17 Jahre Schweiz

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17 Jahre Schweiz. Am 29.10.1990, es war auch ein Montag.

8 Uhr c.t. erste Vorlesung „Arbeits- und Entscheidungstechnik“ bei Prof. Cuno Pümpin.

10 Uhr „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ bei Prof. Heinz Zimmermann. (Wir waren der letzte Jahrgang, der nicht Block-Vordiplome schrieb, sondern einzelne Zwischenprüfungen. Ich wusste an diesem Tag noch nicht, dass ich „VWL I“ sechsmal verschieben würde, um bis zur allerletzten Durchführung im Oktober 1993 zu warten.)

12 Uhr weiss ich nicht mehr, vermutlich nichts. 14 Uhr „Begrüssung der neueintretenden Studierenden“ durch Rektor Prof. Rolf Dubs in der Aula (das Foto ist etwa gleich alt, aber er hat sich kaum verändert; ich sehe ihn manchmal am Flughafen).

Gestern schrieb die NZZ am Sonntag „Jetzt gehen sie wieder: Das Klima für Deutsche wird rauer. Die Ersten packen ihre Koffer und ziehen zermürbt nach Deutschland zurück.“ (nicht online verfügbar) Ich hab mich erst geärgert, schon wieder dieses doofe Thema, aber dann hab ich ihn gelesen, und vieles stimmt eben doch – in beide Richtungen natürlich. (Ich schreib noch was bei medienlese.com über den schamlosen Klau meiner Lieblingsliste ohne Quellenangabe. Journalistisches Umfeld halt, ts ts, keine Prinzipien… :-)

Die SF-Doku „Die Deutschen kommen“ vor einigen Monaten habe ich vorsichtshalber nicht angeschaut. Ich hatte sie via Bluewin TV aufgenommen, und meine Freundin (9 Jahre Schweiz) hat sie entdeckt, als ich nicht da war. Als sogar sie, die sonst einigermassen hartgesotten ist, sagte, sie sei hinterher recht deprimiert gewesen, hab ich es lieber gelassen.

Für die Wahlen neulich habe ich natürlich Werbung für Jacqueline gemacht. Per Banner, das ging noch, per E-Mail, da kamen schon ein paar spitze Bemerkungen, und zuletzt noch bei einer Schweizer Freundin per IM. Als ich ein paar Tage vor der Wahl nachfragte, ob sie schon gewählt habe, schrieb sie: „wie kommst du denn dazu, als deutscher dich hier einmischen zu wollen ?? ich sage dir auch nicht, dass du den und den wählen sollst in deutschland.“

Das ist sicher richtig, das tut sie nicht. Ich versuche, nie auf Konfrontationskurs zu gehen. Zuletzt ist es mir doch passiert am Ostersonntag 2007 mit einem Busfahrer am St. Galler Hauptbahnhof. Ich hatte 30 Sekunden lang mit meinem SG-Kennzeichen im Parkverbot gestanden, um das Blogwerk-Postfach zu leeren (notabene auf einer Stelle, auf der das Parken bis zwei Wochen vorher 100 Jahre lang erlaubt war, die Busse kamen also locker durch – aber das tut nichts zur Sache). Als ich aus der Post kam, war er zuerst durchaus freundlich, bis ich mich dummerweise auf Hochdeutsch entschuldigte, es sei nur ganz kurz gewesen. Seine Laune kippte merklich und er stellte sofort auf „Bei uns in der Schwyz parkiert man nicht im Parkverbot“ um. Ein Wort gab das andere, „die Anzeige ist unterwegs“, ich brüllte im Wegfahren, ich sei jetzt 16 Jahre da und „zahle sicher doppelt so viele Steuern wie Du“. Was in so einer Situation genauso irrelevant ist wie das Argument, dass man dort vor zwei Wochen noch park(ier)en durfte. Ich fuhr nach Hause, stocksauer, und brach beim Frühstück, klassisch, einen unnötigen Streit vom Zaun.

Deswegen versuche ich sonst, solche Ereignisse sofort wieder zu vergessen, was meist auch sehr gut klappt. Entsprechend lese ich auch die vielen Deutschengeschichten immer so, als seien nur Leute betroffen, die eben erst seit den „Bilateralen“ hergekommen sind. Selbst schuld, wenn Ihr immer mit der Masse lauft! Typisch deutsch!

Dummerweise sieht man mir die 17 Jahre nicht an; und da ich kein Schweizerdeutsch rede, muss ich auch immer noch explizit sagen, dass ich es sehr gut verstehe. Und so merke ich, dass ich immer noch eine kleine Hemmschwelle habe, bevor ich den Mund aufmache und das erste Wort Hochdeutsch rauskommt. Natürlich, beim Bäcker habe ich keine Wahl. Aber manchmal geht es auch wortlos, etwa wenn ich zusammen mit meinem Sohn an jemand anderem mit Kind vorbeischiebe. Er plappert sowieso fröhlich St. Gallerdeutsch vor sich hin, und wenn es bei mir mit einem Lächeln oder einem Kopfnicken geht (an guten Tagen kann ich sogar „Grüezi“ sagen, ohne dass es auffällt, man kann es ja auf „-zi“ reduzieren, dann geht’s prima), dann fühle ich mich unerkannt und hier sehr zuhaus.

Ähm. Mist, Thema verfehlt. Blöde NZZaS. Eigentlich wollte ich schreiben, dass es mir hier sehr gut gefällt und dass ich wohl nirgends anders mehr leben möchte. Wo auch? Hier fühle ich mich gelegentlich fremd, aber in Deutschland fühle ich mich immer viel fremder. Ich mach mal den unteren Teil des Beitrags auf „Weiterlesen“; vielleicht sehen ihn dann nicht alle.

14 Gedanken zu „17 Jahre Schweiz“

  1. Richten Sie Ihrer Schweizer Kollegin freundliche Grüsse aus. Ausserdem missverstehen Sie den Busfahrer vollkommen: er wollte ihnen ja nur bei der Assimilation behilflich sein. Dieser Bürgersinn erspart uns eine Menge Migrationstherapeuten. Und falls Sie wirklich nicht die Finger von der Politik lassen können, können Sie sich nach 17 Jahren auch einbürgern, so wie es der Grossvater von Blocher auch gemacht hat.
    Und noch alles Gute zum Geburtstag.

    Winkelried

    Tipp: als Grossverdiener würde ich aber nicht zur SP.

  2. meine mutter, deutsche natürlich ;-) , lebt seit über 40 jahren in der Schweiz. die könnte dir auch ein paar geschichten erzählen. als sie in die schweiz kam, war es viel mühsamer. meine frau aus den usa (oder besser gesagt puerto rico) kann auch ein liedchen von den schweizern singen… aber eben, so schlimm ist es auch wieder nicht und wegen ein paar dösköppen muss man sich nicht die gute laune verderben lassen. :-)

  3. …mhh, der Winkelried ist aber ein richtig intelligentes Bürschchen (achtung Ironie!)… genau deshalb kann man eigentlich nicht SVP wählen, denn dann ist man mit so einem im selben Topf… ich mag die Deutschen:-)

  4. Hallo Peter

    Ich gehe davon aus bzw. hoffe doch sehr, dass dies Einzelfälle sind. Diese sind zwar, jeder für sich, völlig daneben und mühsam, aber ich denke es bleiben Einzelfälle. Die meisten Schweizer mit denen Du in den letzten 17 Jahren zusammengetroffen bist, werden Dir wohl gutgesinnt gewesen sein.

    Ich will damit das Problem nicht schönreden, aber es ist wichtig, dass wir uns die Relationen immer wieder klar machen. Die grosse Mehrheit der Ausländer in der Schweiz ist gut und zufrieden integriert. Die grosse Mehrheit der Schweizer pflegt ein ungezwungenes und kollegiales Verhältnis zu ihren Mitbewohnern aus anderen Nationen und/oder Kulturkreisen.

    Aber, man kann nicht oft genug klar machen:
    Äusserungen die irgendeine Bevölkerungsgruppe als Ganzes betreffen sind falsch und müssen wo immer es geht als falsch deklariert werden. Es gibt keine Deutschen, keine Schweizer, keine Balkanis, keine Arbeitslosen, keine Manager, keine Armen und keine Reichen als Gruppe in welchen wir den einzelnen Mitglieder dieser Gruppe aufgrund der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe irgendwelchen charakterlichen Eigenschaften zuordnen können.

    Bis bald mal wieder:
    Andreas

  5. Lieber Herr von Gunten,

    gestatten Sie mir Ihnen zu sagen, dass Ihr Kommentar nichts als ein linksgrünes, pseudointellektuelles Gutmenschgequatsche ist.

    Und dann finden Sie es erst noch nötig, uns die einmalige Erkenntnis mit auf den Weg zu geben: „Äusserungen die irgendeine Bevölkerungsgruppe als Ganzes betreffen sind falsch und müssen wo immer es geht als falsch deklariert werden.“

    Grossartig, wahrscheinlich eine Floskel aus dem letzten Therapie- und Wohlfühlseminar eines staatlich subventionierten Anlasses (an dem per Zufall nur Linke anwesend waren).

    Und nun aber zum Wichtigen: Ich bin im Alter von 20 Jahren in die Schweiz gekommen und konnte ebenfalls keine Wort Schweizerdeutsch wie der Hogenkamp. Und auch ich hatte meine Probleme, mich hier anzupassen. Es wäre mir aber nie in den Sinn gekommen, mich über die Eigenheiten der Schweizer aufzuregen. Ich habe sie so akzeptiert wie sie sind und mich angepasst. Basta.

    Komischerweise entstand in den letzten 20 Jahren eine Gruppe von Ignoranten, die plötzlich alles Schweizerische als schlecht empfindet und die EU als das Walhalla ihrer Träume sehen.

    Wahrscheinlich kennen Sie das Ausland nur aus der Perspektive der Clubferien. Ich würde Ihnen dann mal sehr empfehlen, in Italien, in Spanien, in der Türkei oder meinetwegen sogar in Deutschland eine Familie zu ernähren. Dann wären Sie schnell von Ihrer linken Phantasterei geheilt.

    Und noch was: wenn sie das nächste Mal bei Ihrem Psychotherapeut vorbeigehen, dann fragen Sie ihn mal, warum der Mensch Stereotype braucht um zu überleben. Das soll Sie allerdings nicht hindern, diese wegtherapieren zu lassen, für 350 Fr. die Stunde.

    Sorry, wenn ich mich verlasst sah, mit ihnen direkt zu reden. Diese teutonische Ecke ist geblieben.

  6. Wie wäre es, wenn Sie einen Schwiizerdüütsch-Kurs besuchen würden? Sie leben nun schon 17 Jahre hier in der Schweiz und sprechen noch immer kein Schwiizerdüütsch?! Woran liegt das?

    Nur dass Sie es richtig verstehen, dass ist nicht nur irgend ein Dialekt, das ist unsere Landessprache und prägt die Zusammengehörigkeit der gesamten Nation.

    Ein bisschen sprachliche Integration ist wohl nicht zu viel verlangt, da Sie ja auch von der Schweiz profitieren, oder warum sind Sie in die Schweiz immigriert? Sicherlich wegen ihrer beruflichen Laufbahn?

    Also besuchen Sie einen Sprachkurs und versuchen Sie sich noch mehr zu integrieren und Sie werden sehen, dass es die Schweizer goutieren werden!

  7. Oli: Gute Idee. Wie Klaus Stöhlker. Der wird ja praktisch als Urschweizer wahrgenommen.

    Nee, nee, vielleicht fehlt mir das Talent, aber damit fange ich nicht an. Wenn ich es könnte, würde ich sofort umstellen, wäre mir keineswegs zu „fein“ – aber jahrzehntelanges Radebrechen ist nicht meine Sache.

  8. Hallo Winkelried

    Ich gestatte Ihnen.

    Lustigerweise wurde ich in den letzen Jahren eigentlich eher als Rechter und Liberaler ettiketiert. Es ist schön, dass mal jemand sieht, wie links ich doch bin :-) Womit wir ja schon beim eigentlichen Problem angelangt wären.

    Ihre Vorstellung von meiner Geisteshaltung entspringt offenbar eben nur ihren unreflektierten (Vor-)Urteilen. Die einem Computerprogramm gleich auf Trigger reagierend abgerufen werden.

    Ich bin dediziert gegen den Beitritt der Schweiz zur EU, doch diese Diskussion müssen wir ein andermal führen. Ich war noch nie in einer Psychotherapie, was allerdings auch nicht schlimm wäre, und trete für individuelle Freiheit und Selbstverantwortung ein, wo es nur geht.

    Aber:

    Selbstverantwortlich zu sein bedingt kritisches Denken. Kritisches Denken heisst u.A., seine eigenen Vorurteile permanent zu hinterfragen. Egal ob man Links, in der Mitte oder Rechts steht.

    Ich bin vielleicht trotz einigen Jährchen auf dem „Buggel“ immer noch naiv in meiner Vorstellung, dass man lernen kann, mit seinen allgegenwärtigen (Vor-)urteilen kritisch umzugehen und vor allem Herr Winkelried, dass das eine Voraussetzung für das wichtigste Ziel einer globalen Gesellschaft ist (Achtung linkes Gutmenschengesülze):

    Das friedliche Zusammenleben in grösstmöglichem Wohlstand für die grösstmögliche Anzahl von Menschen und in Einklang mit der Natur.

    Jetzt sind wir aber arg vom Thema abgekommen, ich wollte mit meinem ursprünglichen Kommentar eigentlich nur 2 Dinge sagen:

    1) Peter’s und anderer Deutschen negative Erlebnisse sind mit grösster Wahrscheinlichkeit Einzellfälle und sollten daher nicht überbewertet werden.

    2) Aussagen über eine beliebige Personengruppe die eine Allgemeingültigkeit beanspruchen sind nutzlos und in den meisten Fällen falsch, können nicht zu Erklärungen beitragen und sollten darum unterlassen oder höchstens in Witzen eingesetzt werden.

  9. @oli

    Nur dass Sie es richtig verstehen, dass ist nicht nur irgend ein Dialekt, das ist unsere Landessprache und prägt die Zusammengehörigkeit der gesamten Nation.

    viel mist auf kleinem raum, was für eine blödsinnige aussage!
    das „schweizerdeutsche“ ist nichts als ein sammelbegriff für eine vielzahl verschiedener dialekte. noch nie darüber nachgedacht, ob nun der walliser ihre „landessprache schweizerdeutsch“ spricht oder der basler? wahrscheinlich nicht.
    übrigens haben wir hier in der schweiz vier landessprachen.

  10. Hi Peter,

    herzlichen Glückwunsch zum Jahrestag. :) Da ich mich gerade in meiner Magisterarbeit mit den deutsch-deutschschweizer Animositäten beschäftige kann ich dir (und anderen) das Buch „Kuhschweizer und Sauschwaben“ empfehlen, herausgegeben von Jürg Altwegg und Roger de Weck. Erklärt in vielen Essays die Liebe der Deutschen zur Schweiz und Hassliebe der Schweizer auf Deutschland.

    Aber vielleicht kennst du es ja auch schon. ;)

  11. Pingback: turbado

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