Der Kunstpfeifer und die Deutschen

Auch nach bald 20 Jahren in der Schweiz – demnächst lebe ich irgendwann mal länger hier als ich in Deutschland gelebt habe – merke ich immer noch, wie bei gemeinschaftsbildenden Erlebnissen die deutsche Sozialisation durchdrückt. Die ersten 20 Lebensjahre sind wohl diesbezüglich die wichtigeren.

Was mir immer wieder auffällt, ist die identitätsstiftende Kraft kurzer Loriot-Zitate. Das machen mehr Leute als ich dachte (ich gehöre selbst dazu).

Neulich sassen wir am Mittag zu sechst mit einer lieben Geschäfts-Bekanntschaft als Gast (aus Deutschland, lebt aber auch schon sehr lange hier) im Kreis 4 vor dem Restaurant „Celia“, und Ina nörgelte an ihrem Salat rum: „Früher war mehr Mozzarella.“ Ich: „Früher war mehr Lametta!“ Unser Gast gluckste kurz auf, die vier Schweizer guckten eher verständnislos. Die nachgeschobene Erklärung: „Das ist ein Zitat von Loriot; Opa Hoppenstedt sagt das unter dem Weihnachtsbaum“, hätte ich mir auch sparen können.

Gestern war ich bei der suisseEMEX beim Modul „CRM“. Wir machten einen Workshop über Customer Experience; parallel sollte Tobias Heimpel von Climate Partner einen über klimaneutrale Veranstaltungen machen – leider kam jedoch kein einziger Teilnehmer.

Wohl um ihm doch noch etwas Exposure zu geben, wurde er danach auf die Bühne gebeten und sollte sagen, was er denkt, warum niemand gekommen ist. Heimpel: „Wir sagen bei uns immer: Das geht natürlich nicht so glatt ins Ohr wie Peter Alexander.“ Ich war sofort abgeholt.

Hier die Episode „Der Kunstpfeifer“ von Loriot.

Die stammt übrigens aus dem Jahr 1976. Da war ich acht, und Heimpel sah von weitem zumindest nicht älter aus als ich. Ist doch faszinierend, wie lange sich sowas hält.

PS. Die Schweizer haben solche Dinge natürlich auch, vermutlich wegen ihrer Kompaktheit (der Deutschschweiz) sogar mehr als wir. Ich kenne einige davon, aber eben nur aus Erzählungen, nicht aus meiner Kindheit. Die SKA-Kappen aus den Achtzigern gehören dazu oder der Klang des Postautohorns. Mein Sohn, 2, dem Pass nach Deutscher, hat in der Krippe schon gelernt, „Post-au-to“ auf die Tü-ta-to-Melodie zu singen. Ist klar, wo das mal enden wird…

5 Gedanken zu „Der Kunstpfeifer und die Deutschen“

  1. Bei uns (hauptsächlich familienintern) ist das vor allem Emil, aber auch (interessanterweise im höheren Alter dazugekommen) Stiller Has und Philip Maloney… Und danke für den Loriot-Link, lange nicht gesehen!

  2. Ich denke, bei der Humorsozialisation kommt es a) draufan, in welche Familie man hineingeboren wurde sowie b) auf das persönliche Humorverständnis. Bei mir sind Emil Steinberger und Loriot (sie haben da was…) präsent, aber auch Monty Python, Hape Kerkeling und andere. Viktor Giacobbo und seine Figuren haben in der Schweiz in den letzten Jahren einen ziemlichen Siegeszug gehabt: Harry Hasler, Debbie Mötteli, Fredi Hinz und ihre Sprüche kennen sehr viele Deutschschweizer. Dass dein Sohn „Tütato – Postauto“ singt, find ich grossartig. Sowas kann einen sicher täglich neu erfreuen.

  3. Erik: Philip Maloney ist interessant. Den gibt es ja etwa gleich lange wie mich in der Schweiz. Hat allerdings bei mir nie verfangen. Habe auch nie so recht verstanden, wieso im Schweizer Radio eine Figur Kult wird, deren Sprecher aus Wiesbaden stammt.

    Martin: Ja, das ist auch einer der vielen Klassiker. Ich glaube, die Fangemeinde differenziert sich auch ein wenig danach, wer die exotischeren Zitate bringt. „Die Ente bleibt draussen“ ist eher Schwierigkeitsstufe 1, „Das sind wohl die Erpressermethoden ihrer Gangsterfirma“ ist 2, und „Wissen Sie eigentlich, dass viele Menschen überhaupt kein Bad besitzen?“ ist dann Stufe 3 (alles aus derselben Episode „Herren im Bad“). Als vor Jahren Andreas Stammnitz das letzte Mal in Zürich war, sagte jemand ein komisches zusammengesetztes Wort, und er kommentierte: „Schwanzhund!“ Ich nehme an, ich antwortete: „Hundnase.“ So erkennten sich Eingeweihte.

    Habe den Beitrag im 14er-Tram bei starker Sonneneinstrahlung geschrieben und konnte daher die Tippfehler erst jetzt rausmachen. (Gute Ausrede, gell?) Dass niemand „Deutschweiz“ moniert hat, wundert mich.

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