„Kein journalistisches Umfeld“

Zu diesem Beitrag gibt es ein Update vom 16.11.2007.

Ich habe eine renommierte Schweizer Bildagentur um eine Offerte für Verwendung ihrer Bilder in unseren Blogs (vor allem im noch namenlosen Themenblog Nr. 5, das wir im November launchen wollen) gebeten.

Drei, vier Mails gingen hin und her mit putzigen Fragen wie „Wie lange wären denn die Bilder bei Ihnen online?“ und „Wie viele davon wären denn auf der Homepage und wie findet man die anderen?“ und „Für wie lange?“ und so weiter. Ich habe mir spitze Bemerkungen jeder Art verkniffen und alles nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet. Als nächstes wollte man mir die Offerte mit Varianten und Rabattstufen rechnen.

Doch dann kam vorhin der Anruf des Verkaufsleiters: „Sorry, wir hätten das gleich am Anfang sagen sollen, wir beliefern grundsätzlich keine Blogs, jedenfalls nicht mit redaktionellen Bildern, das wurde von der Geschäftsleitung schon vor einiger Zeit so entschieden.“

Aha. Und wieso nicht? „Wir liefern grundsätzlich nicht in ein nicht-journalistisches Umfeld. Wir können uns gern mal zusammensetzen, und ich erklären ihnen die Gründe, aber das ist kompliziert, daher müssten wir das persönlich machen.“

Ähm. Nach einer Schrecksekunde, in der ich überlege, ob ich solche Leute treffen will, fange ich mich: „Aber wir machen hier keine Befindlichkeitblogs, sondern eigentlich Fachmagazine, die zwar durchaus auch Blogs sind, aber wenig mit ‚Online-Tagebüchern‘ zu tun haben. Für uns arbeiten inzwischen rund 20 Autoren; zwar sind nicht alle ausgebildete Journalisten, aber alle arbeiten definitiv journalistisch. Wir haben Werbekunden, werden an jeder Messe akkreditiert, bekommen Testgeräte von Herstellern — aber wir dürfen keine Bilder von Ihnen einkaufen?“ Langsam komme ich in Fahrt. Ich verstehe schlicht nicht, was der Grund sein könnte.

Als Antwort kommt der Satz des Tages: „Ja, wie? Heisst das, bei Ihnen kann gar nicht jeder etwas schreiben?“

„Nein, es schreiben nur wenige, die anderen lesen und kommentieren. Wie gesagt, es sind Blogs. (kurze Verschnaufpause) Sind Sie sicher, dass Ihre Geschäftsleitung wusste, was das ist, als sie das entschieden hat?“

„Das ist eine gute Frage.“

„Ja, dann klären Sie das vielleicht mal, und dann sagen Sie mir, ob sich ein Treffen wirklich lohnt.“

Freundlicher kann ich leider nicht. Immerhin, ich bin in diesem absurden Gespräch eigentlich der potenzielle Kunde.

Fazit: Wer gedacht hatte, wir seien schon ein gutes Stück vorwärts gekommen mit der Aufklärung – vergesst es! Da hat mal jemand in der Zeitung etwas über perezhilton.com gelesen, der eben nichts zahlt, und sogleich hat man vorsorglich entschieden: Mit solchen Typen wollen wir nichts zu tun haben.

9 Gedanken zu „„Kein journalistisches Umfeld““

  1. „Wir können uns gern mal zusammensetzen, und ich erklären ihnen die Gründe, aber das ist kompliziert, daher müssten wir das persönlich machen.“

    Das wäre aber spannend zu hören, was die so über Blogs zu berichten hätten :-) Aber vielleicht klärt sich das jetzt alles, wenn sie eure Seiten jetzt wirklich mal durchsurfen.

    Generell sehe ich mich nur leider wieder mal in meiner Ansicht bestärkt, dass das Wort „Blog“ abgeschafft werden müsste (dabei war ich schon fast bekehrt worden an einem „Bloggy Friday“).

  2. Sie hatten sie schon angeschaut. Sagt er.

    Tendiere auch zu der Ansicht, bin allerdings ebenfalls wankelmütig. Was allerdings ganz, ganz sicher verboten gehört, ist das als Synonym verwendete „Online-Tagebuch“.

  3. Schade, jetzt weiß ich was perezhilton ist. Ich muß eben noch vorsichtiger werden beim anklicken.
    Aber ernsthaft, was sich so „blog“ nennt ist zum Teil nicht tragbar.
    Oder Du änderst tatsächlich einfach den Namen und kreierst etwas Neues. Viel Glück.

  4. Es müsste einfach nur abgewertet werden, der Begriff „Blog“. Nur leider haben einige den Begriff schon längst in ihre Domain-Namen eingebettet… :-) wie blogwerk oder swissblogpress …

    …leider ist mir bisher keine (gute) Alternative über den Weg gesprungen.

  5. Ich habe einem grossen Schweizer Arbeitgeber auch empfohlen, er solle seine Hochschulabsolventen doch über ihr Einstiegsprogramm bloggen lassen, damit potentielle Arbeitnehmer sich ein Bild über deren Arbeitsalltag machen können. Antwort: Viel zu riskant, da kann man nicht kontrollieren, was geschrieben wird, das wollen wir nicht…

    Kann man da wirklich Aufklärungsarbeit betreiben? Oder müssen wir mindestens eine halbe Generation lang zuwarten?

  6. Pingback: Medienspiegel
  7. … und ich ertappe mich, wie ich gerade einen Beitrag ohne journalistischem Umfeld gelesen habe. Sollte wohl besser aufpassen. Vielleicht müsste man irgendwo verfügen, dass man (ähnlich wie Werbung) Blogs kennzeichnen muss, um sie deutlich von journalistischen Umfeldern unterscheiden zu können?

  8. Pingback: buytaoofbadass.com

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