DLD: Impressionen und Nachlese

Konnte leider an der DLD nicht so viel bloggen, wie ich wollte, aus Zeitmangel, Platzmangel und Mangel an „always on“. Hier noch ein paar übriggebliebene Impressionen.

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Interessant war die Mischung zwischen Weltruf-Anspruch und krachlederner Provinzialität. Am ersten Tag hatte ich mich schon ein wenig gewundert über die Schuhplattler, die irgendwann aus heiterem Himmel auftauchten; ich sass im Pressezentrum und hörte es durch die Glasscheibe nebenan plötzlich jodeln und kreischen. Am zweiten Tag griff dann anlässlich der „Aenne Burda Award Ceremony“ Hubert Burda zum Mikrofon und schmetterte „Muss I denn zum Städtele hinaus“. Im Publikum eine Mischung von Amüsement, leichter Fassungslosigkeit und Wiedererkennen bekannter Verhaltensmuster, denn offenbar macht er das immer. Rolf Dobelli erzählte mir später: „Am WEF singt er auch jedesmal.“ Rätselhaft sind die Wege dessen, der auch ohne Mätzchen wichtig wäre…

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Kurz nach Beginn sitze ich neben Christian Rickens vom Manager Magazin, der kurz danach Niklas Zennström interviewen wird. Er hat auch noch nicht so richtig kapiert, wie Joost eigentlich funktionieren wird, ich kann ihm noch ein paar Sachen erzählen, aber auch nicht richtig viel. Lustiges Intermezzo: Jemand von FON Deutschland kommt auf ihn zu und sagt: „Excuse me, are you Martin? Oh no, sorry…“ und läuft schnell wieder weg. Rickens ist etwas verdattert, aber ich hab’s, glaube ich, verstanden: Der andere hat seinen Chef gesucht, denn Rickens sieht Martin Varsavsky von FON ähnlich.

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Imgp0043Ich sehe von weitem jemanden, der ein Portemonnaie hat, aus dem Flammen schlagen, wenn er es öffnet. Billig, aber es zieht natürlich gleich die Menschen an. Na gut, wenn er es darauf anlegt, gehe ich auch mal hin. Er hat einen ganzen Rucksack voll mit Gadgets – unter anderem eine Uhr mit Videoplayer. Ich frage ihn, was er denn damit macht, und er meint, er sei so eine Art globaler Trendscout, der neue Produkte und Leute zusammenbringt. Dafür ist er allerdings unglaublich unfreundlich, als ich frage, wer der Hersteller ist. „It’s a chinese company, you can google it.“ Ob die das wussten, als sie ihm die Uhr überlassen haben, um damit im Westen Werbung zu machen? Er sagt: „Gotta go“, reisst mir die Uhr aus der Hand und stapft davon.

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Dass „demnächst Sony solche ‚Head Mounted Diplays‘ entwickelt“, mit denen man dann den Eindruck einer Kinoleinwand direkt vor dem Auge sehen werde, hat uns Professor Beat Schmid schon 1993 in einer Vorlesung erzählt (und Andreas und ich können und auch noch genau daran erinnern). Und sogar den Zeitpunkt angegeben: „Die werden etwa 1997 auf den Markt kommen.“

Imgp0040Genau zehn Jahre später laufen an der DLD einige Damen rum und demonstrieren „my.vu„, das auf den Video-iPod zugeschnitten ist. Man montiert ein Gehäuse um den iPod herum, Clickwheel und Display sind weiter zugänglich, und mit der spacigen, halbdurchlässigen Brille sieht man das Bild. Das sieht allerdings nicht aus wie eine Kinoleinwand, sondern eher wie ein Mini-Röhrenfernseher, oder, noch bessere Assoziation, wie das Bild dieser kleinen Spielzeug-Fernseher, durch die man sich durch Sehenswürdigkeiten durchklicken kann. (Hatte als Kind einen mit denen aus Lippe: Hermannsdenkmal, Externsteine, Adlerwarte, Detmolder Schloss etc.) Sehr hübsch.

my.vu ist in den USA schon auf dem Markt für $300 und soll im Frühling nach Europa kommen. Wenn ich überlege, was in meiner Tasche schon alles kaputt gegangen ist, möchte ich so eine fragil aussehende Brille lieber nicht haben.

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Irgendwo steht wieder so eine Mobilepoint-Säule rum, an der man sich mit Bluetooth oder Infrarot mit dem Handy connecten kann (die Bluetooth-ID heisst „MobilepointPIN=111“, daran merkt man schon einiges), und dann bekommt man sofort eine SMS, und auf die muss man dann nur mit seinem Namen antworten, und schon kann man zwei Champions-League-Tickets für Bayern – Real Madrid gewinnen. Puh. Wäre schon kompliziert genug, wenn es funktioniert würde.

Ich probiere das jetzt zum dritten Mal mit solchen Geräten, das letzte Mal war an der OMD in Düsseldorf, und es hat noch nie geklappt. Bluetooth funktioniert problemlos an meinen beiden Nokia-Handys, ich synce jeden Tag mit dem PC, daran wird es nicht liegen. Ich connecte, kriege aber die SMS nicht. Die Alternative ist, dass man eine Mail mit seinem Vornahmen und Namen an 82280 schickt, was erheblich besser klappt. Dieses Mobile Marketing per Bluetooth-Säule ist einfach nach wie vor nicht zu gebrauchen. (Nachträgliches Googeln ergibt: Die Technologie gehört der Deutschen Post. „Die Technik: Einfach. Genial.“ ist aber: Einfach. Gelogen.

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Bei „Where are the editors?“ sitze ich dann wirklich neben Martin Varsavsky. Er ist so gekleidet, wie seine Website aussieht: etwas exzentrisch (Adidas-Turnschuhe, bunter Schal), aber stylish (das nehme ich zurück, nachdem ich gerade diese kindischen Illustrationen gesehen habe). Ich habe gerade vorher in einem anderen Panel in einem andern Kontext zu Alexander Straub von Truphone gesagt (der Gratistelefonie über WiFi anbietet), dass ich seit über einem halben Jahr bei FON registriert bin und noch nie einen anderen Router als meinen genutzt habe. Das frage ich natürlich jetzt gleich Varsawsky: „Did you ever just by accident run into an open FON router?“

Er sagt natürlich ja, aber er weiss, wovon ich rede. Sie haben sich darüber offenbar Gedanken gemacht. Sie arbeiten als Messgrösse mit der „density of foneros“, also Einwohner pro Router. Im Moment seien wir in Deutschland bei 5000 bis 15000; da müsse man in der Tat die Router noch gezielt suchen. Wenn die Density mal bei 1000 sei, werde man „frequently“ Fon-Router finden; das langfristige Ziel sei eine Dichte von 100, dann seien sie fast überall. (Das heisst, sie wollen in Deutschland mit seinen 80 Millionen Leuten, na, sagen wir mal mit 40 Millionen, die in Agglomerationen wohnen, 400’000 FON-Router installieren. Würde gern mal das Excel-Sheet aus dem Businessplan sehen. Sie verdienen ja nur an den Leuten, die zahlen, weil sie selbst keine foneros sind. Kann mir nicht vorstellen, dass es nur damit aufgeht, dass sie nicht noch andere Einnahmequellen im Businessplan haben.) Martin holt seinen Blackberry raus und sagt, er bekommt die Zahlen jeden Tag zugeschickt: Gestern wurden weltweit 1373 neue Router in Betrieb genommen. In der Schweiz waren es 3 neue; damit sind es jetzt 1979. Deutschland und Spanien sind im Moment die am schnellsten wachsenden Länder, sagt Martin. Nicht schlecht.

Ich schaue nochmal die FON-Karte von Zürich an (nicht direkt verlinkbar), und die sieht schon ganz beeindruckend aus, etwa 100 in der Innenstadt, schätze ich, Kreis 4 natürlich vorneweg! Schnell mal gerechnet, der Kreis 4/“Aussersihl“ hat laut Wikipedia 27’000 Einwohner, und ich zähle etwa 25 Punkte auf der Karte. Da sind wir also schon bei der Density von 1000. Jetzt muss nur noch der Rest der Welt nachziehen. Wenn es nicht ausgerechnet jetzt kalt geworden wäre, würde ich mal rumlaufen und gucken, ob man auch wirklich reinkommt.

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Bei der Bunte-Party im Bayerischen Hof (über die Frank Huber schon geschrieben hat: „Die wirklich süssen Bunte-Girls in weissen Jeans/Miniröcken und weissen Slippern waren für mich z.B. symptomatisch für die aktuellen Print-Konzepte.“) spreche ich mit Rolf Dobelli (geb. Döbeli, er hat seinen Schweizer Namen etwas internationalisiert, was viele Leute lustig finden, ich finde es legitim, wenn man halb in Florida lebt) von getabstract. Ich finde zum einen seine Leistung als Unternehmer sehr beachtlich – sie haben aus der Schweiz heraus eine weltweit arbeitende Firma aufgebaut – sondern auch, dass er nebenbei noch Romane schreibt. (Ausserdem bin ich recht stolz, dass ich einen zeitgenössischen Autor treffe, dessen Werk ich zu zwei Dritteln gelesen habe. „Fünfunddreissig“ ist jedem Karrieristen um die 35 sehr zu empfehlen.) Wie schafft man das bloss? Er sagt, er schreibt in kleinen Portionen. Im Flugzeug hierher von Berlin (?) habe er wieder 20 Minuten geschrieben. Sein neues Buch kommt in drei Wochen und enthält nur Fragebögen zu allen Lebenslagen (gab es schon mal bei Max Frisch, sagt er, kenne ich nicht, aber ich erinnere mich an eine Fragebogen-Weltwoche-Ausgabe vor etwa zwei Jahren). Ich frage ihn noch nach Umsatzzahlen und wie sie eigentlich die Verlage kompensieren. Er sagt, das seien genau die beiden Geheimnisse, die er nicht verrate (ich freue mich, dass ich die sofort getroffen habe). Sie machen aber 60% des Umsatzes in den USA. Konkurrenten haben sie praktisch nicht, weil sie auch die einzigen sind, die Verlage wirklich beteiligen, das heisst alle anderen sind letztlich illegal, und daher würden weltweit operierende Firmen wie Ernst & Young (die mit den Farbbeuteln) niemals mit jemand anderem zusammenarbeiten. Beeindruckend.

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Am Donnerstag bekomme ich eine Mail von einem Fotografen, im Ton durchaus angemessen freundlich, ich solle bitte die Fotos entfernen. Ich hab’s echt nicht böse gemeint, sondern ich habe wieder etwas dazugelernt. Mir war natürlich klar, dass das professionelle Fotografen waren, die da mit ihren Riesen-Nikons „klackklackklackklackklackklack“ machten.

Aber ich dachte, die Fotografen sind von Burda bezahlt, und wenn jemand von denen seine Bilder zusätzlich bei Flickr einstellt (von einer privaten Website habe ich noch nie Bilder einfach so verwendet, und ich habe auch schon viel Geld für Fotografen ausgegeben), dann will er praktisch, dass man die auch einbettet, als zusätzlichen Traffic-Generator. Hab ja auch alle verlinkt, so dass man für die hochauflösende Version immer bei ihm landet. Aber das ist wohl nicht so. Mohr schreibt, Fragen wäre Pflicht gewesen. Natürlich hätte ich fragen können, aber wenn ich per Mail gefragt hätte (und dann hätte ich nicht nur ihn fragen müssen, sondern auch die anderen fünf und mir merken müssen, wer wer ist und wer was geantwortet hat), hätte ich vermutlich erst nach seiner Heimkehr eine Antwort bekommen, und dann wäre ich nach Blog-Massstäben schon wieder sehr spät dran gewesen. Das praktische ist ja gerade, dass ich bei Flickr „dld07 dyson“ suchen konnte, und zack, hatte ich tolle Bilder zum Verlinken.

Dabei hätte ich problemlos unter jedes von ihm verwendete Foto (die meisten sind aber von UJF). Oder sogar ein bisschen was gezahlt. Schade, dass Flickr keinen Mechanismus hat, um solche Fotos zur Verwendung im eigenen Blog zu kaufen. Wobei es dann natürlich auch wieder auf den Preis angekommen wäre. Einen Dollar pro Foto (wie bei iStockphoto) zur Nur-online-Verwendung eines niedrig aufgelösten Bildes würde ich aber problemlos zahlen. Bei fünf Dollar würde ich lieber wieder meine verwackelten Knipsereien mit der Pentax Optio T10 nehmen (die ich mir extra für die DLD gekauft habe, weil meine Casio Exilim vor kurzem in der ungepolsterten sakku-Tasche unter den Laptop geraten ist). Also, lösch ich die Fotos eben wieder. Ich finde sicher andere oder nehme meine eigenen.

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Apropos Flickr: Lustig wird’s, wenn man „dld07“ mit etwas kombiniert, das es nicht gibt. Etwa „dld07 evsan„. Da kommt ein lustiger Vorschlag, und wenn man den anklickt, wird’s noch lustiger.

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8 Gedanken zu „DLD: Impressionen und Nachlese“

  1. Ohh, ich würde diese Konferenzen hassen. Bin froh gehst du da hin als Vertreter der Schweizer Blogszene und schreibst darüber. So haben wir alle was davon und müssen uns nicht selber prostituieren. Ich glaub für die Lift07 sponsore ich dich mit einem kleinen Zustupf für’s Fondue wenn du mir ein paar Stories über Gutfeldt zukommen lässt. :-)

  2. Das wird bei FON darauf hinauslaufen, dass bei genug Abdeckung einfach alle Werbung eingeblendet kriegen (für ’ne Minute oder so, Fullscreen). Und das wird dann natürlich lokal vermarktet. Werbung für umliegende Restaurants usw.

  3. Also ich hab einen Fon Router zuhause nur krieg ich den irgendwie nicht mehr zum laufen. Muss ich mal wieder ausprobieren wenn ich mal ein wenig Zeit habe. Leider ist’s noch nicht LaFonera!

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