Kapitalismus und Marktwirtschaft sind das gleiche, Andrea Nahles

Andrea Nahles mit Bierflasche beim KarnevalWäre schon gut, wenn man alle Politiker in Deutschland mal in einen Abendkurs zum Thema Wirtschaftsordnungen schicken würde. Da scheint es mir grosse Defizite zu geben.

In einem «Welt Online»-Interview von Juli 2007 lese ich gerade, via Ronnies neuer Zitatesammlung, diese entlarvende Passage:

WELT ONLINE: Frau Nahles, ist „Kapitalist“ für Sie ein Schimpfwort?

Andrea Nahles: Ja klar. Kapitalist, das ist ein negativer Begriff. Ein Kapitalist ist jemand, der die gesellschaftlichen Interessen hinter seine eigenen Profitinteressen stellt. Im Gegensatz dazu sind Unternehmer positive Akteure in unserer Gesellschaft. Sie beuten nicht aus, sondern ermöglichen Wertschöpfung und Arbeitskräfte.

Ich habe das Gefühl, dass etwa drei Viertel der Mitglieder des deutschen Bundestags – die Linke, die SPD und die «soziale» Hälfte der CDU – inzwischen finden, es sei grundsätzlich etwas Unmoralisches, dass das einzelne Wirtschaftssubjekt nach Gewinn strebe.

Hallo? Das ist der Kern unserer Wirtschaftsordnung. Die Marktwirtschaft geht eben davon aus, dass es für die Gesellschaft am besten kommt, wenn jeder seinen eigenen Nutzen maximiert. So steht’s bei Adam Smith, dem Erfinder der unsichtbaren Hand des Marktes. Deswegen ist der von Nahles konstruierte Widerspruch keiner: Was gut ist für den einzelnen, ist auch gut für die Gesellschaft. (Natürlich im Rahmen der Gesetze; wir reden hier nicht von Steuerhinterziehung.)

Eine Weiterentwicklung des reinen Kapitalismus ist die soziale Marktwirtschaft. Sie geht davon an, dass der Staat an einigen Stellen korrigierend in die Wirtschaft eingreifen muss, z.B. bei Marktversagen. Aber – und jetzt kommt’s – er sollte das nur machen, damit der Wettbewerb wieder besser spielen kann. Und diese Korrekturen sollten die Ausnahme sein, nicht die Regel.

Den Eindruck hat man in Deutschland nun wirklich gar nicht mehr. Einige Zeit nach der Wende stand mal irgendwo, dass nun alle sagen würden, die Marktwirtschaft als System habe gegenüber dem Sozialismus gewonnen — dass in Wirklichkeit aber in kaum einem anderen Land die Marktwirtschaft inzwischen so ausgehöhlt sei wie in Deutschland.

Hier ein Zitat aus einem anderen Interview, aus der NZZ am Sonntag von gestern: Hubertus von Grünberg, derzeit in der Schweiz sehr beliebt, weil er als Deutscher einen Schweizer an der Spitze von ABB rausgeschmissen hat, über die Erwartung an seine Mitarbeiter:

«Jeder muss sagen: Ich will es, ich will härter arbeiten, ich weiss, was ich mir auflade, ich will die Wochenenden arbeiten. Gib’s mir, ich will es.»

Liebe Andrea Nahles: Dieses Arbeiten am Wochenende, dieser ganze Stress, den machen sich die Leute (Unternehmer wie angestellte Manager) nicht für die „gesellschaftlichen Interessen“, sondern für ihre Karriere und ihren persönlichen Wohlstand. Und der Witz ist eben, ich wiederhole mich, dass das auch unserer Gesellschaft nützt.

Vor 230 Jahren erdacht, in Deutschland vor 50 Jahren neu erfunden, leider inzwischen auf breiter Front vergessen. Man kann immer nur hoffen, dass die Wirtschaft trotz der Politik irgendwie weiterkommt. Prost Mahlzeit.

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