Gänseleber-Röschtigraben bei LeShop

Falls noch jemand Zweifel an der Existenz des Röschtigrabens hegte, gräbt das Migros-Joint-Venture Le Shop ihn noch ein bisschen tiefer. Oder doch nur etwas schräger?

In vorauseilendem Gehorsam auf einen Kassensturz-Bericht „Quälerei: Gestopfte Gänseleber zu Weihnachten“, der erst heute Abend ausgestrahlt wird (Themenvorschau) hat LeShop hektisch eine Kundenbefragung gemacht (Wow! Über Nacht haben sie 10’000 Leute befragt?) und präsentiert uns nun die Aussagen der Kunden zur Stopfleber. (Dass das Tierquälerei ist, weiss man ja schon seit vielen Jahren, was aber selektiv politisch korrekte Blogger nicht am Zuschlagen hindert. Sollen wenigstens ihren Mund halten.)

Heraus kommen zwei unscharfe Grafiken in der Medienmitteilung, eine Entscheidung von beispielloser Konsequenz und ein bisschen Gebastel um sieben Uhr morgens. Jetzt aber schön der Reihe nach.

Aus der Medienmitteilung:

Auf Anstoss der Sendung «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens SF1 vom 18. Dezember befragte LeShop.ch 10’000 der regelmässigsten Kundinnen und Kunden durch das LINK Institut in Lausanne.

Hm. Wenn es 10’000 Leute waren, wieso steht dann über der Grafik: „Basis: 1491 Personen“?

Jedenfalls, die Deutschschweizer sind, wie sich das gehört, korrekt mit einem Schuss liberal: 78% wollen, dass LeShop keine Stopfleber mehr anbietet, fast alle anderen wollen die Kunden entscheiden lassen.

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Ganz anders natürlich die Westschweizer, beim Essen überzeugte Franzosen. Hier ist eine Zweidrittelmehrheit dafür, die Stopfleber im virtuellen Regal zu lassen. Auch cool sind die 6%, die nicht mal wollen, dass die anderen Leute die vermeintlich gänsefreundliche (ich glaub, geschlachtet werden sie allerdings trotzdem noch) Leber essen dürfen. (Das wäre doch mal ein Vorbild für die USA und ihre Haltung zum Klimaschutz: Wir wollen nicht reduzieren, und die anderen Länder sollen gefälligst auch nicht!)

Bild 15

Natürlich kann man solche Grafiken nur nach Landsmannschaft präsentieren, denn da es viel mehr Deutschschweizer gibt als Westschweizer, wäre natürlich eigentlich die Öko-Position in der Mehrheit. Die empörten Schlagzeilen in der Westschweiz hätte man sich vorstellen können, wenn LeShop aufgrund dieser Mehrheit die Stopfleber ganz aus dem Sortiment genommen hätte. Das wäre konsequent gewesen, hätte aber Umsatz gekostet, und zwar vermutlich gleich den ganzen Weihnachtseinkauf. Also machen sie es natürlich nicht, sondern eine Röschtigraben-Lösung, bei dem man dreimal lesen muss, bis man sie verstanden hat:

LeShop.ch reagiert auf diesen deutlichen Kundenappell und nimmt per sofort in der Deutschschweiz alle Foie-Gras Produkte aus gestopfter Produktion aus dem Weihnachtssortiment. In der Westschweiz gehört Foie-Gras traditionellerweise auf viele Festtagstische. Hier will die Mehrheit der Befragten wählen können, zwischen Artikeln aus gestopfter und ungestopfter Produktion. LeShop.ch führt darum zwei Gänse- und Entenleber-Produkte aus ungestopfter Produktion und kontrollierter Tierhaltung ein.

Aha. Die Westschweizer dürfen also weiterhin. In der Deutschschweiz dagegen wird die Stopfleber einer Minderheit von 22%, die sie eigentlich weiter essen wollen, brutal entrissen.

Und wer sagt denn, dass die Grenzen so nicht viel zu grob gezogen wurden? Was ist mit der Auswertung nach Kanton? Müsste man nicht vielleicht im Kanton Bern, wo auch noch ein paar versprengte Französisch sprechen, nochmal über die Bücher? Oder auf Gemeindeebene. Ich kann mir gut vorstellen, dass im Bündnerland einige, sagen wir romanisch sprechende Gemeinden eine ganz andere Vorstellung von Leber, ja von vielen Lebensmitteln haben, als die Nachbargemeinde aus dem Nebental. Da muss man doch reagieren!

Ich finde, es sollte eine Volksinitiative geben, dass jede Gemeinde selbst abstimmen kann, welche Lebensmittel verkauft werden dürfen, und ob in einer Bio-, in einer ungesunden oder in anderen Varianten. Für den Abstimmungsmodus könnte man das bewährte Schweizer Wahlsystem mit kumulieren und panaschieren nehmen, also:

Ich streiche die Haifischflossensuppe und den Nicht-Delfin-freundlichen Thunfisch, nehme aber dafür zweimal Froschschenkel – und einmal Negerküsse.

LeShop jedenfalls ist erstmal am Schrauben. Allerdings: Während die Medienleute Nachtschicht machen, kommen die ITler wie üblich erst um 7 Uhr. Um kurz nach sieben kamen bei PLZ 1000 (Lausanne) und 8004 (Zürich) noch dieselben neun Treffer:

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Irgendwann dagegen wechselte es bei Zürich auf diese lustige Seite mit einembis acht Treffern:

Bild 13

Strategiefazit: Proaktiv schön und gut, aber irgendwie scheint das eine Aktion der Marke: „Hauptsache, wir haben schnell irgendwas gemacht.“

Kommunikationsfazit: Ein bisschen durcheinander, aber war ja auch spät.

IT-Fazit: Wer denkt, richtige Firmen schrauben nicht live an Datenbanken, irrt einmal mehr.

Politikfazit: Wer keine Fantasie hat, zu welchen Themen es bald alles „Initiativen hageln“ wird: Da fiele uns schon noch einiges ein.

Beigen (sic!) von Mails an die neue Bundesrätin

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hat seit ihrer überraschenden Wahl am Mittwochmorgen „1200 E-Mails und SMS erhalten“, stand überall zu lesen.

Etwas unterschiedlich wird berichtet über den Anteil an Drohungen:

Waren unter diesen Mails und SMS auch Drohungen?
Widmer-Schlumpf: Es gab massive Drohungen. Es ist nicht das erstemal, dass ich das erlebt habe. Das war schon so, als ich das Kantonsreferendum (zum Steuerpaket)mitgetragen habe. Ich nehme das ernst. Auf 100 Mails oder SMS kamen eines oder zwei solche. (St. Galler Tagblatt)

Wohingegen das „von Hundert“ andernorts wegfiel, was schon noch einen kleinen Unterschied macht:

Zudem bestätigte sie, dass es massive Drohungen gegen ihre Person gab, die in «zwei, drei E-Mails» ausgesprochen wurden, die sie gestern Abend erhalten habe. (20min.ch)

„Beigen (sic!) von Mails an die neue Bundesrätin“ weiterlesen

Danke, Rosie.

Ich wollte mich mal an dieser Stelle bedanken für die vielen wertvollen Tipps die ich hier gelesen habe. Ich bin immer wieder von neuen erstaunt, was es doch so alles gibt. Durch das bloggen lerne ich immer wieder neues dazu.

Danke, Rosie, wir mögen Dich auch. Aber lass doch unsere Blogs trotzdem in Ruhe mit Deinem Kommentarspam – auch wenn er zugegebenermassen recht gut getarnt ist.

Wir konnten einen Skandal um Rosie soeben durch das beherzte Eingreifen eines Mitarbeiters noch in letzter Minute vermeiden.

14 Blogreflexe in einer Stunde

Aus meinem Text für das Blogwerk Jahrbuch 2007 :

Der antrainierte Blogreflex

Manchmal fragen mich Leute, woher mir eigentlich die Ideen zum Bloggen kommen. Die Frage ist völlig falsch gestellt. Richtig wäre: Wie hältst Du es bloss aus, fast alles nicht zu bloggen?

Ich habe an einem beliebigen Tag in einer beliebigen Stunde – 30.11.2007 von 6 bis 7 Uhr – mal meine „Blogreflexe“ mitgezählt. Das Wort habe ich mir ausgedacht für den Gedanken: „Darüber könnte man etwas schreiben.“ Es waren 14 in einer Stunde, also dürfte ich auf den Tag hochgerechnet locker auf 100 kommen. Wirklich posten tue ich davon vielleicht 2 am Tag.

Wohlverstanden, dabei geht es nicht um Twitter-artige Statusmeldungen wie: „In Zürich angekommen. Es regnet“, sondern um kleine Storys mit einer Aussage und hoffentlich einer kleinen Pointe.

Ich würde gern mal wenigstens mal einen Tag lang alle bloggen. Allerdings würde das sicher etwa drei Tage dauern.

Stattdessen habe ich wenigstens die genannte Stunde von 6 bis 7 Uhr mal gebloggt, natürlich nur in Kurzversion. Ich war im Zug von St. Gallen nach Zürich und danach auf dem Weg ins Büro.

6.25 Uhr
Spalierstehen am Zug
Wieso können die draussen nicht eine breitere Gasse lassen? Ich weiss schon, die wollen schnell in den Zug, und vor allem der um 7.30 Uhr ab Zürich nach Bern ist brechend voll, aber dass man sich so rausrempeln muss, ist einfach nervig.

6.25 Uhr
Caritas-Plakat „Hngr“
Über hungernde Kinder macht man wohl keine Witze, aber bei „Hngr“ muss ich immer denken: „Spendenplakat 2.0“.

hngr

Natürlicht hat das auch schon ein anderer Blogger gedacht. (Und der findet auch noch die Zürcher Weihnachtsbeleuchtung cool, wie ich auch, jetzt sind wir schon zwei.)

6.31 Uhr
Baustellenvoyeurismus
In der Sihlpost-Unterführung, die jetzt schon seit zwei Jahren im Bau ist und es auch noch genauso lange bleibt, ist einer von diesen wunderschön exakten Schweizer Bauzönen, die besser aussehen als manches IKEA-Möbel, und mitten bei Gleis 10 hat jemand ein ebenso sauberes Loch reingesägt. Das kann kein Versehen sein, oder? Toll. Ich gucke fast jeden Morgen, obwohl man natürlich nichts Besonderes sieht und schon gar nicht jeden Morgen etwas Neues.

6.32 Uhr
Gute Werbung: SBB, Paris
Die Werbung mit dem zusammengeschobenen Boden zwischen Zürich und Paris finde ich gut. Einfache Aussage, hübsch anzusehen – „schneller da“ kommt raus, und es sieht nicht etwa nach Erdbeben oder so aus.

6.33 Uhr
Schlechte Werbung: Silhouette
Silhouette dagegen, dieser Fitnesscenter-Newcomer aus der Westschweiz, macht soo schreckliche Plakate. Immer dieser schlimme Stilmix. Finden die in der Westschweiz sowas schön? Ich kann’s fast nicht glauben.

6.34 Uhr
Grossbaustelle mitten in der Stadt
Schon wieder Baustelle: Ich finde es jeden Morgen etwas faszinierender, wie innerhalb von wenigen Tagen seit dem Baustart des Durchgangsbahnhofs Löwenstrasse (siehe durchmesserlinie.ch) eine riesige Grossbaustelle mitten unter dem Hauptbahnhof entstanden sein muss.
Erst dachte ich, ja ja, die stellen da wichtig ihre vielen Bauarbeiterwohncontainer auf und hämmern ein bisschen rum – aber wenn man dann das erste Mal ein riesiges Baufahrzeuge aus der Erde kommen sieht – wegen des Bauzauns sieht man kein Loch, sondern nur den Lastwagen schräg hochfahren – weiss man, da ist was Grösseres im Gange.
Apropos schräg aus der Erde kommen: Bei Rudi Carrell in „Am Laufenden Band“ war gegen 1977 mal einer, der nur ein vielleicht 50 cm hohes Brett längs senkrecht auf die Erde stellte, und dann so tat, als würde er dahinter eine Treppe hinuntergehen – er wurde also von Schritt zu Schritt kleiner und verschwand schliesslich ganz, aber auf massivem Boden, nur durch irgendwelche Verrenkungen. Das hat mich offenbar beeindruckt, sonst hätte ich es mir nicht 30 Jahre gemerkt. Kann das mal bitte jemand zu YouTube hochladen und mir den Link schicken?

6.34 Uhr
Velostation Süd: Provisorium
Ich muss unbedingt noch etwas schreiben über Schweizer Provisorien, die so schön sind wie Sachen, die andernorts für die Ewigkeit halten sollen. Die „Velostation Süd“ ist auch so eins.

6.35 Uhr
Tramwerbung-Gewinner
Ich sehe das erste Cobra-Tram mit Dachwerbung aus dem VBZ-Wettbewerb. (Darüber habe ich vier Tage später noch was Richtiges geschrieben.)

6.45 Uhr
M-Budget-Box
Sowas von cool, diese M-Budget-Box für 20 Franken.
O Gott, dafür haben sie online eine Broschüre in Flash.

6.55 Uhr
FF Clan als neue Blogwerk-Hausschrift
Wir haben beim Erstellen des Blogswerk-Jahrbuchs so nebenbei eine neue „Hausschrift“ eingeführt: FF Clan. Ganz hübsch.
Hatten vorher Interstate, einfach aus Faulheit von Zeix übernommen. Wir waren recht früh mit der 2003 oder so, aber dann hat sie sich epidemieartig ausgebreitet, zu Tchibo, Karstadt, RTL2 und was weiss ich wohin noch alles, daher muss Blogwerk jetzt mal was Frisches haben.

Ähm. Das sind ja nur 10. Ich hatte aber 14 irgendwo notiert…

VBZ.Tram-Dachtafel-Wettbewerb:
Die Sieger flanieren vor meinem Fenster

tramdachcobra big

Jetzt fahren sie endlich rum, die Gewinner vom VBZ-Tramdachtafel-Wettbewerb. Gerade gesehen am 9er-Tram:

Andrea wo bisch? – Gib mer doch nomau en Chance. – Ech han di eifach emmer no gärn. – Es Grüessli vom fahrende Röne.

Ist natürlich totaler Quatsch, in Zürich einen Spruch im Berner Dialekt gewinnen zu lassen. Ist eine subtile Form der Arroganz auf Seiten der Jury, finde ich. Komm, wir lassen einen Berner gewinnen, damit zeigen wir unsere Offenheit.

Der hier geht noch, finde ich:

Puff-Zigareusen? – Suffragetten? – Halbstarke Mädchen? – www.frauenstadtrundgangzuerich.ch

Noch nicht gesehen, nur auf dem Bild (siehe oben):

Entweder Sie bringen – unsere Töpfe zum Klingen. – Oder wir singen! – Gott sei Dank! Ihre Heilsarmee.

Na ja. Reim Dich, oder ich fress Dich. Aber jetzt kommt’s:

Meine liebe Marquelina, – lange schon sind wir zusammen: – Heiratest Du mich??? – Dein Reto Vogelbacher

Reto Vogelbacher hab ich zufällig gerade kennengelernt. Seine zukünftige Frau arbeitet – bei der Heilsarmee! Au weia. Die Heilsarmeeisierung des öffentlichen Verkehrs ist nicht mehr aufzuhalten.

Wie sagt man «Müntschemier»? oder: Multimediashow im Grunzmobil

Ich weiss es selbst nicht. Berner vor.

Was geschah zuvor? Die SBB haben eine neue Stimme, in den Zügen und an den Bahnhöfen. Sollte laut blumig formuliertem SBB-PR-Text Eine Frage des guten Tons ? die Lautsprecherdurchsagen (erster Satz „Eine Stimme ist eine Stimme ist eine Stimme?“ – für diese Stilfigur sollte man langsam mal eine Abnutzungsabgabe einführen), der auf der Konzern-Website unter „Marke SBB – CI/CD – Die Stimme der SBB liegt“ (ich wüsste gern mal, wie viele Zugfahrer wissen, was CI/CD heisst) „im Verlauf des Sommers 2007“ die alte Stimme ablösen. In „meinem“ ICN 1510 war es dann letzte Woche so weit.

Also schnell gegoogelt, was einen zu obigem Text führt und zu einem Artikel Die SBB-Stimme aus der Coop-Zeitung (immerhin der auflagenstärksten Print-Publikation der Schweiz), in dem so allerlei über die neue Dame namens Isabelle Augustin steht, unter anderem, dass sie Tierschützerin ist und regelmässig mit dem Grunzmobil unterwegs, in dem der Verein der Schweinefreunde Multimediashows durchführt. Alles kein Witz, vermute ich. Meine Mutter erzählte mir erst gestern am Telefon, dass Schweine sehr leicht einen Herzinfarkt bekommen, nachdem wir nämlich letztes Wochenende auf einem St. Galler Bauernhof – aber das würde vielleicht doch zu weit führen…

Und natürlich, dass sie, jetzt wieder Isabelle Augustin, Schwierigkeiten hatte, «Müntschemier» auszusprechen, das Tonstudio in Bern aber damit Erfahrung hat. Wie es nun geht, schreiben sie aber nicht – typisch Holzmedium…

Kann mir vielleicht einer auf die Voicemail (043 500 21 51) reden, wie man es ausspricht? Dann stelle ich’s hier rein.

Kommentar-Elitarismus bei NZZ Online: 26% werden gelöscht

Letzte Woche habe ich bei der Internet-Briefing-Veranstaltung „User Generated Content – keine Angst vor dem Kunden“ über „Online-Kommentare – mehr als Leserbriefe 2.0“ gesprochen. Ich hatte vorher und nachher ziemlichen Stress wegen einer Art Autopanne, daher hatte ich keine Zeit, etwas darüber zu schreiben. Marcel Bernet hat das dankenswerterweise bei sich gemacht.

Mein Vortrag wäre für den geneigten Leser unserer Blogs nicht überraschend gewesen, weil ich nur erzählt habe, was wir jeden Tag machen, und dass das „Kommentarwesen“ einen zwar machmal schon etwas stresst, aber dass die Kommentare insgesamt einen grossen Mehrwert darstellen, der deutlich höher einzuschätzen ist als das bisschen Ärger (bitte mir diese Passage vorlegen, wenn es demnächst mal wieder so weit sein sollte).

Unsere Kommentar-Policy, die es nicht einmal schriftlich gibt, beruht auf der Maxime: Wir schauen mal, was passiert, und greifen nur ein, wenn es unbedingt nötig ist. Meine „Top-Kommentarkiller“ hat jeder Blogger oder Blogleser schon einmal erlebt: Registrationszwang, manuelles Freischalten, Real-Name-Zwang, Kommentare löschen oder nicht beantworten, Korrekturen nicht in Beitrag einarbeiten, überhebliche oder aggressive Antworten.

Direkt nach mir kam Urs Holderegger von NZZ Online und stellte vor, was sie in dieser Hinsicht machen, denn seit dem Relaunch vom Juli 2007 kann man auch bei der NZZ kommentieren. (Auch dazu hat Marcel Bernet inzwischen seine Notizen gepostet: „NZZ Online: Leser droht mit Kommentar?„)

Der beste Satz von Urs war der erste: „Wir machen eigentlich alles das, was Peter als ‚Kommentarkiller‘ bezeichnet hat.“ Wenigstens sind sie erfrischend ehrlich. Sie haben andere News-Sites und die Diskussionen dort analysiert und einen eigenen Ansatz entwickelt, zu dem sie nun auch stehen (auch wenn Urs später beim Rausgehen halb entschuldigend meinte, er habe „halt eine 228-jährige Tradition da drüben“, auf die er Rücksicht nehmen müsse).

Den Ansatz halte ich allerdings grösstenteils für falsch. In Kurzform kann man sagen, dass NZZ Online es geschafft hat, das klassische „Leserbriefmodell“ der Zeitung – Leser schreibt als Reaktion auf Artikel, Zeitung entscheidet, was „abgedruckt“ wird, eine Diskussion der Leser untereinander findet nicht statt – ins Web zu portieren. Das kann man so machen, nur hat das nach meinem Verständnis mit User Participation im Sinne von Web 2.0 nichts zu tun.

Die beeindruckendste Zahl: Von 13 500 eingegangenen Kommentaren wurden 3 500 (26%) nicht freigeschaltet. Die Ablehnungsgründe, über die wohl weitgehend Konsens besteht (Rassismus, Sexismus, Beleidigungen) machen davon nur „rund 10%“ aus, der Rest wird gelöscht wegen fehlender Qualität. Wer sich „nicht genug überlegt hat“ (!), kommt nicht rein, das gilt für die Inhalte wie für formale Schwächen wie Rechtschreibfehler.

Interessant fand ich die Bemerkung, dass sie mit ihrem CMS Kommentare nicht editieren können. Ich hatte vorher gesagt, dass wir manchmal – sehr selten – etwas aus einem Kommentar rauseditieren und z.B. schreiben: „(Hier wurde ein Satz wegen … gelöscht.)“ Das kann die NZZ nicht, weil ihr CMS es nicht unterstützt – „bei uns gibt es nur Daumen hoch oder runter“.

In meinem Teil hatte ich gesagt, dass die Kommentatoren in den Blogwerk-Blogs für einen deutlichen Mehrwert sorgen. „Die Diskussionen in unseren Kommentaren finde ich inhaltlich viel spannender als den durchschnittlichen Leserbrief“, war meine Aussage. (Ehrlich gesagt habe ich mich hier etwas aus dem Fenster gelehnt, weil ich die Leserbriefseiten in Zeitungen nur sehr selten lese. Dieses tendenziell oberlehrerhafte Rumnörgeln von Leuten, denen ein Artikel zu rechts oder zu links oder was auch immer ist, kann ich nicht aushalten.) Das fand Urs natürlich nicht. Er meinte im Gegenteil: „Wer einen Leserbrief an eine Zeitung schreibt, der hat sich meist etwas überlegt und gibt sich entsprechend Mühe. Von Kommentatoren kann man das nicht immer sagen.“

Das mag sogar stimmen. Aber ich bin ganz dezidiert der Meinung, man muss auch die weniger hilfreichen Kommentare in Kauf nehmen, um auch die Perlen zu bekommen. Was die NZZ-Online-Redaktion ihrer Arbeit zugrunde legt, ist eine fiktive Kommentar-Qualitätsskala, sagen wir von 1 bis 100, mit der sie jeden Kommentar bewerten, und ab, sagen wir, 40 Punkten wird freigeschaltet. Ich bezweifle aber sehr, dass einerseits die mit der Selektion beauftragten Redaktoren alle mit der gleichen Skala messen, und andererseits ist völlig klar, dass die individuelle Bewertung eines Kommentars pro Leser teilweise stark abweichen dürfte.

Um mir selbst mal wieder zu vergegenwärtigen, wie „unsere Kommentare“ eigentlich sind, habe ich soeben die letzte Diskussion bei neuerdings.com nachgelesen, die mehr als zehn Kommentare ausgelöst hat; das war zu meinem iPhone-Artikel vom Montag. Von bisher 16 eingegangenen Kommentaren sind vier off topic, indem sie sich auf andere Dinge als den Inhalt des Artikels beziehen (Blogdesign, Mehrwertsteuer, WordPress, Verlosung), einer ist weitgehend inhaltsfrei, einer ist redundant, sieben sind Antworten auf die anderen Kommentare – und zwei sind sehr gut, indem sie aktuelle, weiterführende Links enthalten. Für diese beiden muss man halt die anderen „ertragen“, aber ich finde die anderen „Diskussionsfäden“ keineswegs völlig nutzlos.

Wie hätte diese Diskussion bei NZZ Online ausgesehen? Wäre überhaupt ein einziger Kommentar durchgekommen? Wahrscheinlich nur die beiden, aber wer weiss, ob die überhaupt gekommen wären, wenn vorher dort „Kommentare: 0“ gestanden hätte.

Nee, nee, das wär nichts für mich. Ich will genauso kommentieren und diskutieren wie es hier zu sehen ist und nicht anders. Dieses manchmal polemische, aber oft selbstironische, oft geschwätzige, aber genauso oft unschlagbar präzise und aktuelle, zwar manchmal anonyme, aber fast immer persönlich Stellung beziehende und daher authentische (auch wenn ich das Wort hasse) macht eben genau den Reiz aus.

Wir führen manchmal die Diskussion, ob wir überhaupt „echte Blogger“ seien oder eher ein Online-Verlag, und je nach Tagesform sind wir unterschiedlicher Meinung. Aber an dieser Stelle denke ich wieder, nein, wir sind eben doch waschechte Blogger.

Vielleicht in diesem Kontext ganz interessant ist ein Artikel über Kommentar-Usability, den wir (Zeix) im Oktober für die Netzwoche geschrieben haben: «Leserbriefe schreiben doch nur Rentner und Nörgler».)

Jetzt doch: Bildagentur beliefert Blogwerk

Man darf sich mal so richtig aufregen, wenn man sich von anderen Leuten grob fehleingeschätzt fühlt, aber ich finde, man muss auch seine Entrüstung gerade rücken, wenn die andere Seite sich eines besseren besonnen hat. Insofern bin ich vielleicht tatsächlich doch kein typischer Journalist, denn denen ist ja alles egal, nachdem der Artikel mal raus ist.[/polemisier][/generalisier]

Jedenfalls durfte ich heute zum Ortstermin antreten und sprach dort mit einem sehr netten Herrn COO, wir verstanden uns gut, und sie beliefern uns nun doch. Na bitte.

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.

Geburtstagsgratulationsstatistik: von persönlich zu elektronisch

Nicht ganz genau abgezählt, aber doch ziemlich genau:

Persönlich: 5

Telefonanruf: 7
Skype-Anruf: 2

SMS: 21
E-Mail: 12
Skype/Google Talk: 11
Nachricht in XING/Facebook: 7
Blog-Kommentare: 2 (einfach irgendwo kommentiert)

Nicht mitgezählt habe ich die etwa 15 Auto-Nachrichten von irgendwelchen Websites, die mein Geburtsdatum korrekt in der Datenbank haben, von Tchibo bis AllesBonanza.net.

Gestern war halt Sonntag; an einem Wochentag wären nochmal 20 persönliche im Büro dazugekommen, aber das ist nicht der Punkt. Sondern interessant finde ich zweierlei:

1. Die eindeutige Verschiebung von Anrufen zum Senden einer elektronischen Nachricht. Vor zehn Jahren, würde ich aus dem Gedächtnis behaupten, haben von den heutigen SMS-Sendern (so ich sie damals schon kannte) noch 15 angerufen. Durch die zwei Skype-Anrufe, die vielleicht damals nicht gekommen wären, wird das nur schlecht kompensiert. Vor allem hätte ich damals nicht gedacht, dass unter den SMS-Überläufern Vertreterinnen der 60-plus-Generation wie meine Tante sind.

2. Die Glückwünsche der letzten beiden Kategorien kommen teilweise von recht fremden Leuten, die einfach auf der XING-Geburtstagsliste meinen Namen oder in Skype das Event („Geburtstag eines Kontakts“) gesehen haben. Ist OK, mache ich auch, aber ist doch was anderes als richtig selbst dran zu denken wie früher. (Was natürlich auch Quatsch ist, denn bei mir denkt auch schon seit den frühen Neunzigern vor allem der PDA dran.)

Fazit: Es gratulieren mehr Leute als früher, aber es ist irgendwie weniger persönlich. Dieses Internet führt eben letztendlich doch in die gefühlte soziale Isolation.