, 4. April 2014 8 Kommentare

Neulich in Zürich-Wipkingen, kurz nach Mittag. Ich bin gerade am Wäschewaschen und eher spärlich bekleidet. Es läutet an der Haustür.

Ich drücke den Öffner und springe erst danach schnell in eine Jeans und ein T-Shirt. Das geht locker, weil ich im vierten Stock wohne. Ungewohnterweise ruft niemand von unten, was er will (so wie «Paketposcht!», was im Klartext bedeutet: «Ich leg das Zeug hier auf die Treppe und haue ab!»), sondern jemand stapft wortlos die vier Stockwerke hoch, bis er direkt vor meiner Nase steht und mir seinen Ausweis zeigt.

Symbolfoto. Ich war nicht am Strand, hatte eine längere, blaue Jeans an, habe weniger muskulöse Waden, aber auch weniger sichtbare Adern. iStock hat nicht so viele nackte Füsse im Angebot.

Symbolfoto. Ich war nicht am Strand, hatte eine längere, blaue Jeans an, habe weniger muskulöse Waden, aber auch weniger sichtbare Adern. iStock hat nicht so viele nackte Männerfüsse im Angebot. Überhaupt kommen bei «Füsse» komische Treffer.

Der Herr ist von der Billag, «Schweizerische Erhebungsstelle für Radio- und Fernsehempfangsgebühren», Pendant zur deutschen GEZ, entsprechend ähnlich beliebt. Die Identifikation in letzter Sekunde hat vermutlich Methode: Sicher haben sich schon Leute verbarrikadiert, um schnell den Fernseher zu verstecken. Was in Zeiten von 40-Zoll-LED-Ungetümen auch weniger einfach sein dürfte als früher. Aber das soll nicht meine Sorge sein.

«Und…», fragt er etwas langgezogen, sicher auch taktisch, «…gerade erst eingezogen?» Reflexartig bleibe ich erstmal vage: «So nach und nach eben.» (Zu dem Zeitpunkt hatte ich parallel noch meine Wohnung in Erlenbach, deren Kündigungstermin ich wegen kurzfristiger Verfügbarkeit der neuen Wohnung leider verpasst hatte. Sowas passiert in der Schweiz wegen der fixen «Zügeltermine» gern mal.)

Erst nach dieser Schrecksekunde des schlechten Gewissens per Default fällt mir ein, dass ich ja gar nichts zu verbergen habe: «Billag? Zahle ich an meiner alten Adresse in Erlenbach.»

Er schaut etwas ungläubig: «Ah ja? Wie ist denn die Adresse?» Er klappt sein Windows-Tablet mit einer Liste auf. Die App sieht alles andere als mobile-optimiert aus. Er hat mit mir noch etwa fünf «Leads» für heute offen.

«Zollerstrasse 22, 8703 Erlenbach.»

Er holt sein Samsung-Handy raus und wiederholt die letztgewählte Nummer. Offenbar telefoniert er oft mit dem Kollegen im Innendienst und fragt grusslos: «Kannst Du mal schauen, Hogenkamp, 8703, Zollerstrasse?»

Der Kollege am anderen Ende sucht. Und findet mich.

Mein Besucher wiederholt: «Genau: Hogenkamp. Peter.» Und weiter, stutzend: «Doktor?»

Und schaut, das Handy am Ohr, von meinen nackten Füssen hoch bis zu meinem ungewaschenen Gesicht, und wieder runter zu den nackten Füssen.

«Genau», sage ich. «Sieht man nicht, weiss ich. Stimmt aber.»

Der Kontrolleur murmelt etwas von: «Ist ja auch gut, dass man sowas nicht sieht», bittet seinen Kollegen, meine Adresse zu migrieren, klickt einen Erledigt-Button in seiner App, mein Lead verschwindet, er klappt das Tablet zu. «Danke, auf Wiedersehen.» Die ganze Szene hat vielleicht zwei Minuten gedauert.

Treppab, und weiter geht’s zu den anderen fünf.

Leider konnte ich keinen Namen lesen, sonst würde ich sie schnell bei Facebook suchen und ihnen raten, Socken anzuziehen. Macht einfach einen besseren Eindruck, falls mal überraschend einer vor der Tür steht, ganz egal, welche Ausbildung man hat. Würde meine Mutter auch sagen.

Kategorie: Leute
, 13. Januar 2014 0 Kommentare

Eines der schönsten Details im aktuellen Film «The Secret Life of Walter Mitty» ist vermutlich den meisten Kinogängern gar nicht aufgefallen, weil es nur sehr kurz im Bild ist, fast Osterei-artig versteckt.

Als Walter gegen Ende des Films von seinen Reisen zurückkehrt, machen die unsympathischen Beratertypen, die den Laden abwickeln, aber inhaltlich keine Ahnung haben, gerade eine Sitzung, bei der sie sich das letzte Cover des Fotomagazins «Life» schön reden: ohne Foto, nur mit dem Schriftzug «The End of Life».

aus: The Secret Life of Walter Mitty

aus: «The Secret Life of Walter Mitty»

Links zeigt ein beratermässiges Powerpoint-Slide die unverkennbaren Vorteile dieser Lösung «No photo on final cover» – wenn ich es richtig entziffert habe, im Uhrzeigersinn von oben links:

  • No royalty
  • Messes with people’s expectations (in a good way)
  • Cost Effective
  • High WTF Factor
  • Let the girls play it safe!

Man sieht unmittelbar, wieso einem Beratergeschichten häufig wie eine moderne Fassung von «Des Kaisers neue Kleider» vorkommen: Alle ahnen, dass der Kaiser nackt ist, aber mit einigen Slides mit einprägsamen, wenn auch sinnlosen Parolen sowie etwas Gruppendynamik kann die Gruppe versuchen, sich das Gegenteil zu suggerieren. Hoher WTF-Faktor in der Tat!

Kategorie: Medien
, 7. April 2013 4 Kommentare

Die SonntagsZeitung hat seit einigen Wochen auf der Frontseite des Multimedia-Bunds eine neue Rubrik: «Homescreen», Unterzeile: «Prominente und Webspezialisten zeigen uns ihren Smartphone-Bildschirm, den Homescreen, und ihre digitalen Vorlieben». Natürlich bin ich angesichts dieser Auswahl ein «Webspezialist».

Hier ist meiner von heute auf Seite 69:

Ausriss aus der SonntagsZeitung vom 7. April 2013, Seite 69

Ausriss aus der SonntagsZeitung vom 7. April 2013, Seite 69

Und der Screen in gross:

SonntagsZeitung_Homescreen_Hogenkamp_hires

Kategorie: Medien
, 29. Januar 2013 12 Kommentare

Bin nach meiner Kur seit gestern zurück im Büro. Alles prima. Ich war ja nicht krank, also kann ich auch nicht wieder gesund sein. Deutlich gesunder fühle ich mich aber schon.

Natürlich werden mir immer die gleichen zehn Fragen gestellt, die ich daher gern hier beantworte — aber ich erzähle es natürlich auch weiter jedem, den ich treffe, gern persönlich.

FAQ

«Wie, Du bist schon wieder da? Ich dachte, das sei was Längeres?»
Keine Ahnung, wer das behauptet hat. Ich habe nie etwas anderes gesagt, als dass ich zwei Wochen dort bin und am 28. Januar wieder im Büro. Stand auch so in meiner Out of Office-Meldung, es gab also eigentlich wenig Interpretationsspielraum. Na ja, auch egal.

«Wo warst Du denn?»
Im Kurhaus Oberwaid in St. Gallen. Kann ich wärmstens empfehlen. Alles brandneu (und daher noch etwas leer, was sich vermutlich demnächst ändern wird), wunderschöne Lage mit Blick auf den Bodensee (wenn sich mal der Nebel verzieht, also zweimal in zwei Wochen), sehr schöne Zimmer, tolle Küche, topmodernes «Medical Center», sehr engagiertes Personal.

«Und was hast Du dort gemacht?»
Mich vor allem jeden Tag viermal bewegt: Strampeln auf einem stationären Ergometer, Physiotherapie (anstrengend wie bei Kiesers, nehme alles zurück, was ich über den Beruf dachte, sorry, @Lea Barmettler), Schwimmen oder sonstiges Aqua-Zeug, dreiviertelstündiger Spaziergang durch den Wald. Interessanterweise fand ich den Spaziergang am anstrengendsten und am zielführendsten, indem man jeden Tag Fortschritte dabei macht, wie man in den Wald hochkeucht. Was zeigt, dass man eigentlich problemlos auch ohne Kurhaus fitter werden könnte, indem man einfach mehr zu Fuss geht. Aber man macht es nicht, solange man sich nicht die Zeit für einen solchen Aufenthalt nimmt, also braucht man es doch wieder.

«Und zwei Wochen reichen?»
Keine Ahnung, das wird man sehen. Das wichtigstes Ziel ist ja, Verhaltensänderungen im Alltag zu realisieren. Daher ist weniger die Frage, was man in der Kur alles schafft, sondern was man danach beibehält. Für diesen schon im anderen Post erwähnten «Initialimpuls» reichen meiner Meinung nach zwei Wochen durchaus. Ich bin jedenfalls recht motiviert. Will aber auch den Mund nicht zu voll nehmen. Fragt mich also in einem halben Jahr nochmal.

«Und wieviel hast Du abgenommen?»
Ähm… Ist das nicht etwas indiskret? Also gut: Nur 3.5 kg. Es sollte aber auch keine Fastenkur sein wie weiland bei Helmut Kohl am Wolfgangssee. Die Mediziner waren total happy, dass das genau dem theoretischen Wert entsprach aufgrund von Bewegung und Ernährung. (Faustregel, dazugelernt: 7000 kcal mehr verbrannt als gegessen machen 1 kg Gewichtsabnahme aus. Alle anderen Schwankungen sind in der Regel temporär.)
Apropos Österreich, am besten fand ich das Feedback von Kurt W. Zimmermann, es gäbe eine Klinik bei Salzburg, «dort nehmen Sie 20 kg in einem Monat ab». Dr. oec. troph. Britta Wilms kann Ihnen zu diesem Vorgehen mal ein Feedback geben, wäre vielleicht auch mal was für die Bilanz-Kolumne. :-)

«Und was war nun die wichtigste Erkenntnis?»
Erstens das mit dem deutlich zu hohen Blutdruck, das hatte ich echt nicht gewusst. Zugegeben, das hätte man auch einfacher rausfinden können. Der ist in der kurzen Zeit jetzt schon deutlich gesunken. Habe mir jetzt einen Withings Blood Pressure Monitor gekauft und messe jeden Morgen. Nach wie vor ist immer das beste, wenn man einen Grund hat, sich neue Gadgets zu kaufen.
Zweitens der Cola-Zero-Entzug. Wow, den habe ich drei Tage gespürt, mit heftigen Kopfschmerzen. Das hätte ich nicht gedacht. Bin jetzt seit drei Wochen «clean» und werde dabei bleiben.

«Warst Du denn wenigstens die ganze Zeit offline?»
Das hatte ich hier schon geschrieben (letzter Absatz) und habe es so durchgezogen. Wenn man nicht antworten muss, finde ich ein paar Mails gelegentlich nicht sehr anstrengend. Generell offline zu sein und auch keine News mehr lesen zu können, keine Episodenguides von der Serie, die man gerade schaut, keine Wikipedia – das fände ich viel nerviger. Aber das muss wohl jeder selbst wissen.

«Also war es kein Burnout?»
Nö. Aber danke der Nachfrage.
OK, doch noch etwas ausführlicher: Wo ich schon mal dort war, habe ich natürlich so einen Anamnese-Fragebogen ausgefüllt, und auch wenn es keine quantitative Auswertung gab, fühlte ich mich aufgrund meiner Antworten deutlich im grünen Bereich. Natürlich habe ich auf die Frage: «Manchmal denke ich schon beim Aufwachen an die Arbeit» 5 von 5 angekreuzt, aber hey, das mache ich seit 20 Jahren so, egal bei welcher Arbeit. Es gab auch viele schöne Fragen, etwa, ob ich mich von meinem Vorgesetzten unterstützt fühle (5 von 5), oder ob ich Angst um meinen Job habe (0 von 5).
Wenn man beruflich und privat recht eingespannt ist, ist es sicher sinnvoll, sich über solche Mechanismen Gedanken zu machen und allenfalls frühzeitig Massnahmen einzuleiten. Was ich getan habe, worüber ich froh bin.

Meine eigene Joker-Frage: Warum schreibst Du das auf?
Weil ich fast ein Dutzend Feedbackmails bekommen habe von Leuten, die schrieben: Oh, ich glaube, das sollte ich auch mal machen, aber bin bisher nicht dazu gekommen.

Mein Tipp: Macht es. Bald. Eventuell auch nur eine Woche. Der «Leverage» der «Investition» für das eigene Leben scheint mir sehr beachtlich.

(Ich verspreche, diesmal allfällige Kommentare nicht erst nach zwei Wochen freizuschalten.)

Kategorie: Leute
, 14. Januar 2013 10 Kommentare

Ich bin seit Mitte letzter Woche für zwei Wochen zur Kur in einem Kurhaus in der Ostschweiz. Eine Abwesenheit spricht sich natürlich in Zürich herum, und vorhin kam per Twitter-DM der Besserungswunsch angesichts meiner «Erschöpfungsdepression» (aka Burnout). Eigentlich wollte ich den Ball flach halten und gar nichts kommunizieren, aber solche Gerüchte müssen ja nun doch nicht sein.

Das mit der Kur kam so: Ich war letzte Woche bei meinem Hausarzt und sagte: Puh, ich konnte die Weihnachtsferien gar nicht richtig geniessen, bin irgendwie etwas schlapp. Es stellte sich heraus, dass mein Blutdruck deutlich zu hoch war, was angesichts meines Gewichts keine echte Überraschung ist. Mein Arzt meinte, ich sollte mal einen «Initialimpuls» zur Gewichtsreduktion machen, die natürlich schon lange im Raum steht, und zwei Wochen zur Kur gehen. Gute Idee, meinte ich, ich schaue mal wegen eines Termins, vielleicht im Februar. Er rief bei einem Kurhaus in der Nähe an, und mit dem Hörer in der Hand fragte er mich: «Soll ich Sie also für morgen früh um 9 Uhr anmelden?» Ich war natürlich etwas übertölpelt, aber natürlich trotzdem noch Herr meiner Sinne, als ich spontan zustimmte. Der Januar ist eigentlich nicht so schlecht für einen kleinen Feriennachschlag; die Dreikönigstagung des Verbands Schweizer Medien zu verpassen habe ich denn auch gerade so verschmerzen können, vor allem dank der vielen Qualitätstweets der Anwesenden.

Und so bin ich hier also, in einem schönen Haus, dessen oberste vier Stockwerke wirken wie ein Hotel, dem man kaum ansieht, dass sich in den beiden Stockwerken darunter noch alle möglichen gesundheitsfördernden Einrichtungen verstecken, teils nüchtern-medizinisch, teils schöngeistig-wellnessmässig.

Es war eigentlich immer schon mein geheimer Traum, statt klassischer Ferien – man fährt mit den Kindern irgendwohin und ist mit deren Bändigung etwas so beschäftigt wie sonst mit der Bändigung der Mitarbeiter und Kollegen dem normalen Joballtag – mal zwei Wochen nur rumzuliegen, zu lesen und endlich mal bis zum Abwinken Serien zu schauen («Breaking Bad» – super Tipp via Facebook von Ibo Evsan).

Der Aufenthalt hier kommt dem sehr nahe. Natürlich fahre ich ein paarmal am Tag mit dem Lift runter nach U1 und habe Physiotherapie, Aqua Relax (wirklich relaxend, solange man nicht lachen muss) oder Ergolinetraining auf dem Bike, aber das ist alles sehr entspannend und lenkt nicht vom Erholen ab. Ich lese jeden Morgen drei Zeitungen (NZZ, Tagi, Tagblatt) – auf Papier. Sicher liegt es vor allem daran («Print wirkt!»), dass mein Blutdruck auch ohne Medikamente nur durch drei Tagen schon deutlich gesunken ist – und natürlich am sehr beruhigenden Plot von Breaking Bad.

Zur Sicherheit: Ich finde nicht, dass eine Erschöpfungsdepression etwas Ehrenrühriges wäre, im Gegenteil, meine aufrichtigen besten Wünsche gehen an jeden, der das hat oder mal hatte. Und es gibt natürlich durchaus ein paar Faktoren, die mich auch auf diese Schiene bringen könnten. Aber da das Buch darüber schon geschrieben ist, habe ich mich entschlossen, lieber deutlich vorher die Abzweigung zu nehmen, und darüber bin ich sehr happy. Ich kann so eine Pause nur jedem empfehlen, der in seinem Job viel um die Ohren hat.

Noch ein Wort zu Online vs. Offline: Natürlich haben mir alle Mitarbeiter gesagt: Lass bloss alle Geräte zuhaus. Das habe ich nicht gemacht, sondern habe sie dabei, nutze aber Büro-Features wie E-Mail und Kalender sehr wenig. Ich lasse das iPhone bei allen Anwendungen im Zimmer und schaue meine Mails nur alle paar Stunden an. Am Wochenende habe ich mal locker zwei Stunden Newsletter abbestellt etc., was schon fast eine kontemplative Wirkung hat. Den Laptop nutze ich wie gesagt fast nur für Videos, das iPad hatte ich noch gar nicht in der Hand. Ich glaube, ich fände es stressiger, ganz abgeschnitten zu sein, als gelegentlich mal reinzuschauen, was läuft, und festzustellen, dass wenig läuft – und selbst wenn, dank Out-of-Office-Meldung erwartet niemand eine Antwort. Bisher bin ich jedenfalls mit «wenig online» ganz happy.

Am 28. Januar bin ich in neuer Frische wieder Büro. Und relaxen hin oder her, ich freue mich natürlich jetzt schon darauf.

Kategorie: Leute
, 4. Dezember 2012 0 Kommentare

«Lieferfrist 4-6 Wochen» steht da, aber HEUTE sei Ultimo für ein bitboard als Weihnachtsgeschenk, sagt mir der Macher, mein alter Zeix-Kollege Samuel Raymann.

Überlege nur noch, ob ich einem Kollegen das etwas grobschlächtige «NZZ» oder das «iPad» schenken soll.

Lustigster (anonymisierter) Satz zum Thema: «Das schenken wir den Print-Sales-Kollegen, dann können die auch mal mit dem iPad zum Kunden.» Hihi.

Kategorie: Varia
, 30. November 2012 2 Kommentare

Letzte Woche hat mich der NDR für sein Medienmagazin «ZAPP» interviewt und es diese Woche gesendet. Leider kann man die Videos nicht einbinden, das da oben, was aussieht wie ein Video, ist nur ein Bild.

Hier ist der TV-Bericht, wie er am 28.11.2012 im Magazin ausgestrahlt wurde: Anhaltende Krise – Verleger kleben am Druckpapier (7:05 min.)

Daneben ist auch eine weitgehend ungeschnittene Version online: Das Interview mit Peter Hogenkamp (22:56 min.)

Beim Interview ist einiges redundant, weil der Journalist einige Fragen in leicht abgewandelter Form mehrfach stellt, was dann auch dazu führt, dass ich mehrfach auch fast dasselbe antworte. Manchmal wünschte ich mir weniger Sprachfehler («fort-schreibt»!), manchmal etwas mehr Thesaurus in meinen Antworten, indem nicht mehrfach hintereinander «legitim» zur Strategie von Döpfner sage, weil mir gerade kein anderes Wort einfällt. Aber was soll’s. Wir haben das ganze erst am Vorabend vereinbart, dann am Morgen als erstes angefangen, hatten uns null vorbereitet, dafür aber im Haus längere Zeit nach einem freien Platz gesucht (den wir dann freundlicherweise am Sitzungstisch des «Folio» fanden).

Hier noch ein paar Links zu meinen Aussagen:

Kategorie: Medien
, 15. November 2012 13 Kommentare

Die «Frankfurter Rundschau» ist pleite. Die «Financial Times Deutschland» steht offenbar auf der Kippe, noch im November soll über die mögliche Einstellung entschieden werden.

Die deutschen Verleger und Verlagsmanager reagieren aber nun nicht, indem sie sagen: «Huch, die Einschläge kommen offenbar näher, Newsweek war ja noch weit weg, aber langsam sollten wir uns wirklich fragen, ob unser Blatt nicht das nächste ist, wenn wir nicht grundlegend etwas ändern», sondern sie flüchten sich in die immer gleichen reflexartigen Schuldzuweisungen.

Für links bis rechts ist die «Gratiskultur» im Internet mindestens mitverantwortlich. Zwar nennen alle mehrere Gründe, so Ines Pohl von der taz («Die Frankfurter Rundschau stand für einen festgefahrenen Gewerkschaftsjournalismus.») oder FAZ-Herausgeber Werner D’Inka («Das links-grüne Blatt hielt trotz schwindender Leserschaft zu lange am überregionalen Anspruch fest.»), aber das böse Internet kommt immer an prominenter Stelle vor.

Und obendrauf wird immer moralisiert. D’Inka schreibt:

So oder so sollte das ungewisse Schicksal der „Frankfurter Rundschau“ einer an die Gratismasche der digitalen Welt gewöhnten Gesellschaft Anlass zum Nachdenken darüber geben, was ihr unabhängige Zeitungen und eine Vielfalt der Stimmen wert sind.

Stimmt, so müsste es doch funktionieren – wir appellieren einfach an das schlechte Gewissen der Leser:

«Mitbürgerin und Mitbürger! Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern tausch jetzt Dein Sky-Bundesliga-Paket und Deine Handy-Flat gegen ein Zeitungs-Abo ein. Du weisst schon: Pressefreiheit, Vielfalt der Stimmen, vierte Gewalt… für die Gesellschaft und so weiter. Wir sitzen doch alle im selben Boot!

Vergelt’s Gott
Dein Verleger»

Beim aktuellen Parteitag der KP Chinas würde uns eine Ansage, dass die Menschen sich für das grosse Ziel gefälligst zusammenreissen sollen, nicht weiter wundern. Unsere Marktwirtschaft orientiert sich aber eigentlich eher an Adam Smith und seiner unsichtbaren Hand des Marktes. Die Bürgerin muss sich keineswegs aufraffen zu tun, was am besten für die Gesellschaft ist (auch wenn sie heutzutage an jeder Ecke dazu ermahnt wird), sondern sie kann guten Gewissens machen, was am besten für sie ist, und das wird in der Summe zum besten für die Gesellschaft. Zitat Adam Smith (im Original bei Wikipedia):

«Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewusst das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. (…) Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, der keineswegs in seiner Absicht lag. Es ist auch nicht immer das Schlechteste für die Gesellschaft, dass dieser nicht beabsichtigt gewesen ist. Indem er seine eigenen Interessen verfolgt, fördert er oft diejenigen der Gesellschaft auf wirksamere Weise, als wenn er tatsächlich beabsichtigt, sie zu fördern.»

Ohne grosse empirische Fundierung darf man wohl behaupten: Die meisten Leute haben ihre Zeitung nicht abonniert, weil sie das als ihre Bürgerpflicht empfinden, sondern sie lesen sie zunächst wegen des persönlichen Nutzens. An der «taz» von Frau Pohl kann man das Potenzial des Modells «In die Pflicht nehmen» vermutlich gut ablesen, denn deren Abo-Werbung hat seit Jahrzehnten Appellcharakter. Das Ergebnis: 12’175 «GenossInnen» und rund 50’000 Abonnenten. Eher überschaubar.

Umgekehrt: Kaum jemand, der in den letzten zehn Jahren sein Print-Abo einer Tageszeitung gekündigt hat, wollte damit böswillig dem Verlag oder der Demokratie schaden. Sondern der Nutzen hat nicht mehr gestimmt, aus welchem Grund auch immer. Am häufigsten habe ich im Bekanntenkreis gehört, man habe die Zeitung abbestellt, nachdem man realisiert hatte, dass sie über Monate weitgehend ungelesen ins Altpapier gewandert war. Clayton Christensen nennt den Nutzen «jobs to be done», in einem Artikel, den jeder Medienmanager lesen muss: Die Zeitung erledigt einen «Job» nicht mehr so gut wie früher.

Ich wollte hier noch ein paar aus meiner Sicht falsche Gründe für das Scheitern der FR zusammen tragen, hab dann aber gefunden, dass Wolfgang Blau das bereits in einem Post bei Facebook getan hat. Wer keinen Facebook-Account hat: Meedia hat die Passage hierher kopiert: «Fragliches Konstrukt namens Tageszeitung». (Horizont.net, notabene Online-Ableger eines Print-Magazins, hat das gleiche gemacht, nur ohne Blau zu fragen. Aber morgen wieder nach Leistungsschutzrecht rufen…)

Wegen der zahlreichen differenzierten Kommentare, inbesondere eines ausführlichen Facebook-Kommentars von Wolfgang Blau selbst, der deutlich länger ist als der Originalbeitrag, lohnt es sich allerdings, den Text bei Facebook zu lesen. Dass die fundierteste Diskussion, die zumindest ich gesehen habe, bei Facebook stattfindet, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. (Werner D’Inka hat bei FAZ.net immerhin auch 25 Kommentare generiert, Blaus Noch-Arbeitgeber Zeit Online knapp 50. Darunter sind halt immer auch ein paar Deppen.)

Nicht aus dem Anlass, da im (monatlichen) Manager Magazin, aber zeitlich passend rührt Springer-Chef Mathias Döpfner gleich mal wieder die Trommel für Paid Content, mit dem martialischen Satz: «Hier entscheidet sich das Schicksal der Verlage.»

Das halte ich für übertrieben. Döpfner will vermutlich die Reihen schliessen, was legitim ist, aber Paid Content ist wohl eher ein Modul einer zukünftigen Digitalstrategie als das Allheilmittel.

Wir erinnern uns noch recht gut an die Döpfner-Aussage von April 2010 in der Talkshow von Charlie Rose (Video, Zitat ab 1:10), dass jeder Verleger Steve Jobs danken sollte, dass er «mit dem iPad die Verlagsbranche rettet». Davon hört man dieses Jahr nicht mehr so viel.

Wobei ich aus NZZ-Sicht durchaus bestätigen kann, dass das iPad einen enormen Einfluss hatte auf unsere Digital-Abos. Ich verrate kein Geheimnis, denn wir hatten bereits im Sommer das Wachstum der E-Paper-Abos auf über 10’000 kommuniziert. Ende September, also noch vor Einführung der Paywall, waren es schon über 11’000. Zur Einordnung: Die NZZ als E-Paper im Web (epaper.nzz.ch) gibt es seit rund zehn Jahren. In den ersten acht Jahren gewann man rund 1000 Abonnenten, in den letzten zwei Jahren seit Einführung des iPad – und der Bundles – dann 10’000. Das ist wohl der beste Wert im deutschsprachigen Raum, was Abos angeht, relativ zur Gesamtauflage sowieso.

Das ist toll. Ebenso übrigens wie die Zahlen der Paywall im ersten Monat, die mich sehr positiv überrascht haben. (Wir kommunizieren sie noch nicht.) Aber mittelfristig wird das noch nicht reichen. So wie es keinen alleinigen Grund für die Misere der Verlage gibt, schon gar nicht die vermeintliche «Gratiskultur», gibt es auch keinen alleinigen Retter, nicht das iPad (der European Newspaper Award von 2010 hat der «FR» herzlich wenig genützt), nicht die Paywall.

Ein Ansatz, der meiner Meinung in der deutschsprachigen Debatte bisher vernachlässigt wird, wäre die deutliche Steigerung der Reichweiten, und zwar nicht der Page Impressions mit Paginierung und aufgeblasenen Klickstrecken, sondern der User und der Visits. Jedes Online-Medium sollte sich dringend überlegen, wie es sowohl die Anzahl Besucher als auch die Anzahl Besuche durch dieselben in den nächsten beiden Jahren verdoppeln kann. (Ja, bei der NZZ sind wir noch nicht auf Kurs, was das angeht, das weiss ich natürlich selbst, und es bekümmert mich jeden Tag.) Die mobile Nutzung könnte hier ein Schlüssel sein; auch davon hört man eher zu wenig, vielleicht, weil viele Leute denken, mobilen Traffic könne man nicht monetarisieren. Letzteres dürfte sich bald ändern.

Für jede Nennung von «New York Times / Paywall» in einem deutschsprachigen Artikel sollte man zweimal «Huffington Post – Buzzfeed – Upworthy / Kuratierung – Social Media – Kommentare» oder was auch immer lesen. Nein, auch das ist wieder nicht der weisse Ritter. Aber wer denkt, Reichweite sei nicht mehr wichtig, weil jetzt die Paywalls kommen, macht den gefährlichsten Fehler von allen.

PS. Passte nirgends richtig rein: Wieso schreibt Werner D’Inka im gleichen Artikel: «Und hierzulande gibt es Hinweise darauf, dass der Leserschwund zum Stillstand kommt»? Hab ich was verpasst? Oder ist das das Pfeifen im Walde?

Kategorie: Medien
, 27. September 2012 10 Kommentare

Gestern Abend haben wir bekannt gegeben, dass die Aktionäre die Blogwerk AG an die WEKA-Firmengruppe verkauft haben. Gleichzeitig war die Blogwerk-Büroeinweihung, bei der ich eine Rede gehalten habe. Sie war recht lang, was ich vorher wusste, aber es war nun mal die letzte Gelegenheit, alles zu sagen, was ich sagen wollte. Als Abtretender kann man sich das leisten, weil alle, die sich langweilen, denken: «Ist ja wenigstens das letzte Mal.» Ich habe aber von den Anwesenden viel positives Feedback erhalten, was mich sehr gefreut hat. Hier mein Manuskript:

***

Zu Beginn eine Bitte: Bitte Smartphones wegstecken und kurz nicht twittern. Ich rede nur 45 Minuten, das haltet Ihr mal aus.

Ihr kennt sicher alle das Video von Steve Ballmer, das schon lange vor YouTube per E-Mail zirkulierte (das «virale» File hatte jemand dancemonkeyboy.avi genannt, weshalb das Video noch heute oft so bezeichnet wird), bei dem er auf die Bühne springt minutenlang rumtanzt und jauchzt, bevor er völlig ermattet ins Mikrofon schreit: I got four words for you: I love this company. Dafür hat er viel Spott geerntet, aber ich kann ihn gut verstehen, vor allem heute.

Dieses neue Büro, das wir heute einweihen, ist für Blogwerk ein Meilenstein, bei dem man automatisch zurückdenkt an andere Meilensteine.

Natürlich an ehemalige Büros: Das Büro in St. Gallen in der leeren Hauptpost, mit ihren leeren Räumen und leeren Gängen, in der man auch gut einen Horrorfilm hätte drehen können.

Das Büro bei Zeix, hier um die Ecke, wo wir uns sehr wohl gefühlt haben, auch wenn wir regelmässig daran erinnert wurden, dass wir beim WC-Papier gesponsert wurden. Olivia und ich haben uns vorgenommen, den Ausgleich beim WC-Papier irgendwann noch herzustellen. Aus dem Büro waren wir dann aber Anfang 2010 rausgewachsen, weil wir dringend aus diesem Gefühl der Untermiete raus mussten. Trotzdem nochmal herzlichen Dank an Zeix für die Starthilfe damals.

Um dann gleich wieder zur Untermiete woanders einzuziehen: in das Büro an der Stauffacherstrasse, für das ich mich immer etwas geschämt habe, weil es so klein war, und ich dachte, ich bin schuld, dass Ihr dort sitzt wie die Hühner auf der Stange, aber zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, ich wollte ja das grosse Büro daneben mieten, aber Jens von Mediafocus hat mich nicht gelassen.

Und nun dieses Büro hier: Bei dem jeder sieht: Jetzt ist Blogwerk eine richtige Firma, nicht mehr nur ein vergrössertes Wohnzimmer mit Sitzungstisch in der Mitte, Blogwerk ist jetzt auch hier professionell geworden, wie in anderen Bereichen ja schon längst.

Es gibt natürlich auch viele weitere Meilensteine, die nichts mit Büros zu tun haben, ich kann nur wenige aufzählen.

Zum Beispiel ein ganzseitiger Artikel in der SonntagsZeitung, nur ein paar Wochen nach der Gründung, von dem wir völlig geplättet waren, der sich dann aber leider ein totaler Verriss aus ideologischen Gründen unter dem Titel «Mit Blogs auf grosse Kasse hoffen» rausstellte, weil man dort dachte, wir wollten Journalisten ausbeuten – und das dürfen bekanntlich nur richtige Verlage, keine hergelaufenen Start-ups.

Der erste Firmenauftrag für die Erstellung von wiederkehrendem Content, dem Modell, das heute den Löwenanteil des Umsatzes ausmacht: C36daily für die Exhibit AG, Giancarlo Palmisani ist heute auch da.

Der erste Firmenauftrag für ein Corporate Blog: ebookers.ch.

Der erste Auftrag mit einem sechsstelligen Volumen, immer ein wichtiger Meilenstein für jede Firma: energiedialog.ch für Axpo.

Eine Spendenaktion, als wir medienlese.com einstellen wollten, bei der quasi über Nacht über 2000 Euro gesammelt wurden – was leider nicht geholfen hat.

Der grösste Meilenstein von allen liegt allerdings unmittelbar vor bzw. hinter uns: Wir haben vor einigen Tagen sämtliche Blogwerk-Aktien an die WEKA-Firmengruppe aus Deutschland verkauft.

Ich bin überzeugt, dass das eine gute Sache wird. Vor einem Jahr dachte ich noch, WEKA sei etwas verstaubt, aber da hatte ich mich geirrt. WEKA ist eine Firma, die inzwischen zwei Drittel ihres Umsatzes mit zugekauften Geschäften macht, was zeigt, dass sie das wollen und können, und WEKA ist die Umsetzung ihrer Digitalstrategie ganz offenbar ernst. Ausserdem habe ich die Herren, die ich kennenlernen durfte, vor allem Werner Pehland und Eberhard Opl, im persönlichen Kontakt als sehr angenehm schätzen gelernt, so dass ich überzeugt bin, dass sie für Kunden und Mitarbeiter von Blogwerk die richtige Wahl sind, um die Kontinuität zu gewährleisten, und zugleich den Drive zu entwickeln, Blogwerk ein noch schnelleres Wachstum zu erlauben, als wir das in den letzten Jahren allein geschafft haben.

Herr Pehland ist auch hier und wird im Anschluss einige Worte sagen.

Denkt jetzt bloss nicht, ich sei fertig. Jetzt, wo klar ist, dass das meine allerletzte Ansprache als irgendwas bei Blogwerk ist, müsst Ihr mir die restlichen 40 Minuten noch geben.

Das besondere an diesem Abschied ist nun, dass er zwar mit zwei Jahren Vorlauf kommt, in denen ich schon nicht mehr operativ tätig bin, aber dafür nun sehr abrupt ist: Ich bin nicht mehr VR-Präsident, ja, mit der Unterschrift unter dem Kaufvertrag habe ich quasi jede Bindung abgebrochen. Das schmerzt etwas, aber es ist auch richtig so.

Was werde ich vermissen? Natürlich sehr viel!

Am meisten wohl den Skype-Gruppenchat. 40% drehen sich nur um die Tatsache, wohin man Mittagessen geht, die für mich völlig irrelevant ist, ausser, dass ich immer schon um halb zwölf Hunger kriege, wenn die hier anfangen, übers Essen zu reden, weitere 40% sind unverständliche Insiderwitze – aber 20% sind spannende Facts und Figures, in denen ich schon viel Nützliches erfahren habe, mit dem ich gelegentlich an der Falkenstrasse als Immer-noch-Internet-Insider auftrumpfen konnte. Vor allem ist der Skype-Chat das Manifest einer Firmenkultur, die immer noch sehr cool, startup-mässig – und auch gnadenlos im Urteil ist. Mit einem anerkennenden Wort oder gelegentlich auch mal einem kleinen Ausdruck des Tadels positioniert das Blogwerk-Team sich im Online-Wertesystem. Etwa so: «Hier, geiler Scheiss: (link)» oder «Fremdschämen: (link).»

Nicht zuletzt habe ich natürlich Angst, wenn ich morgen aus dem Gruppenchat fliege, dass ich dann auch bei Fremdschämen vorkomme.

Ich liebe diesen Start-up-Groove auch nach sechs Jahren. Man kann abends spontan hinkommen, alle sitzen um den Tisch herum, es ist saugemütlich, man trinkt Bier und knobelt, wer Pizza holen muss, und ich fühle mich sofort zehn Jahre jünger.

Gern redet man ja bei solchen Anlässen über die schlechten Zeiten: Damals, nach dem Krieg, wir hatten ja nichts. Das will ich heute weitgehend vermeiden. Obwohl es stimmt, wir hatten wirklich nichts, damals, 2008. Mein Treuhänder, der damals meine Steuererklärung gemacht hat, hat wahrscheinlich gedacht: Dafür, dass der Hogenkamp an der HSG studiert hat, muss danach irgendwas ganz, ganz schief gelaufen sein.

Pit Sennhauser, damals noch im Silicon Valley, hat mal zu mir gesagt: Ich hab schon viel über diese Achterbahn der Gefühle in einem Start-up gehört, bei der jeden Tag zwischen Euphorie und Verzweiflung schwankt, aber man muss dabei sein, um wirklich zu wissen, wie es ist. Das ist einfach so.

Natürlich muss ich in dieser Abschiedsrede, die meine letzte Chance dafür ist, noch einigen Blogwerk-Alumni danken, willkürlich ausgewählt und nicht mal in chronologischer Reihenfolge:

Ronnie Grob
– der zwar nicht aussieht wie ein Schweizer Uhrwerk, aber so schreibt, wie man an seinem «6 vor 9» sieht, das wir beide uns damals in der erwähnten St. Galler Post ausgedacht haben, und das seit nunmehr sechs Jahren an jedem Werktag erscheint, seit August 2009 beim BildBLOG.

Damian Amherd
– der selbst ernannte Vorsitzende der Blogwerk-Alumni-Stiftung, der einer der furchtlosesten Praktikanten war, den ich je erlebt habe, der für mich die grössten Vorträge auf Zuruf übernommen hat – und den ich morgen wieder einstellen würde, egal für welchen Job.

Moritz Adler
Ich finde, man sollte Punkte vergeben dafür, wer gute Deutsche nach Zürich geholt hat – eine Art Natalie-Rickli-Gedächtnis-Badge. Und bei Moritz gehört der mir, und ich hab ihn sogar über Twitter geholt. Er war damals intensiv bei dem ersten grossen Auftrag dabei war und macht jetzt tolle Sachen bei local.ch – vor allem seine App-Download-Zahlen hätte ich sehr gern.

Florian Steglich
– über den werde ich hier nichts Nettes sagen, weil er zu spät kommt (das Tram hatte einen Unfall, nachträglich entschuldigt).

Philip Hetjens
– der uns erst ganz kürzlich verlassen hat und den ich heute Abend noch ganz dringend fragen muss, ob es bei Namics nun wirklich besser ist als hier, was ich mir natürlich partout nicht vorstellen kann. Ich hab Dir schon neulich gesagt, Philip, dass ich Dir nie vergessen werde, wie Du in Japan für uns von Gastfamilie zu Gastfamilie gereist bist und überall energiedialog.ch IE6-kompatibel gemacht hast. Wer IE6 kennt, weiss, was das bedeutet.

Nur ganz kurz erwähne ich hier drei, die auch Aktionäre waren und daher auf dem Weg schon ausführlich verdankt wurden, wie Andreas Göldi, dessen tolle Blogbeiträge ich immer noch vermisse, Pit Sennhauser, von dem die Laien unter uns, zu denen ich natürlich auch gehöre, viel über Journalismus gelernt haben, und Lea Barmettler, die jahrelang die Stellung als Mutter der Kompanie gehalten hat, bis sie leider der Online-Welt verloren ging und in die Physiotherapiebranche abrutschte.

Brigitte Federi, Karin Friedli und Mathias Vettiger
- denen ich die Gemeinheit angetan habe, sie einzustellen und direkt danach zu verschwinden, wofür ich bis heute ein etwas schlechtes Gewissen habe, auch wenn ich ja jeden Tag sehe, wie toll Ihr es hier habt ohne mich. Heute ist der letzte Tag, an dem Ihr mir verzeihen könnt! Bitte tut es!

Und natürlich danke ich dem ganzen Team, wozu ich heute morgen schon in einer kleinen Pre-Show um 9.00 Uhr Gelegenheit hatte.

Am Ende sind es aber von den vielen Namen aus sechseinhalb Jahren vor allem drei, denen ich heute nochmal insbesondere danken möchte:

Andreas Von Gunten
Du bist ein leuchtendes Vorbild für mich für das sonst eher albern klingende Wort «Empowerment»: die Mitarbeiter befähigen, grosse Dinge zu machen – im Gegensatz zu mir, der ich vorher gelegentlich gedacht hatte, am besten ist es, wenn ich alles allein mache. Dieses Vorbild hat mir auch bei der NZZ geholfen, wo man sowieso praktisch nichts mehr selbst macht.

Olivia Menzi und Thomas Mauch
Das gilt zwar für alle, aber trotzdem für Euch beide am meisten: Ohne Euch beide würden wir heute nicht hier stehen.

Wie Ihr das hier durchzieht, Respekt. Ich bin ja jemand, der gern auch mal Sachen nicht ganz sofort macht, sondern denkt, übermorgen langt wahrscheinlich auch noch. Insofern bin ich immer wieder schlicht platt, wenn ich Euer vorausschauendes Arbeiten und Euren Organisationsgrad und sehen. An der Stelle noch eine Frage: Wenn ich mal umziehe, kann ich mich dann vielleicht bei Euch melden? (Olivia schüttelte kurz, aber entschieden den Kopf.)

Ich war immer jemand, der alle paar Jahre was Neues gemacht hat, ich habe einen Drei- bis Vier-Jahre-Rhythmus, der sich durch mein Leben zieht.

«Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne», habe ich zu dem Thema immer gern zitiert – ehrlich gesagt, ich wusste nicht mal genau, von wem das ist. Das habe ich für heute mal nachgeschaut.

Wer weiss es? Vettiger? (Mathias Vettiger tippt erst Rilke, dann korrekt: Hesse.)

Ich habe seit der Schulzeit kein Gedicht öffentlich rezitiert, möchte das aber heute gern machen. Ist von 1941, aber immer noch gut:

Hermann Hesse: Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Wem das zu lang war: I got four words for you: I love this company!

Vielen Dank für alles! Ich wünsche Euch von Herzen alles Gute, und lasst uns Freunde bleiben, online und offline.

(Peter Hogenkamp hat den Skype-Chat verlassen: Donnerstag, 27. September 2012, 10.50 Uhr.)

Kategorie: Leute, Wirtschaft
, 1. September 2012 2 Kommentare

Aus einem Artikel bei inside-it:

«CIOs sind bereits in vielen Grossunternehmen Mitglieder der Geschäftsleitung. Nun folgt auch die Schweizerische Bundesbahn diesem Trend und trägt der zunehmenden Bedeutung der Informatik Rechnung. Ab dem 1. Januar wird die jeweilige Leiterin oder der Leiter des Informatikbereichs – gegenwärtig wäre das Peter Kummer – Mitglied der Konzernleitung.»

(via @c36daily)

Abgesehen von der dümmlichen Überschrift «SBB adelt Informatik» – ausgerechnet bei einer IT-News-Site – ist das Problem, dass der «Leiter IT» in vielen Unternehmen etwas ganz anderes macht als ein «Chief Information Officer» machen sollte.

Der «Leiter IT» hiess früher «Leiter EDV», und viele sind auch schon so lange im Amt, dass sie jetzt schon den dritten Titel haben, aber immer noch das gleiche machen: Sie sorgen dafür, dass die Server stabil laufen, dass die Total Cost of Ownership im Rahmen bleibt (bzw. nach Möglichkeit laufend gesenkt wird) und dass die User nicht mehr über den schlechten Support meckern als überall anders auch. Ein CIO sollte das aber allenfalls nebenbei machen.

Das habe ich an der HSG im Studiengang «Informationsmanagement» bei Hubert Österle gelernt: «Informationsmanagement ist das Management der Ressource Information im Unternehmen». Damals habe ich gar nicht so recht gewusst, was das ist – heute schon.

Es gibt ganz offenbar Unternehmen, bei denen die Kern-IT passabel läuft, die Ressource Information aber eher stiefmütterlich gemanagt wird, und vor allem auch sehr wenig Awareness beim Management vorhanden ist, dass es hier grosse Potenziale gäbe. Der CIO muss auch oberster technologischer Trendscout sein und laufend neue Möglichkeiten von technischer Infrastruktur (zur Zeit in aller Munde: alles mit «Cloud»), Kollaboration (zur Zeit alles mit «Social») und ähnliches evaluieren und auch zügig einzuführen oder zumindest zu testen bereit sein. Das sind Ziele, die den oben genannten teilweise konträr entgegen stehen.

Insofern ist die Nachricht, dass die SBB den obersten Informatiker in die Geschäftsleitung hebt (wieso eigentlich erst per 1. Januar?), noch nicht wirklich aussagekräftig. Wichtig wäre zu wissen, wie die Person ihre Rolle interpretiert.

(Ich habe keine Ahnung, wie das bei der SBB läuft. In vielen Bereichen wie der Website, den Apps, den elektronischen Tickets etc. sind sie ja sehr innovativ, aber das läuft, wenn ich recht informiert bin, nicht bei der IT, sondern bei Patrick Comboeuf, und der ist beim Personenverkehr. Hoffen wir, dass dem nicht in Zukunft das neue Organigramm in die Quere kommt.)

Kategorie: Technik, Wirtschaft