht in der Schweiz lebenden Alumni: Die SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli hatte in einer TV-Diskussion gesagt, es seien einfach zu viele Deutsche im Land, die «zuviel Druck auf Arbeitsmarkt und Infrastruktur» machen (youtu.be/VEzOvFWgXHA). Eigentlich ein so strunzdummer Beitrag, dass man ihn nicht weiter kommentieren müsste, schliesslich fahren die hiesigen Deutschen mit der S-Bahn zur Arbeit und mehren das Schweizer Sozialprodukt, aber einmal mehr brach eine Riesendebatte los, die auch von vielen deutschen Medien aufgegriffen wurde.

Eigentlich schnell eingelebt

Der erste Schock ist für Deutsche bekanntlich, dass in der Schweiz nicht das Emil-Steinberger-Deutsch aus dem (deutschen) Fernsehen gesprochen wird, sondern ein Dialekt, den man zu Beginn schlicht nicht versteht. Bei einem Nachtessen im ersten Semester sprach zwar jeder bilateral mit mir Hochdeutsch, aber ich verstand keinen einzigen der Witze, über die sich die Runde kollektiv ausschütten konnte. Doch auf die lange Sicht ist das eine kurze Episode. Wer sich nicht gerade in einer Enklave von Ausländern versteckt, versteht schon nach wenigen Monaten fast alles. Ich habe mir mein passives Schweizerdeutsch bei McDonald’s am Bohl angeeignet, wo ich nach der Eröffnung 1991 einige Monate als Schichtführer jobbte, wie auch schon zuvor in Deutschland.

Dort geschah es auch zum ersten Mal: Eine Mitarbeiterin rief mich an die Kasse, weil ein halbbetrunkener Gast zu wenig Geld dabei hatte. Ein normaler Vorfall bei jeder Spätschicht. Von mir freundlich gefragt, was ich stornieren solle, schaute er mich aus glasigen Augen eine Sekunde lang an, sagte: «Uh, nei, en Dütsche!», drehte sich wortlos um und ging.

Der Betonungs-Selbsttest

Danach geht es trotzdem recht schnell mit der sprachlichen Assimilierung. Einige Zeit lang versuchte ich, bei der Rechtschreibung zu differenzieren: «Gruß» nach Deutschland, «Gruss» an Schweizer. Ein aussichtsloses Unterfangen, so dass ich schnell ganz auf die Schweizer Linie einschwenkte. Mein persönlicher Selbsttest, wie eingeschweizert man sprachlich ist, ist simpel:

  • Stufe 1: Betone ich typisch schweizerische Abkürzungen wie «SBB» oder «UBS» – und natürlich «HSG» – schweizerisch, also auf der ersten Silbe?
  • Stufe 2: Betone ich auch im gesamten deutschsprachigen Raum gültige Abkürzungen wie «PC» oder «DVD» auf der ersten Silbe?
  • Stufe 3: Betone ich neue Abkürzungen, wenn ich sie zum ersten Mal lese – sagen wir: «KLP» – auf der ersten Silbe?

Das funktioniert auch bei der Tonalität: Dass die gröbste Schweizer Kritik lautet: «Ich wundere mich etwas darüber, dass…» oder die nachdrücklichste Aufforderung: «Ich wäre noch froh, wenn…», muss man zunächst verstehen, kann es dann aber rasch übernehmen. Kürzlich sagte mir ein Freund aus Berlin, wo man einen deutlich ruppigeren Ton pflegt, ich sei «enorm eingeschweizert» und müsse mich daher nicht wundern, dass er die von mir allzu nett formulierte Eskalation gar nicht als solche wahrgenommen habe.

Aber natürlich ist das alles Kleinkram, denn am Ende jeder Skala der Eingliederung steht das aktiv gesprochene Schweizerdeutsch. Ich kenne Deutsche, die es gelernt haben: Bettina Hein, 1996 meine Nachfolgerin als Präsidentin der Studentenschaft, fing von einem auf den anderen Tag an, Mundart zu reden, und es klingt bzw. tönt recht überzeugend. Der gebürtige Deutsche Wolfgang Schürer, Mentor diverser Studentengenerationen, spricht ein gutes St. Gallerdeutsch, sagten mir Einheimische.

Ich orientiere mich aber an den abschreckenden Beispielen. Wenn Klaus J. Stöhlker aus Ludwigshafen, seit 1970 hierzulande ansässig, im Fernsehen mit krassem Akzent «Wir Schwyzer» sagt, ist Fremdschämen angesagt. Vieles aus dem Film «Die Schweizermacher» von 1978 scheint mir bis heute symptomatisch, zum Beispiel jener Satz, den der Chef der Fremdenpolizei vorliest: «Wir glauben, dass die Assimilation jener Zustand ist, bei welchem der bei uns anwesende Ausländer nicht mehr auffällt.» (youtu.be/WNHJHlFuacY?t=39s) Auch wenn ich nicht den braunen Kehrichtsack nehme wie das Fräulein Vakulic (was ohnehin nicht mehr geht seit Einführung der «Sackgebühr»): Das habe ich in 22 Jahren noch nicht geschafft.

Der tägliche Moment des Outings

Dabei erfolgt das Outing immer zeitverzögert, denn als Deutscher sieht man bekanntlich erstmal weitgehend «normal» aus. Manchmal kommt man sogar durch: Am Zoll mit dem CH-Kennzeichen: «Grüezi», Grenzwächter winkt durch, «Merci» – hurra: Nicht aufgeflogen! Zu den beiden SBB-Kondukteuren «Morge mitenand» gesagt und das «GA» wortlos vorgezeigt – welche Oase der Nationalitäten-Privacy! Aber bei jeder mehrstufigen Interaktion kommt unweigerlich der Moment, in dem man etwas Richtiges sagen muss: «Einen mittelgrossen Zopf» oder «Waschen mit Unterboden, ohne Wachs, bitte».

Der Augenblick der Enttarnung, der Moment der Wahrheit, und jeder ist ein kleines Outing: Ja, ich bin Deutscher.

Ich habe schon minutenlang gewartet, wenn ich in einer Reihe von Wartenden übersehen wurde (ich gebe zu, dass das schwer zu glauben ist, aber es passiert). Bloss nicht beschweren, nicht auf Hochdeutsch sagen: «Hey, jetzt wär ich dran gewesen!» Überhaupt bin ich fast immer unglaublich freundlich zu allen, gebe viel Trinkgeld, vielleicht in der Hoffnung, wenigstens wegzukommen mit dem Stempel: «Deutscher, aber ganz nett».

Mir ist bewusst, dass das hauptsächlich Paranoia ist, denn in 80 Prozent der Fälle reagiert die Schweizer Gegenseite ausnehmend freundlich. Aber in einem Prozent der Fälle friert als Reaktion das Lächeln ein, und dieses Prozent, das jeder Deutsche kennt, hat mich über die Jahre konditioniert: Ich mag ihn nicht, diesen Moment des Outings. (Die beachtliche Differenz von 19 Prozent sind selbst Ausländer, oft mit -ic am Ende, die ihr akzentbehaftetes Schweizerdeutsch völlig unbeschwert zu reden scheinen.)

Und so fühle ich mich hier gleichzeitig sehr zuhause wie auch permanent etwas unwohl. Wenn Deutsche im Tram laut reden, denke ich unwillkürlich: Geht das nicht leiser?

Ist das ein generell deutscher Komplex? Wenn die Norweger ihren Nationalfeiertag feierten und dabei sturzbetrunken über den Bodensee schipperten – lustig! Dass meine holländischen Nachbarn im «Gatter-Ghetto» damals zweimal hintereinander das Schild «Parkplatz Rektor» ausgruben und beide auf ihrem Balkon lagerten – sympathisch! Aber wenn der «AC» (Ausländerclub) damals seine Rallye durch die Ostschweiz machte, war es mir peinlich, und ich hielt mich fern.

Insgesamt aufeinander zu

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass man sich trotz allem aufeinander zu bewegt. Die Rickli-Diskussion schien mir weniger heftig als die letzte Debatte vor drei Jahren. Am Ende ist die Mehrheit der Schweizer wohl eher pragmatisch als eigensinnig. Und auch bei den Kontrollschildern hat man inzwischen zumindest hinten den Widerstand gegen die dominante Form der umliegenden Autokarosserie aufgegeben – die vorn dagegen sind klein wie eh und je. Und es bleibt ein Trost: Eine Generation später lösen sich alle Probleme in Wohlgefallen auf: Meine Söhne sprechen beide lupenreines Schweizerdeutsch wie auch akzentfreies Hochdeutsch. Der Zustand, in dem der Ausländer nicht mehr auffällt, ist erreichbar, es braucht nur etwas länger.

43 ein halb, Geburtstagsapéro reloaded

Hole meinen am 11.11.2011 ausgefallenen Apéro zur Halbzeit zwischen den Geburtstagen am Freitag nach. Anmeldung via Facebook.

An meinem Geburtstag am 11.11.2010 hatte ich spontan – rund zwei Stunden vorher – für den Mittag einen spontanen Apéro am Bellevue angesetzt. Trotz der kurzen Vorwarnzeit kamen rund 20 Leute. Etwa hundert andere auf Twitter und Facebook baten um mehr Vorlauf für die Wiederholung. Also habe ich damals noch am selben Tag die Veranstaltung für den 11.11.2011 eingerichtet.

In der Nacht auf meinen Geburtstag verstarb die langjährige NZZ-Online-Redaktorin Isabelle Imhof nach kurzer schwerer Krankheit; natürlich sagte ich den Apéro daraufhin ab. (Was einmal mehr zeigt, dass längerfristige Planung nie auch Planungssicherheit bedeutet.)

Nun holen wir das einfach nach zur Halbzeit zwischen meinen Geburtstagen, also am 11. Mai 2012, um 12 Uhr. Wetter sieht gut aus aus heutiger Sicht (ist sowieso doof an meinem Geburtstag, dass es im November gern schon saukalt ist).

Eingeladen sind alle, die das online sehen. Bitte via Facebook anmelden: 43 ein halb.

Die S-Kurve in meinem Zitat im Paywall-Artikel im «Journalist»

Der «journalist» schreibt einen langen Paywall-Artikel. turi2 schreibt das falsche Zitat raus. Ich schreibe immer dasselbe.

(Update vom 10. Mai: Der erwähnte Artikel von Svenja Siegert ist jetzt auch online verfügbar, unter dem Titel: «PAYWALLS – ODER: DIE MÄR VOM DIGITALEN DEICH.»)

Das vom Deutschen Journalisten-Verband in Bonn herausgegebene Medienmagazin «journalist» hat in der diese Woche erschienenen aktuellen Ausgabe unter dem schwer verständlichen Titel «Wenn das Wasser kommt» einen langen Artikel zum Stand der Dinge bezüglich Paywalls von Verlagen veröffentlicht.

Die Redakteurin Svenja Siegert war hervorragend vorbereitet auf unser Gespräch am 3. April und hat eine 18’000 Zeichen lange Fleissarbeit abgeliefert, in der die Paywall-Bemühungen von Titeln wie den «Esslinger Nachrichten» oder dem «Darmstädter Echo» nicht fehlen. Sie hat auch nicht nur alle Zitate autorisieren lassen, sondern meine Präzisierungen sogar übernommen. (Das klingt selbstverständlich, aber ich habe es oft genug anders erlebt; viele Journalisten versuchen, den «Spin», den sie einer Aussage gegeben haben, nicht verloren gehen zu lassen, auch wenn man es anders gemeint hat.)

Hatte mich gestern bei der Lektüre kurz gefragt, wieso sie extra nach Zürich fliegt, um mit mir zu reden, mich dann aber nicht nach einem Foto fragt, sondern von sich aus einen relativ schrecklichen Schnappschuss von mir auf dem Podium bei den Münchner Medientagen im letzten Herbst nimmt, während die anderen vier mit Foto zitierten Leute mit ihren ganz normalen PR-Stockphotos abgebildet sind. Es ist mir dann noch eingefallen. Das Foto geht vermutlich zusammen mit der Tatsache, dass sie mehrfach auf mein Gewicht anspielt (einmal sogar ganz originell: «Peter Hogenkamp ist eigentlich viel zu groß für den acht Quadratmeter kleinen Besprechungsraum im Verlagssitz der Neuen Zürcher Zeitung»), dass sie anmerkt, ich spreche «schnell und laut» (das ist eigentlich ein typisch Schweizer Einwurf…) und dass ich «mit einem schwarzen Edding auf das Flipchart quietsche». Ich glaube, das hat etwas mit Positionierung zu tun, mit dem Ansatz: «Ich zeige keinen unnötigen Respekt vor einem „Manager“». Als Quereinsteiger, der nach wie vor leicht fremdelt mit der erst zwei Jahre alten Rolle «Verlagsestablishment», sind mir solche Spielchen immer noch etwas fremd. Andererseits: Wenn Markus Wiegand in der aktuellen Ausgabe des «Schweizer Journalist» Blick-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley mit drei simplen Fragen aus dem Schweizer Einbürgerungstest (z.B. mit der Fangfrage «Wie viele Ständeräte hat der Kanton Aargau?») auf die Palme bringt, finde ich’s auch lustig. Also: geschenkt. Der Artikel ist wie gesagt gut.

Und da beginnt das Problem, denn ich finde es inzwischen sehr unbefriedigend, wenn ich solche für mich, meine Mitarbeiter, meine «Peers» und meine «Community» relevanten Inhalte, in die ich zudem selbst etwa zwei Stunden investiert habe, nur als Print-Artikel verfügbar habe. Ich will diesen Artikel «sharen», und zwar am liebsten mit einem Tweet, der mich 30 Sekunden Zeitaufwand kostet (statt mit einem Blogpost am frühen Samstagmorgen, der zwei Stunden braucht).

Natürlich, auf der Website des «journalist» kann man das E-Paper kaufen, aber hallo!, es kostet nicht nur 12 Euro, was eine Menge ist, wenn man sich nicht für die Titelstory «Diagnose: Workaholic» (mit einer in eine Zeitung eingewickelten Weinflasche als Visualisierung, die schiefen Metaphern scheinen ein Identitätsmerkmal des Titels zu sein) interessiert, sondern nur für den einen Paywall-Artikel, sondern man muss auch eine Registrationsmaske mit 20 (!) Feldern ausfüllen. Wer für einen E-Commerce-Vortrag ein Beispiel für einen sicheren Conversion-Killer sucht: Bingo.

Während ich über die Verlagsstrategie des deutschen «journalist» nichts weiss, habe ich mit Chefredaktor Markus Wiegand und Herausgeber Johann Oberauer mal über eine mögliche Online-Strategie des oben erwähnten «Schweizer Journalist» gesprochen. Als zahlender Abonnent bin ich jeden Monat aufs neue frustriert, dass die Newsletter-Ankündigungen mit der Inhaltsangabe eine Woche früher kommen, als das Heft in der Post ist. Zudem kamen wir darauf, weil Wiegand extrem zurückhaltend ist, PDF-Versionen von Artikeln herauszugeben, denn er schätzt, dass jedes PDF durch Weiterleitung «sofort 300 mal kopiert wird, quer durch die Verlagshäuser». Nun, das mag sein, aber mit dem Xerox WorkCentre (Modell typähnlich), das direkt vor meiner Bürotür steht, ist es auch nur eine Sache von zwei Minuten, aus dem gedruckten Artikel ein PDF zu erstellen. Zugegeben, niederschwellig ist anders, aber bei uns intern auf Yammer kursieren diverse Scans von Fachartikeln, die nicht online verfügbar sind (denn niemand scannt freiwillig, wenn er auch einen Link posten kann), da kamen die 300 «Kopien» auch schnell zusammen.

Ich könnte auch nicht aus dem Stegreif sagen, was die Lösung für die Branchenmagazine ist. It’s complicated, wie immer. Das «Metered Paywall»-Modell, das wir bei der NZZ verfolgen wollen, ist ein Consumer-Modell, das nach heutigem Stand der Erkenntnis nur ab einer gewissen Reichweite funktioniert. Es entbehrt dennoch nicht einer gewissen Ironie, dass die Medienmagazine, die sehr abgeklärt und gern mit dem Unterton «Haben die es immer noch nicht kapiert!?» über die Paid-Content-Anstrengungen der Verlage schreiben, ganz offensichtlich noch keine eigene Zukunftsvision entwickelt haben.

Zurück zum «Sharing». Der Link, sagt man nicht umsonst, ist der entscheidende Hebel der ganzen Internetökonomie. Wo er fehlt, herrscht Frustration. Wenn turi2 ein Zitat wie gestern meins mit der Quellenangabe «Journalist 5/2012, S. 53» erwähnt, dann muss man sich schon sehr, sehr für das Thema interessieren, damit man wirklich stante pede anfängt zu googlen und dann das E-Paper trotz der oben beschriebenen Hürden kauft.

Ich kann mich entsinnen, wie Ronnie Grob und ich im Jahr 2006 die tägliche Linksammlung «6 vor 9» konzipiert haben (mehrere Jahre bei «medienlese.com», seitdem beim Bildblog»), dass wir diskutiert haben, ob wir auch Zitate aus Medien nehmen, die nicht online (EDIT: offline war natürlich Unsinn, danke für den Hinweis, Marc) verfügbar sind, die man also nicht anklicken kann. Ich war dafür, im Sinne einer täglichen Presseschau, die auch spannende Presse-Artikel für Nicht-Abonnenten herausgreift. Ronnie war dagegen und argumentierte: «Wenn man nicht direkt klicken kann, nützt es einem nichts.» Ronnie hatte recht. Ich habe in fünf Jahren turi2-Lektüre noch nie ein Offline-Produkt gekauft, weil ich es im Newsletter zitiert sah. (Eine Ausnahme mag der «Spiegel» sein, den ich womöglich mal daraufhin heruntergeladen habe, aber den lese ich eh mehr oder weniger regelmässig, und der Download via iPad ist sehr einfach.) Daher ist aus meiner Sicht ein Zitat, das nicht mit einem Link einhergeht, praktisch nichts wert. Und ich nehme an, dass die turis das auch bei der Zusammenstellung berücksichtigen. Ein Zitat muss deutlich schmissiger sein, um es auch ohne Link in die Sammlung zu schaffen.

Apropos Zitat: Ich finde durchaus, dass der Artikel es verdient, «verlinkt» zu werden, ich finde aber nicht, dass mein Zitat, das sie für das nachmittägliche «heute2» herausgezogen haben, das interessanteste ist. Der Abschnitt «Zitate» ist ja Heimat der Zuspitzungen, und es langweilt mich langsam enorm, dass immer die ollen Auflagenprognosen, die die uralte Debatte «Wie lange wird es noch Zeitungen geben?» befeuern, dafür rausgezerrt werden.

Zudem ist es mit der turi-Zusammenfassung «NZZ-Online-Chef Peter Hogenkamp sieht einen rapiden Auflagenfall kommen» völlig unzulässig vereinfacht. Hier der Originaltext von Svenja Siegert:

Peter Hogenkamp ist ein Mann der Kurven. Mit einem schwarzen Edding quietscht er zwei davon auf das Flipchart im Besprechungsraum. Die erste Kurve: die Innovationsentwicklung des Tablets. Eine S-Kurve. Die zweite Kurve: die Auflagenentwicklung von Tageszeitungen. Das Spiegelbild einer S-Kurve. „Die Zeitungsauflage mag die letzten zehn Jahre eher sanft gesunken sein. Aber in dem Moment, wo es bei den Tablets wirklich steil nach oben geht, könnte es bei der Zeitungsauflage ebenso steil bergab gehen. Viele rechnen den Schwund nur linear weiter. Das könnte ins Auge gehen.“

«Könnte ins Auge gehen» ist nun mal etwas deutlich anderes als «sieht einen rapiden Auflagenfall kommen». Aber die Wahrheit ist nach wie vor ganz simpel: Wir wissen es alle nicht. Ich auch nicht. Also müssen wir in Szenarien denken.

Für in jedem Fall gefährlich halte ich die zahlreichen Prognosen, die das Ende der gedruckten Zeitung für 2018, 2034 oder 2043 vorhersagen, denn das impliziert: «Beruhigt Euch, Leute, der Medienwandel wird nicht so heiss gegessen, wie er gekocht wird.» Diesen Aspekt finde ich insbesondere fahrlässig, weil aus Verlagssicht nicht relevant ist, wann die letzte Zeitung gedruckt wird, sondern wie lange das heutige Geschäftsmodell der Tageszeitungen (grosse Redaktion, breites Themenspektrum, Zeitungsdruck, Frühzustellung, Abo-Modell etc.) noch Gewinne einfährt. Wer denkt, man könnte in jedem Fall noch bis 203x mit dem Modell weiterfahren, handelt fahrlässig, und deswegen ist diese immer wieder aufbrandende Diskussion mit ihren Argumenten («Haptik!», siehe viertletzter Absatz) strategisch weitgehend irrelevant.

Wer mehr Zeit investieren will als nur für Einzeiler-Zitate, dem empfehle ich zur «S-Kurve» immer noch den netzwertig-Artikel von Andreas Göldi: Innovationspsychologie: Warum der Umgang mit Disruptionen so schwierig ist. Am Ende des ersten Abschnitts schreibt er:

Noch ein weiterer Faktor erschwert die Einschätzung solche Entwicklungen: Oft überlagern sich mehrere zeitversetzt ablaufende Wellen. Während beispielsweise in den meisten Industrieländern die Gesamtzahl der Web-User nur noch langsam ansteigt, wächst die Nutzung von Social Media weiterhin stark, und das mobile Internet hat seinen “Tipping Point” erst gerade überschritten.

Wohlgemerkt, das war 2009. Seitdem ist das iPad als Game Changer hinzugekommen, Smartphones sind inzwischen bei einem Marktanteil von rund 50% angekommen. Einige der sich überlagernden Wellen in der Medienbranche sind die stationäre Internet-Nutzung (NZZ Online), die mobile News-Nutzung auf dem Smartphone (Apps plus mobile-optimiertes Browser-Layout), die Lektüre des E-Papers (Replica) auf dem iPad, der Übergang von der Nutzung weniger Newsquellen (Tagesschau und eine Tageszeitung) zu diversen Quellen, der durch die «Kuratierung» via Social Media beschleunigt wird.

Das alles geht einher mit einer starken Individualisierung. Wenn man die Mediennutzung eines Individuums messen und seine Position auf allen Kurven exakt lokalisieren könnte, würde sich vermutlich herausstellen, dass kaum zwei Personen überall dasselbe Nutzungsverhalten aufweisen. Ich zum Beispiel bin ein News-Junkie im stationären Web wie auch auf dem iPhone, surfe dort lieber im Browser als in News-Apps, nutze RSS-Feeds fast gar nicht (obwohl ich aufgrund meiner Blogger-Biografie eigentlich müsste), lese auf dem iPad erstaunlich selten etc. Und natürlich bewegen wir uns auch noch alle ständig auf den Kurven nach oben; in diesen bewegten Zeiten kann jedes neue Device, jede neue App, jedes neue Feature (mit dem neuen Samsung Galaxy S3 kann man beim Videogucken gleichzeitig ein Browserfenster öffnen und googlen, erzählte mir Digitalredaktor Henning Steier gestern – werde ich vermutlich oft machen!) unser Nutzungsverhalten graduell beeinflussen. Insofern ist auch meine korrekt wiedergegebene Aussage «in dem Moment, wo es bei den Tablets wirklich steil nach oben geht» eine Vereinfachung der Realität; eigentlich geht eine um unsere aggregierte Position auf den Adaptionskurven diverser neuer Technologien.

Wer in Andreas‘ Artikel nur den ersten Abschnitt gelesen hat, sollte unbedingt noch den dritten und vierten Abschnitt über «Status-Inseln» lesen und sich dabei Gremien wie Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte vorstellen. Für die NZZ kann ich es sagen: In unseren Leitungsgremien — wie zum Glück auch bei der gesamten Leserschaft — ist das E-Paper auf dem iPad ein grosser Erfolg. Mit der «Digitalisierung» hat das aber eigentlich nur wenig zu tun, es wird nur die Originalzeitung («Replica») digital ausgeliefert. Wer nun behauptet, und ich kenne einige, die das tun: «Ich werde die NZZ immer nur als E-Paper lesen wollen», der sollte diese steile These mal angesichts seiner persönlichen Mediennutzungshistorie der letzten 15 Jahre reflektieren. (Und nebenbei, Sätze, die mit «Ich werde immer…» oder «ich werde nie…» anfangen, sollte man sowieso in Zeiten von Archivdatenbanken und Google Cache tunlichst vermeiden.)

Nochmal zur S-Kurve und zur berühmt-berüchtigten Lebensdauer der Zeitung: Der Auflagenschwund der letzten zehn Jahre war bekanntlich einigermassen linear, drei, vier Prozent pro Jahr, was in einem Jahrzehnt die meisten Zeitungen rund ein Viertel ihrer Auflage gekostet hat. Wer das fortschreibt, kommt auf die oben erwähnten vermeintlich beruhigenden Schätzungen. Wer sich jedoch die aggregierten S-Kurven unserer zunehmend digitalen Mediennutzung vorstellt, der wird zumindest die Möglichkeit nicht ausschliessen, dass die Zeitungsauflagen den Weg eines spiegelbildlichen S nehmen könnten, bei dem wir uns die ersten 15 Jahre noch auf dem flachen Stück befunden haben. Und ja, selbstverständlich käme bei so einem S-Verlauf auch unten wieder ein flaches Stück, denn selbstverständlich gibt es Menschen, die bis an ihr Lebensende eine Tageszeitung auf Papier lesen wollen, das heisst: Vielleicht wird es sogar wirklich «immer» Zeitungen auf Papier geben.

Die «Werbewoche» macht es genau richtig, wenn Sie in ihrer Version der obligaten Zukunft-der-Zeitung-Meldung schreibt: «Liebhaberpublikationen ausgenommen». Denn dass Liebhabereien wie Vinylschallplatten (von 70 Millionen auf 600’000 pro Jahr in Deutschland) nicht dasselbe sind wie ein Massenmarkt, wissen andere Branchen bereits bestens.

Ich weiss, ich wiederhole mich, nicht nur in diesem Blogpost, sondern einiges davon habe ich schon vor eineinhalb Jahren geschrieben: «Können wir für die strategische Planung des Hauses NZZ das Szenario «ohne gedruckte Zeitung» mit absoluter Sicherheit ausschliessen? Meiner Meinung nach können wir das nicht.» Aber die Gebetsmühle gehört nun mal zur wichtigen Grundausstattung in meinem Job, und ich werde sie gern weiter drehen.

Laudatio für Beat Schmid, Ehrenpreisträger Best of Swiss Web 2012

Gestern Abend wurde der «Best of Swiss Web»-Ehrenpreis an Prof. em. Beat Schmid verliehen, meinen ehemaligen Chef. Ich durfte ein Drittel der Laudatio halten.

Nachtrag vom 6. Oktober 2012: Die sind lustig der Organisation von «Best of Swiss Web»: Stellen das Video von meiner Laudatio eine Woche nach der Veranstaltung auf YouTube, sagen mir aber vorsichtshalber nichts davon. Gerade zufällig entdeckt, dümpelte bei 100 Views dahin. Der Text unten basierte auf meinem Manuskript; da gibt es nun halt gewisse Abweichungen, die ich aber nicht mehr abgleiche. Es gilt das gesprochene Wort – ausser dort, wo ich versehentlich etwas provokant wurde, dort gilt der gemässigtere Text.

Gestern Abend war die Preisverleihung der «Best of Swiss Web»-Awards, einem seit zwölf Jahren durchgeführten Branchenpreis der Schweizer Webszene. Ich war bis vor zwei Jahren Jury-Präsident der Kategorie Usability und durfte gestern zurückkehren, um eine Laudatio auf Professor Beat Schmid zu halten, bei dem ich vor gut 15 Jahren studiert und gearbeitet habe. Beat Schmid ist eine Art «Hidden Champion» der Schweizer Internetbranche: Wenige wissen, dass er sehr früh wichtige Impulse für die Entwicklung gegeben hat, und wie viele inzwischen namhafte Firmen wie Namics und Crealogix aus seinem Lehrstuhl hervor gingen. Entsprechend würdigten ihn drei Laudatoren: Prof. Andrea Back (meine Doktormutter) über sein Wirken an der HSG und am Institut für Wirtschaftsinformatik, Bruno Richle, Gründer von Crealogix, über sein Wirken als Verwaltungsrat, schliesslich ich aus Sicht eines damaligen Studierenden.

Hier mein Text:

Lieber Herr Schmid
Meine Damen und Herren

Viele Leute neigen dazu, ihre Studienzeit im Nachhinein zu verklären. Ich nicht.

Einer meiner schlimmsten Momente an der HSG war für mich im Jahr 1993, als meine Kollegen am Institut für Wirtschaftsinformatik, die «Forschung» betrieben, eine IP-Adresse bekamen (die HSG war damals noch auf IPX/SPX) — aber ich nicht, weil ich für die Lehre zuständig war.

Kurz danach stand der erste Webserver der Ostschweiz, der am Lehrstuhl Schmid aufgesetzt wurde (die Streber von der ETH waren natürlich schneller, nicht zu reden von denen am CERN) quasi in der Abstellkammer neben mir — und ich konnte nicht drauf.

Meine Büronachbarn, die Kollegen vom «CC TeleCounter», Richard Dratva sitzt dort vorn, die damals das Online-Banking der Zukunft erfanden — das zwar heute etwas anders aussieht als damals in Visual Basic mit Drag and Drop von Einzahlungsscheinen und Bleistiften skizziert, aber das immerhin eingetreten ist — sie konnten endlich zuschauen, wie sich die Schwarz-Weiss-Websites von amerikanischen Universitäten in nur wenigen Minuten in «Mosaic» auf dem eigenen PC aufbauten.

Einige Monate später gab es dann zwar TCP/IP für die ganze HSG. Aber wenn ich mir auch nur die Entwicklung von Namics und Crealogix anschaue, die aus diesem Team hervorgingen, stelle ich fest, dass ich den Initial-Rückstand von 1993 offenbar bis heute nicht aufgeholt habe.

Was habe ich also in der Zeit gemacht, in der die anderen surften? Was jeder gute Assi macht: PowerPoint.

Einige Slides davon habe ich mitgebracht, nämlich die legendäre Präsentation, mit der Herr Schmid damals durch die Lande reiste und das Internet erklärte. Ich bin überzeugt, dass die Zahl der Schweizer Führungskräfte, die zum ersten Mal von Beat Schmid vom Internet hörten, in die Tausende geht.

Slides mitgebracht — das tönt, als sei ich gut organisiert. In Wirklichkeit habe ich natürlich Andreas Göldi nach Boston geschrieben, der hat das PPT95-File, das man mit heutiger Software gar nicht mehr öffnen kann, durch irgendeinen Online-Konverter gejagt und es mir zehn Minuten später gemailt. Er lässt Sie übrigens schön grüssen.

Was ich hier zeige, sind wirklich nur die Slides, die ich selbst gemalt habe, denn die komplizierteren, auf denen die elektronischen Märkte erklärt werden, habe ich ehrlich gesagt bis heute nicht genau verstanden.

Wirklich, so sah das damals aus, dieses bunte war modern!

Auf dem nächsten Slide sehen wir, dass wir es mit ortslosen, interaktiven und multimediale Informationsobjekten zu tun bekommen würden – die wir heute jeden Tag besuchen und zum Beispiel Websites nennen.

Ich finde es bis heute gut zu wissen, dass das Internet etwas silbrig glänzt aussenrum.

Schön fand ich noch die Grafik der Anzahl Internet-Hosts, die im Jahrzehnt von 1985 bis 1995 schon ein beeindruckendes Wachstum von 0 auf 7 Millionen hinter sich hatte. Wer es vergleichen möchte: Vor genau einem Jahr gingen bekanntlich die Adressen für den Adressraum IPv4 aus, mit dem man 4.3 Milliarden Hosts adressieren konnte.

Meine Lieblingsgrafik bis zum heutigen Tage bleibt aber die letzte Folie, die ich eigentlich gern gross in meinem Büro aufhängen würde: die Substitution von Pferden durch Autos.


(JPG grossPDF)

Denn auch 1995 musste man Managern schon mit Metaphern, die sie verstehen konnten, die Zukunft erklären. 1995 war das die Substitution von Pferden durch Autos zu Beginn des Jahrhunderts.

Ich weiss noch genau, wie Herr Schmid damals in den Vorträgen immer sagte: «Um die ersten Autos zu bedienen, musste man noch ein halber Ingenieur sein, weshalb die Droschkenkutscher sagten: ‚Das wird sich nie durchsetzen!’»

Nun, man könnte heute die Pferde und Autos in der Grafik durch eine Menge aktuelle Dinge ersetzen — sagen wir zum Beispiel durch Zeitungen und iPads — und einigen müsste eigentlich einiges klarer werden. Erstaunlicherweise ist das aber nicht so, sondern ich verbringe in meinem Job recht viel Zeit damit, mit Leuten zu debattieren, die diese Entwicklung in Frage stellen.

Ich frage mich, wie damals die Argumentation lief. Vielleicht sagten einige: «Die Haptik ist bei so einem Pferd einfach viel besser», oder: «Zu einem schönen Tag gehört für mich einfach dazu, dass ich morgens zur Arbeit reite.»

Und tatsächlich, es gibt ja auch immer noch Pferde und Fuhrwerke und Kutscher, und ich unternehme sogar regelmässig Kutschfahrten: im Schnitt etwa alle zwei Jahre, in den Ferien, wenn meine Söhne mich dazu zwingen.

Lieber Herr Schmid, ich könnte noch diverse Beispiele bringen, etwa von Brillen, mit denen wir ab ca. 1997 «in die Daten gehen», aber ich darf hier nicht länger.

Was ich Ihnen an dieser Stelle sagen möchte: Das Rüstzeug, um diese Transitionen vielleicht etwas früher und etwas klarer zu erkennen als andere, haben wir damals von Ihnen im Studiumgang «Informationsmanagement» bekommen.

Herzlichen Dank dafür!

Anruf aus Indien: «Dein Windows ist verseucht, wir helfen Dir!»

Eine Anruferin aus einem Call Center aus Indien beschwört mich, meinen Windows-Computer einzuschalten, um gemeinsam einen Virus zu entfernen.

Habe gerade einen Scam-Anruf aus Indien bekommen. Mit einer US-Telefonnummer (972-453-9824, Area Code gehört zu Dallas, aber ist sicher faked, man findet auch im Netz diverse «Beschwerden» über die Nummer) und heftigem indischen Akzent rief um 8 Uhr morgens eine Frau an und sagte: «I’m calling from Microsoft. We have received reports from your internet service provider of virus problems with your Windows computer. Can you tell me who owns the computer?» – Ich wollte die Geschichte hören, log also: «That would be me.» Sie so: «May I ask you to switch on your computer? You have serious problems, and I can put you through to somebody from technical service who can help clean your Windows.»

Ich hätte gern gehört, wie es weiter geht, und hab kurz überlegt, ob ich wirklich den Windows-Computer einschalte, der hier rumsteht (nicht meiner, ich hab noch irgendwo einen alten DELL-Laptop in der Ecke liegen, den ich aber seit 2007 nicht eingeschaltet habe), aber dann war mir doch schon die Vorstellung zu anstrengend, während des Bootens fünf Minuten, oder wie lange das heutzutage dauert, mit der Frau am Telefon – und Sohn2 im Hintergrund – zu verbringen, und ich sagte: «You know what, this whole story sounds pretty funny to me.» Die Frau wurde ärgerlich: «You think this is funny? What makes you think is is funny? This is very serious!» – «And besides, I have a Mac», sagte ich. «You have Macintosh?» – «Yes.» – Klick, aufgelegt.

Da soll noch jemand sagen, einen Mac zu haben hilft nichts.

Hab die Geschichte natürlich sofort gegoogelt (nach „windows scam india“) und diverses Englischsprachige gefunden, u.a. diverse Artikel und Blogposts beim Guardian, wie den hier: «Virus phone scam being run from call centres in India».

Dort steht auch, wie es weitergegangen wäre:

The puzzled owner is then directed to their computer, and asked to open a program called „Windows Event Viewer“. Its contents are, to the average user, worrying: they look like a long list of errors, some labelled „critical“. „Yes, that’s it,“ says the caller. „Now let me guide you through the steps to fixing it.“

The computer owner is directed to a website and told to download a program that hands over remote control of the computer, and the caller „installs“ various „fixes“ for the problem. And then it’s time to pay a fee: £185 for a „subscription“ to the „preventative service“.

Natürlich ist die Geschichte so absurd, dass es mir rätselhaft wäre, wie jemand darauf reinfallen könnte. Woher sollte Microsoft meine Nummer haben? Wieso sollte mein ISP Swisscom merken, dass ich einen Virus habe, und wenn doch, wieso sollte er mich bei Microsoft melden, statt mich direkt anzugehen? Und wieso sollten die aus Indien anrufen, mit einem Akzent, den man fast nicht versteht?

Andererseits glauben die Leute ja auch, dass ihnen jemand aus Nigeria 50 Millionen vererben will. Ja nun.

Deutschsprachige Artikel oder Blogposts habe ich gar nicht gefunden. Aber natürlich gehe ich davon aus, dass ich nicht der erste in der Schweiz bin, der angerufen wird, und dass die Geschichte in wenigen Tagen bis Wochen, je nach Intensität der Bewirtschaftung der hiesigen Adressen, morgens im «20 Minuten» steht. Barbara Josef, kannst schon mal ein Statement vorbereiten.

Update: Ach, es war schon bei 20 Minuten, hab’s bei meiner ersten Suchrunde wegen «Indien» nicht gefunden: Wenn Jenny anruft, droht Gefahr.

Krisenkommunikation: NZZ Online lahmt

NZZ Online hat grössere Probleme. Wir informieren behelfsmässig hier und bitten um Verständnis.

Update von 14.58 Uhr: Wir verschieben die Krisenkommunikation hierher: nzzonline.tumblr.com/

(Ich poste das hier in meinem privaten Blog, weil nzz.ch nicht immer aktualisiert werden kann und/oder nicht immer erreichbar ist. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Massnahmen.)

Gestern Mittag wurde ein neuer Software-Release auf NZZ Online eingespielt. Seit ca. 23 Uhr am Abend haben wir Probleme, die vermutlich damit zusammen hängen.

Hintergrund: NZZ Online besteht technisch aus zwei separaten Modulen: den «Backend-Servern» mit dem Redaktionssystem und den «Frontend-Servern», die die Website ausliefern. Dieser Setup stellt sicher, dass die Website auch erreichbar, wenn das Backend einmal abstürzt.

Seit heute morgen ist es durch Probleme im Backend unserer Online-Redaktion teilweise nicht möglich, die Website zu aktualisieren. Gleichzeitig bringen die Probleme im Backend zeitweise auf die Frontend-Server zum Absturz, so dass NZZ Online immer mal wieder gar nicht erreichbar ist. Die meiste Zeit ist aber die Website scheinbar in Ordnung, kann «nur» nicht aktualisiert werden (was natürlich sehr schlimm ist für eine Nachrichten-Site).

Nachdem alle anderen Massnahmen fehlgeschlagen sind, prüfen wir derzeit ein Wiederherstellen des Zustands vor der Installation gestern Mittag («Rollback»). Dadurch wird auch der inhaltliche Stand vorübergehend der von gestern Mittag sein, was wir allerdings schnellstmöglich wieder korrigieren werden.

Wir halten Sie hier dort: http://nzzonline.tumblr.com/ auf dem Laufenden. Danke für das Verständnis.

(Stand von 14.30 Uhr)

Die Publicis verabschiedet sich von der NZZ mit einem «Best of Bleistift»

Nach 15 Jahren als Werbeagentur der NZZ verabschiedet sich die Publicis mit einem «Best of Bleistift».

15 Jahre lang war die Publicis die Agentur der NZZ und hat die berühmte Kampagne mit dem blauen Bleistift als Sujet kreiert (einige Motive findet man bei Google).

Seit Anfang 2012 ist die NZZ bei Jung von Matt / Limmat.

Heute verabschiedet sich die Publicis mit einem «Best of Bleistift» (PDF) und diesem Text: «Gute Werbekampagnen und guter Journalismus haben eines gemeinsam: Je länger und intensiver man daran arbeitet, desto präziser und glaubwürdiger werden sie. Über fünfzehn Jahre lang durfte Publicis die NZZ-Werbung zuspitzen. Liebe NZZ, die Zusammenarbeit war ein Vergnügen auf höchstem Niveau. Herzlichen Dank und alles Gute.»

Hat Klasse, finde ich.

Geht’s noch, SWISS?

SWISS zockt ab. Kinder zahlen gleich viel wie die Eltern, die Nebenkosten machen über 70% des Preises aus.

Seit langem mal wieder SWISS gebucht, jetzt, wo Air Berlin nicht mehr nach Hannover fliegt. Und hoffentlich das letzte Mal für lange Zeit, denn bei der Zusammenstellung der Preise fasst man sich an den Kopf.

Flugtarif CHF 84 (29.5% des Gesamtpreises), Rest CHF 200.90 (70,5%). Ein Zweijähriger und ein Sechsjähriger zahlen das gleiche wie die Eltern? Und das Bezahlen mit Kreditkarte (welche natürlichere Art gibt es für eine Online-Flugbuchung) kostet 11.- pro Person, also insgesamt CHF 44? Das ist doch alles nicht Euer Ernst!

Natürlich ist ein Wochenende mit den Kindern bei den Grosseltern nach wie vor «priceless», aber in Zahlen kostet es mich CHF 1’139.60. Hätte ich Zeit, würde ich mich als Wutbürger mit Schaum vor dem Mund am Flughafen postieren und irgendwas skandieren. So werde ich einfach demnächst lieber mit Air Berlin nach Düsseldorf fliegen und die längere Anreise zum Flughafen in Kauf nehmen.

Wollte eigentlich was Nettes über die neue, sehr schön gemachte iPhone-App schreiben, aber das kommt mir angesichts dessen jetzt leider nicht mehr über die Tasten.

Gesucht: «Driver X»

Welcher Blogger findet «Driver X», der Tom Hanks durch den deutschen Osten gefahren hat — mit sagenhaften 140 km/h?

Blogger aus Berlin oder aus dem deutschen Osten — das ist Deine Chance!

Unten ist ein grandioses oder albernes Video, je nach Geschmack, aus «Letterman». Einerseits fasst man sich an den Kopf, wie ignorant diese Amerikaner doch immer noch sind, und wie dumm auch, wenn sie nicht mal ein Schild erkennen, das die Durchfahrthöhe unter einer Brücke angibt. Andererseits könnte Harald Schmidt problemlos das gleiche machen mit fast jedem anderen Land, und wir würden es auch normal finden. Vor allem aber finde ich es wirklich komisch, dass Tom Hanks denkt, 140 km/h sei schnell.

Dein Auftrag, lieber Blogger: «Driver X» finden, der Tom Hanks von Berlin nach Dresden und Eisenhüttenstadt gefahren hat. Ihn auf Video interviewen und seine Aussagen (natürlich hofft man, er hat einen total starken Dialekt) gegenschneiden mit denen von Hanks. Vor allem, wie aufgeregt der war, als er 140 gefahren ist, und wie er sich immer erschreckt hat, wenn jemand trotzdem, also quasi mit Lichtgeschwindigkeit, überholt hat.

Wenn Video nicht möglich ist, geht auch ein Text, der den Gegensatz beschreibt. Fotos von Driver X sind aber Pflicht.

Wenn Du dann den Post live hast, musst Du natürlich Tom Hanks antwittern. Der wird es witzig finden und retweeten (mit 3.2 Mio. Followern), und – zack – Du hast 3% davon auf Deiner Website, das sind 100’000 Leute. turi2 wird darüber schreiben, der bringt nochmal 1000. Ende der Geschichte, die kommen alle nie wieder – aber hey, immerhin.